Autisten erstmals im Blickfeld der russischen Gesellschaft

Der Dokumentarfilm „Anton's right here" sorgte in Russland für Debatten über die Probleme der Autisten. Foto: Walerij Melnikow/RIA Novosti

Der Dokumentarfilm „Anton's right here" sorgte in Russland für Debatten über die Probleme der Autisten. Foto: Walerij Melnikow/RIA Novosti

Menschen mit Autismus haben in Russland noch keine Lobby. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sind nur unzureichend. Zwei Filmregisseurinnen wollen das ändern.

Im Jahr 2012 entfachte der Dokumentarfilm „Anton tut rjadom" („Anton's right here") eine Debatte über Autismus sowie über die damit einhergehenden sozialen Probleme. Die Idee zu diesem Film über Autismus hatte Ljubow Arkus, die Chefredakteurin und Kinokritikerin des Magazins „Seans". Mit „Anton's right here" feierte Arkus ihr Debüt als Regisseurin. Im Mittelpunkt der Dokumentation steht das Schicksal von Anton, einem autistischen Jungen. Während der vierjährigen Dreharbeiten stirbt Antons Mutter an Krebs. Anton ist nun auf sich allein gestellt und kommt in verschiedenen Heimen unter. Betreuung und Hilfe bekommt er dort nicht.

 

Leben wie Gefangene

Mit ihrem Film gelingt es Arkus, den typischen Lebensweg von Autisten in Russland nachzuzeichnen. Wie sich in „Anton's right here" herausstellt, ist Anton der einzige Autist in dem psychoneurologischen Zentrum, wo alle Bewohner mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt werden. „In der Gesellschaft werden Autisten ausgegrenzt", erklärt die Regisseurin. „Solange sie bei ihrer Familie sind, leben sie wie Gefangene in einer Zelle. Diese Zelle ist ihre Wohnung, und sie und ihre Eltern sind deren Geiseln", sagt Arkus. „Wenn den Eltern etwas zustößt, werden die Kinder schließlich zu vollkommenen Gefangenen, die noch weniger Rechte besitzen als Häftlinge in einem Gefängnis, die Straftaten begangen haben", kritisiert sie.

Arkus' Drama ergriff nicht nur die Kinobesucher, sondern erreichte weit mehr Menschen. Autismus wurde erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Auch das Wort selbst erreichte die Alltagssprache erst durch den Film: Autistisch sein ist nun für viele Jugendliche ein Synonym für mit niemandem reden wollen, niemanden sehen wollen. Arkus gab den Autisten gewissermaßen eine Stimme. Es entstanden die ersten Sozialprojekte, in deren Fokus Hilfestellungen für Autisten stehen.

 

Öffentlichkeit herstellen

Die Regisseurin Awdotja Smirnowa rief die Stiftung Wychod („Ausweg") ins Leben, da ihr bewusst wurde, dass diese Menschen nichts und niemanden haben. Das Konzept der Stiftung liegt darin, in Russland umfassende Arbeitsprogramme mit Autisten zu schaffen. So soll ein sozialer Mechanismus in Gang gesetzt werden, damit Hilfe für alle zugänglich ist, die sie benötigen. „In Russland wird für Autisten nichts getan. Es gibt keine Diagnostik, keine Ärzte, keine Pädagogen, keine Sozialarbeiter und keine Gesetzgebung. Kinder mit Autismus werden lediglich vom Spielplatz

vertrieben und weder in Kindergärten noch in Schulen aufgenommen", kritisiert Smirnowa und fügt verärgert hinzu: „Den Eltern wird stattdessen erklärt, dass sie besser noch ein weiteres Kind bekommen sollten." Der Regisseurin zufolge war die Diagnose Autismus im Jahr 2011 noch nicht einmal offiziell in Russland anerkannt. Deshalb sei es „die erste Aufgabe der Stiftung Wychod, auf qualifizierte Weise die Gesellschaft über diese Krankheit zu informieren."

In Russland gibt es noch keine offizielle Statistik zur Anzahl von Menschen mit Autismus. Doch es gibt soziologische Studien, die einen Zusammenhang zwischen Autismus und daraus resultierender finanzieller Probleme für die Betroffenen und ihre Familien belegen. Demnach gehören 80 Prozent der Familien, die ein Kind mit Autismus haben, zur ärmeren Bevölkerungsschicht. Die medizinische und therapeutische Versorgung belastet die Familien finanziell im Durchschnitt mit 700 bis 1 900 Euro monatlich. Kinder mit Autismus brauchen ständige Pflege und Betreuung, somit kann meist nur ein Elternteil arbeiten gehen. Dies und der Umstand, ein behindertes Kind zu haben, führen oft zu Depressionen und zu Scheidung. Die meisten Autisten leben in Ein-Eltern-Familien.

 

Chancen geben

Die Stiftung Wychod hat aus diesem Grund mehrere soziale Projekte gestartet, die auf die Lösung von konkreten Problemen, mit denen sich Autisten und ihre Familien konfrontiert sehen, ausgerichtet sind. Das Projekt „Stschastliwij dom" („Glückliches Zuhause") befasst sich mit der Schaffung von betreutem Wohnraum, wo Jugendliche mit Autismus, die ihr 18. Lebensjahr erreicht haben, wohnen, arbeiten und mit anderen Freundschaften knüpfen können.

Die Stiftung widmet sich zudem dem Problem, dass Kinder mit Autismus aus dem Bildungsprozess ausgeschlossen werden. Das Ziel der Projekte in

diesem Bereich ist es, den Kindern soziale und kommunikative Fähigkeiten zu vermitteln, damit sie in normale Kindergärten und später auch zur Schule gehen können. Im Rahmen dieses Projekts wurde die erste Integrationsklasse in Russland gegründet, in der Kinder mit Autismus auf die Schule vorbereitet werden.

Um die Diagnostik von Autismus in Russland zu fördern, werden im Rahmen der Stiftung Wychod 200 Kinder mit Autismus untersucht. Auf Basis der Untersuchungsergebnisse soll der Status quo in der Erkennung und Behandlung von Autismus verbessert werden. Je früher der Autismus erkannt und therapeutisch begleitet wird, desto größere Fortschritte können erzielt werden. Awdotja Smirnowa ist überzeugt, dass es gelingen werde, ein System früher Hilfen und unterstützender Maßnahmen in Russland zu etablieren, doch sie meint auch, dass dies noch Jahrzehnte dauern könne.

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