„Die Unkenntnis über Russland ist groß“

Benedikt Brisch leitet beim DAAD die Gruppe „Mittel- und Osteuropa/GUS“, die den Austausch in Forschung und Lehre mit insgesamt 29 Ländern betreut. Im Gespräch mit RBTH spricht er über das positive Deutschlandbild in Russland, Möglichkeiten des Spracherwerbs sowie den hohen Stellenwert der Bildung in Russland.
Benedikt Brisch. Foto: DAAD

RBTH: Mir ist während meiner Studenteninterviews vor einem Jahr aufgefallen, dass das Deutschlandbild in Russland wohl anders ist, als wir uns das normalerweise vorstellen. Welche weiteren Missverständnisse in Bezug auf die Deutschen sind Ihnen bei den Russen begegnet und andersherum?

Benedikt Brisch: Das Deutschlandbild in Russland ist durchweg positiv. Das ist für viele Deutsche immer wieder überraschend. Deutschland wird nicht mehr auf die Vergangenheit des 20. Jh. reduziert, sondern eher in Bezug gesetzt mit den historischen Gemeinsamkeiten zur Zeit eines Alexander von Humboldt und auf die Gegenwart und die wirtschaftlichen Erfolge. Missverständnisse gibt es am ehesten bei der Frage "was stellt das moderne Deutschland dar, und wie sieht es in Europa aus?" Wie viel kulturelle Offenheit in Deutschland besteht, und wie international es geworden ist, ist für viele Russen erst einmal überraschend. Auch die verhältnismäßig und relativ große Toleranz, die in Deutschland vorherrscht, kommt unerwartet. Wenn es um den Bereich unterschiedlicher sexueller Orientierungen geht, sagen manche Russen sogar, Deutschland sei zu tolerant. Das Missverständnis liegt da in der Erwartung einer größeren Homogenität.

Andererseits fahren im akademischen Austausch zu Studiums- und Forschungsaufenthalten drei Mal mehr Russen nach Deutschland als andersherum. Warum ist das so? Als Erbe aus der Zeit des Kalten Krieges lastet auf uns eine große allgemeine Unkenntnis über Russland, und die ist bis heute ungebrochen. Die Medien tragen durch wenig detaillierte, manchmal auch stark klischeebetonte Berichterstattung dazu bei. Wie sehr

sich z.B. auch in Russland Wohlstand verbreitet hat, dass es dort tatkräftige junge Unternehmer gibt, ist für deutsche Besucher neu. Die große Bedeutung, die Wissenschaft, Bildung und Kultur im Sozialprestige der Russen genießen, ist hier auch nicht allgemein bekannt.

Dass Sprachkenntnissen hierbei eine Schlüsselrolle zukommt, ist eine Binsenweisheit.

Um die Geschichte, die Kultur und die Menschen zu verstehen, ist es natürlich notwendig, dass man mit ihnen und nicht nur über sie spricht. Der DAAD fördert mit seinen Programmen seit Jahren erfolgreich ausländische Stipendiaten beim Erwerb der Landessprache im einen wie im anderen Land.

Die Lernbereitschaft der Schüler und Studenten ist gesunken, und zwar sowohl dem Russisch gegenüber in Deutschland wie der deutschen Sprache in Russland gegenüber. Ist nur die Omnipräsenz des Englischen daran schuld?

Die Globalisierung stärkt die Ausrichtung auf das Englische natürlich. Aber das bedeutet zugleich, dass Studenten sich über die zweite oder dritte Fremdsprache mehr qualifizieren können. Dieser Weg, auch zu dieser beruflichen Zusatzqualifikation, sollte natürlich gefördert werden. Um mehr deutsche Studenten auch zum Studium nach Russland zu locken, ist weniger die perfekte Infrastruktur im Gastgeberland entscheidend. Die Studenten wünschen sich vor allem ein interessantes Studium, und da ist Vieles möglich. Ein erfolgreiches Beispiel kann ich nennen: der DAAD fördert im Programm "go east" inzwischen 34 Sommerschulprogramme, um deutschen Studenten den Sprung zu erleichtern – und zwar in einem breiten Spektrum von Fächern; z.B. Literatur oder Wirtschaft. Zu den Themen der Sommerschulen gehört Weltraumtechnologie genauso wie Fragen der Ökologie in Sibirien. Das ist durchaus attraktiv und wird wahrgenommen, und wer dies ein Mal gewagt hat, empfiehlt das in der Regel auch weiter."

Welche Rolle kommt da den einzelnen Sprachlehrern zu?

Den jungen Menschen heute ist es sehr wichtig, einen aktuellen Zugang zur Kultur zu bekommen. Natürlich sind Höhepunkte der klassischen Kultur wie Puschkin und Goethe wichtig, aber gerade junge Menschen suchen

das Gegenwärtige. Dieses Interesse ist auf beiden Seiten vorhanden. Unser Eindruck ist, dass Sprachlehrer viel gewinnen, wenn sie diesen Aspekt mehr im Auge behalten. Der DAAD hatte vor einigen Jahren den damals 17-jährigen Benjamin Lebert nach Rostov am Don eingeladen, und die Resonanz der Studenten war groß. Das Interesse daran, wie ein Altersgenosse einen Bestseller schreiben konnte, übertrug sich dann in den Gesprächen auch zum Teil auf das Land seiner Herkunft.

Wie kann das weiter gefördert werden?

Jede Gelegenheit, die Hemmschwellen zu überwinden und spielerisch mit der anderen Sprache in Kontakt zu kommen, ist wahrzunehmen. Diese Initiativen finden in beiden Ländern statt. In Deutschland fährt z.B. ein "Russomobil"  seit 2010 von Schule zu Schule und versucht, den Schülern einen entspannten Erstkontakt mit dem Russischen zu ermöglichen. So schwer ist der Spracherwerb nicht, wenn man es versucht!

Benedikt Brisch leitet im DAAD das Team Osteuropa, das den Austausch in Forschung und Lehre mit 29 Ländern betreut.

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