Russlands Patrioten und Beschützer: Ein Besuch bei den Kosaken

RBTH wirft einen Blick hinter die Kulissen einer modernen Kosakengemeinschaft, über die zahlreiche makabre und unglaubwürdige Gerüchte im Umlauf sind. Wie sich herausstellt, ist vieles davon reine Fiktion.

Der Unterschied zur Polizei ist, dass die Kosaken während der Straßenpatrouillen unbewaffnet sind. Foto: Anton Tschurotschkin

Die Kosaken, so die gängige Beobachtung, sorgen häufig für Schlagzeilen in den Medien. Mal sieht man Männer, die als Kosaken verkleidet mit Peitschen auf die Pussy-Riot-Sängerinnen einprügeln, ein anderes Mal kidnappen sie OSZE-Beobachter im Osten der Ukraine. Aus dem Kreis der Kosaken werden Militäreinheiten bei den russischen Streitkräften gebildet oder sie präsentieren sich hoch zu Ross in Paradeuniform den Kameras und verlautbaren dabei, dass sie für Ordnung auf den Moskauer Straßen sorgen werden. Aber nur den Wenigsten ist tatsächlich bekannt, wer die Kosaken eigentlich sind – eine Volksgruppe, eine Kriegerkaste oder Angestellte im Staatsdienst?

 

Loyale Demokraten

In Russland leben mehrere Millionen Kosaken. Genauere Zahlen sind nicht bekannt, da die Kriterien, die es erlauben würden, jemanden als Kosaken einzustufen, sehr verschwommen sind. Tatsächlich ist es sehr schwierig, einen echten Kosaken von einem unechten zu unterscheiden.

Der in Rostow am Don lebende, gebürtige Kosake Nikolai Djakonow, stellvertretender Ataman des Großen Don-Heers, behauptet jedoch: „Sie brauchen nur zu fragen, woher der vermeintliche Kosake kommt. Ein echter Kosake antwortet immer, welcher Familie er angehört und aus welcher Staniza (Kosakensiedlung) seine Vorfahren stammen." In den dicht bevölkerten Kosaken-Siedlungen wählen die Männer bei einer Versammlung, dem sogenannten Kreis, in einem demokratischen Verfahren ihren Ataman und bestimmen, wer wofür zuständig ist. Die Verantwortlichen übernehmen daraufhin die Bildung von Kosakenchören und Tanzgruppen, fördern den traditionellen Reitsport oder veranstalten Treffen mit Jugendlichen. Schlussendlich sind sie auch für die Ordnung zuständig: Sie patrouillieren als Bürgerwehr auf den Straßen und sind da, wenn irgendwo irgendetwas passiert. Die Kosaken sind eine Art Zivilgesellschaft, nur dass ihr nicht alle Bürger eines Landes angehören. Die Kultur der Kosaken setzt Kenntnisse der russischen Geschichte, Respekt gegenüber den Kosakentraditionen und dem orthodoxen Glauben, Freiheitssinn sowie paradoxerweise eine damit verbundene Loyalität gegenüber dem Staat voraus.

 

Singen, Tanzen und Brände löschen

Seit 1992 werden die Kosaken durch Verfügung des russischen Präsidenten in ein spezielles Register aufgenommen. Durch die Aufnahme in dieses Register werden sie vom Staat offiziell als Kosaken geführt. Dadurch könne sie in den Staatsdienst aufgenommen werden, obgleich dies natürlich nicht alle Kosaken anstreben. Viele gründen lieber eigene unabhängige Vereine. Manche schließen sich aber auch gar nicht zusammen, sondern leben einfach in ihren Traditionen. „Das Kosakenheer besteht aus Kosakenvereinen, die sich selbst statuieren", sagt Wassilij Solowjow, stellvertretender Ataman des Kosaken-Bezirksvereins Südost.

In Zivilkleidung wirkt Solowjow nicht wie ein Kosake, sondern wie ein herkömmlicher Büroangestellter. Das Stabsquartier seines Vereins in einem entlegenen Stadtteil von Moskau erinnert ebenfalls an ein Büro, abgesehen von den Wänden, die mit Diplomen und Fotos von uniformierten Kosaken zu Pferd, im Spalier und in enger Umarmung geschmückt sind.

