Moskauer Villa gegen Berliner Altbauwohnung

Foto: Getty Images

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Urlaub jenseits des Pauschaltourismus boomt in Ost und West. Wer sich auch im Urlaub wie zu Hause fühlen möchte, nutzt den Haus- oder Wohnungstausch-Urlaub und bekommt einen authentischen Einblick in Land und Leute des Reiseziels.

In Europa gibt es die Idee des Haus- oder Wohnungstausch-Urlaubs zwischen Familien aus verschiedenen Ländern schon seit mehr als einem halben Jahrhundert. Nun haben auch die Russen diese alternative Form des Reisens für sich entdeckt. Immer mehr russische Urlauber verzichten auf Pauschalreisen mit Übernachtung in einem unpersönlichen Hotel und die Standard-Stadtführung mit der Reisegruppe. Der Haus- oder Wohnungstausch-Urlaub bietet hingegen einen Einblick in das wirkliche Leben am Reiseziel abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Die unverfälschten Eindrücke von Land und Leuten begeistern die meisten Tausch-Urlauber schon beim ersten Mal so sehr, dass sie danach nie wieder eine Pauschalreise buchen oder im Hotel übernachten möchten.

 

Inspiriert vom Film

Alla Petrjakowa aus Toljatti kam, wie viele ihrer Landsleute auch, auf den Geschmack, es mit dem Tausch-Urlaub einmal auszuprobieren, nachdem sie 2006 den Film „Liebe braucht keine Ferien“ im Kino gesehen hatte. Im Film verbringen zwei Frauen, dargestellt von Cameron Diaz und Kate

Winslet, ihren Urlaub jeweils im Haus der anderen und finden dabei die Liebe und zu sich selbst. Petrjakowa erzählt: „Als erstes wählte ich Italien aus, für mich das Land der Liebe, der Romantik, des Strandurlaubs und – natürlich – des Shoppings.“ Später lernte sie die in Hannover lebende Julia Filimonowa kennen, die Chefin der russischen Dependance der Wohnungs- und Haustauschbörse Homelink ist. Seitdem reist Alla Petrjakowa jedes Jahr nach Deutschland.

Filimonowa kennt die besonderen Vorteile des Tausch-Urlaubs: „Die Menschen können echtes Lokalkolorit spüren und knüpfen schneller Kontakte.“ Zudem rechne sich ein Tausch-Urlaub, er koste deutlich weniger. Besonders attraktiv sei diese alternative Art zu reisen auch für Familien mit Kindern: „Die Kinder können das Spielzeug der Gastfamilie nutzen und das Essen kann selbst gekocht werden. Das ist auch ein Vorteil für Menschen, die zum Beispiel eine Diät einhalten müssen“, sagt Julia Filimonowa.

Homelink ist eine der Plattformen, die Haus- und Wohnungstausch-Urlaube in aller Welt über das Internet vermitteln. Dazu muss man sich registrieren und meist auch eine Gebühr bezahlen. Damit möchten die Anbieter Missbrauch vorbeugen. Wer bereit ist, im Jahr bis zu 140 Euro zu zahlen, der hat auch ernsthafte Absichten, so die Überlegung.

Mit etwas Aufwand kann man im Internet aber auch kostenlose Anbieter

finden, wie zum Beispiel das russischsprachige Portal „obmendomami.ru“, das seit 2010 seine Dienste anbietet. Hier findet man unter anderem Angebote aus deutschen Großstädten wie Berlin, Köln, Düsseldorf oder Hamburg. „Wir sind ein russischsprachiges Portal, deshalb stammen die Angebote aus dem Ausland überwiegend von ehemaligen Landsleuten“, erzählt Jekaterina Suchowa, die Gründerin des Portals. Die Nutzer des Portals sind so unterschiedlich wie die Angebote. „Sogar Nachkommen der fürstlichen Familie Galizyn haben schon ihre Pariser Wohnung im Austausch gegen eine Unterkunft in Sankt Petersburg angeboten, um dort Russisch zu lernen“, berichtet Suchowa.

 

Urlaub ohne Klischees

Den Urlaub kann man entweder zeitgleich mit der Gastfamilie verbringen oder aber zeitversetzt, indem man sich gegenseitig besucht. Manche Gastfamilien überlassen den Gästen ihr Auto oder die Mitgliedskarte für den Fitnessclub. Spezielle Versicherungen decken mögliche Risiken ab. 

In Deutschland nutzen bereits viele die Vorteile des Tausch-Urlaubs. Osteuropa ist dabei ein durchaus beliebtes Reiseziel. Gerhard Büchter aus

dem Städtchen Detmold in Westfalen beispielsweise macht schon sehr lange Wohnungstausch-Urlaub. Mit seiner Frau und den vier Kindern war er schon in den USA, Finnland, Dänemark, Holland und Schweden – bis er Osteuropa entdeckte. Seitdem lässt ihn die Region nicht mehr los. In den letzten 15 Jahren war Büchter zwanzigmal in der Ukraine und dreimal in Russland. Fremdsprachenkenntnisse erleichterten dabei die Kommunikation, seien aber kein „Muss“, betont der Detmolder.

Büchter erzählt, er habe nur gute Erfahrungen gemacht: „Einmal waren wir zu Gast bei einer Lehrerin und deren Sohn in Sankt Petersburg. Sie kochte sogar für uns, und ihre Freundin gab uns eine beeindruckende Stadtführung“, erzählt er. „Ein Jahr später waren wir dann in Moskau und wohnten in einer herrlichen Fünf-Zimmer-Wohnung in einem Stalinbau bei einer Familie von der Krim, die uns die Stadt zeigte.“ Dabei erlebte die Familie auch Momente, die bis heute unvergessen sind: „In der U-Bahn hatten wir ein Erlebnis, dass an Sowjetzeiten erinnerte. Ich fotografierte den Tunnel mit dem einfahrenden Zug, als Polizisten auf mich zukamen und mir das Aufnehmen verboten.“

 

Traumziel Sibirien

Moskau und Sankt Petersburg sind noch immer die am meisten besuchten Städte der deutschen Tausch-Urlauber. Da passt es gut, dass 40 Prozent der Angebote ohnehin von Moskauern und Sankt Petersburgern stammen, sagt Alla Petrjakowa. Doch es kommen immer mehr Ziele hinzu. „Die Deutschen sind sehr pragmatische, fortschrittliche Menschen, die sich für immer neue Reiseziele interessieren und diese sehr aktiv erkunden“, fasst Alla Petrjakowa ihre Erfahrungen zusammen. Viele Deutsche träumen von einer Fahrt mit der berühmten transsibirischen Eisenbahn, sodass in Zukunft sicher auch Städte in Sibirien und im Fernen Osten stärker nachgefragt werden.

Die Russen nutzen den Tausch-Urlaub auch im eigenen Land, wie zum Beispiel die Journalistin Marta Sawenko aus Moskau, die ihren ersten Tausch-Urlaub in Nowosibirsk verbrachte. Und das, obwohl die Russen beim Wohnungstausch Ausländern mehr als ihren eigenen Landsleuten trauen, wie Alla Petrjakowa behauptet.

Zukünftig wird erwartet, dass mehr Russen Urlaub im Ausland machen. Zurzeit haben nur etwa 30 Prozent der Russen einen Reisepass, doch diese Zahl wird steigen und damit sicher auch die Beliebtheit des Wohnungs- und Haustausch-Urlaubs.

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