Konstantin Kossatschow: „Russisch ist die Eintrittskarte in die Welt“

Konstantin Kossatschow: "Wir haben den Akzent von einmaligen Veranstaltungen zu einer langfristigen Arbeit hin verschoben." Foto: Pressebild

Konstantin Kossatschow: "Wir haben den Akzent von einmaligen Veranstaltungen zu einer langfristigen Arbeit hin verschoben." Foto: Pressebild

Konstantin Kossatschow ist Leiter der staatlichen Agentur Rossotrudnitschestwo für Fragen der im Ausland lebenden Mitbürger und für internationale humanitäre Zusammenarbeit. Im Interview mit RBTH spricht er über das Jahr der russischen Sprache und Literatur in Deutschland und die neue Bedeutung der russischen Sprache.

RBTH: Sie sprachen eben auf der Bühne über das Jahr der russischen Sprache und Literatur in Deutschland. Hat die komplizierte außenpolitische Lage die Zielstellung des Projekts verändert?

Konstantin Kossatschow: Vielleicht ist die Zahl der Vertreter der deutschen Regierung auf den Veranstaltungen des russisch-deutschen Jahres zurückgegangen. Das Projekt wird allerdings nicht für die Politiker durchgeführt – es ist nicht so wichtig, wer die Veranstaltungen eröffnet, viel wichtiger ist, auf welche Resonanz sie stoßen und wer sie besucht. In diesem Zusammenhang kann man wohl sagen: „Kein Unglück so groß, es hat ein Glück im Schoß“. Man möchte allerdings nicht mit Konfliktsituationen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Heißt das, dass in Deutschland alle Veranstaltungen planmäßig stattfinden werden?

In Deutschland und auch außerhalb des Landes gibt es viele Menschen, die das deutsch-russische Jahr als ein Mittel zur Bestrafung Russlands

nutzen möchten. Inwieweit die deutsche Regierung, von der alles abhängt, dem Druck standhalten kann, werden wir noch sehen. Allerdings traten deutsche Politiker schon immer durch ihr vernünftiges Handeln hervor. Sie stellen ihre eigenen nationalen Interessen in den Vordergrund, die natürlich auch die engen und konstruktiven Beziehungen mit Russland einschließen sowie die  wirtschaftlichen, politischen und zwischengesellschaftlichen Kontakte. Unsere Völker haben viel gemeinsam. Die Tatsache, dass die Deutschen und die Russen trotz der Geschehnisse in der Vergangenheit freundschaftliche Beziehungen pflegen, deutet auf das Gemeinschafts- und Verantwortungsbewusstsein hin, das uns eint.

 

Was wird Russland nun tun? Wird es nach neuen Formen einer Kulturpolitik im Ausland suchen oder wird es versuchen, seine Position zu behaupten und die bestehenden Formate beizubehalten?

Wir brauchen die ständige Suche. Aber sie hängt zuletzt mit außenpolitischen Erschütterungen zusammen. Die Welt ändert sich, dabei entstehen neue Formate, und man muss konkurrenzfähig bleiben. Wir müssen die besten Erfahrungen aus dem Ausland analysieren und uns gleichzeitig auf die eigenen Möglichkeiten konzentrieren. In kultureller Hinsicht kann unser Land durchaus auf eigenen Beinen stehen.

Woran erkennt man die kulturelle Einzigartigkeit Russlands?

In vielen europäischen Ländern lösen sich die nationalen Kulturen in einer Mainstream-Kultur, einer universellen Kultur auf. Natürlich wehrt sich Europa dagegen: Wir kennen zum Beispiel die großen Vorbehalte der Franzosen gegenüber ausländischen Kulturprodukten. In Russland läuft man der kulturellen Infrastruktur hinterher, aber was die nationale Kultur angeht, so versuchen wir, unsere Einzigartigkeit zu bewahren.

Wodurch unterscheidet sich das aktuelle russisch-deutsche Jahr von dem vergangenen?

Wir haben den Akzent von einmaligen Veranstaltungen zu einer langfristigen Arbeit hin verschoben. So baut man zum Beispiel Kontakte zwischen russischen und deutschen Universitäten auf. Alles, was wir in diesem Jahr tun werden, bildet ein festes Fundament für die späteren Jahre und Jahrzehnte. Wenn jemand von einer deutschen Universität beschließt, eine Fremdsprache zu lernen, wird sie ihn sein ganzes Leben begleiten.

Warum lohnt es sich, gerade Russisch zu lernen?

Die russische Sprache ist eine Eintrittskarte in die Geschäfts-, Wissenschafts- und Kulturwelt sowie in viele andere Bereiche von über zwanzig Staaten. Die Ära, in der Menschen gezwungen waren, Russisch zu lernen, geht zu Ende. Aber die Jugend entscheidet sich immer noch bewusst für Russisch, rein aus pragmatischen Gründen. Der

Anwendungsbereich der russischen Sprache wird nach einer Rezessionsphase wieder ausgeweitet. Zum Beispiel fiel die russische Sprache nach ihrer Beliebtheit vor zehn Jahren in den polnischen Schulen auf den 15. Platz zurück, heute belegt sie wieder den zweiten Platz. In Bulgarien überholt die russische Sprache gerade die englische. Für einige ist Russisch die Sprache von Puschkin und Tolstoj, für die anderen ist sie die Sprache der Wirtschaft und Forschung. Russisch ist aber auf jeden Fall die Sprache der Zukunft.