Solowjow erklärt: „Um in den Staatsdienst aufgenommen zu werden, berufen die Kosaken eine Versammlung ein, geben sich ein Statut und wählen einen Ataman. Anschließend gehen sie zu den Behörden und werden dort ins Register eingetragen. Ab diesem Augenblick dürfen sie offiziell die Kosaken-Uniform mit Rangabzeichen tragen und ihren Dienst leisten." Die Uniform besteht weder aus Riemenpeitschen noch Pelzmützen. Sie erinnert eher an die der russischen Polizisten, nur dass sie eine andere Farbe hat und ein wenig stilisiert ist. Man kann die Kosaken während Straßenpatrouillen, bei der Bewachung von Veranstaltungen oder bei Festnahmen sehen, immer dann, wenn die Polizei ihre Hilfe benötigt.

Der Unterschied zur Polizei ist, dass der Kosake während der Straßenpatrouillen unbewaffnet ist. Juristisch gesehen dürfen sie auch keine Festnahmen durchführen. Sollte ihnen eine Ordnungswidrigkeit

auffallen, müssen sie die Täter so lange aufhalten, bis die Polizei eingetroffen ist. All dies steht in einem Vertrag festgehalten, den die Kosaken mit den staatlichen Strukturen abschließen – sei es mit der Polizei, dem Ministerium für Katastrophenschutz oder einer Militäreinheit. Selbstverständlich tun sie dies nicht unentgeltlich, sondern werden für ihre Dienste angemessen entlohnt. Prinzipiell übernehmen die Kosaken zumeist ganz friedliche Aufgaben: Sie helfen den Rettungsmannschaften beim Feuerlöschen, beseitigen Trümmer nach Erdbeben und Sturmfluten oder suchen nach Menschen, die im Wald verschollen sind. Die Einheiten bestehen ausschließlich aus Kosaken und werden von Atamanen befehligt.

Die Kosaken legen großen Wert auf eine patriotische Erziehung. Um ihre Traditionen zu pflegen, veranstalten sie Treffen mit Kindern und Jugendlichen, erzählen ihnen über die Geschichte und treiben mit ihnen Sport. Im Rahmen des Kulturlebens richten die Kosaken große Volksfeste und Reitsportwettkämpfe aus, tanzen und singen. Die Kosakenvereine sind zu elf großen Heeren zusammengeschlossen, die in einzelnen russischen Regionen stationiert sind. Es gibt sie auch im Ausland: Kosakengemeinden leben heute in Nord- und Südamerika, Europa, Australien und selbst in Afrika.

 

Glaube, Wille und Kampfbereitschaft

In das Stabsquartier des Moskauer Kosakenvereins Südost kommt Ataman Sergej Schischkin herein, gut gelaunt und mit einem riesengroßen runden Bauch. Er zeigt uns sein Arbeitszimmer, das mit den vielen Fahnen, Waffen und Büchern geschmückt ist. Auf dem Tisch liegt das Buch „Geschichte des russischen Staates", das Lebenswerk von Nikolai Karamsin, einem

berühmten russischen Historiker des 18. Jahrhunderts. Auf dem Fensterbrett erblicken wir zudem eine echte Flinte mit abgesägtem Lauf. Sie hat ein überdimensioniertes Kaliber und wenn man sie abfeuert, kann sie einen Menschen in Stücke reißen.

„Alle glauben, dass sie echt ist", lacht der Ataman. „Dabei ist sie bloß mit Gummigeschossen geladen. Ich habe sie zu einer Notwehrwaffe umgerüstet. Aber natürlich hat sie eine große psychologische Wirkung." Im echten Leben ist Sergej Schischkin Geschäftsmann und Abgeordneter im Stadtrat. Die meisten Kosaken üben ausgesprochen friedliche Berufe aus und verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt. Natürlich hat Schischkin noch nie jemanden umgebracht. Aber im Notfall könnte er das. „Ein Kosake ist ein Mann, der Russland, seinem Land, treu ist und den orthodoxen Glauben pflegt", erklärt der Ataman. „Er ist die integrierende Kraft unserer Gesellschaft."

Auch Nikolai, ein sehr modern wirkender stämmiger Mann in mittleren Jahren, der ebenso gut als Türsteher oder auch als Geschäftsmann arbeiten könnte, ergänzt: „Ein echter Kosake hält seine Traditionen in Ehren. Die gesamte Kosakenphilosophie beruht auf drei Pfeilern: Glaube, Wille und Kampfbereitschaft."

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