Russisch im Trend

Projekt „RussoMobil“ in Beudnitz. Foto: Olga Schtyrkina

Projekt „RussoMobil“ in Beudnitz. Foto: Olga Schtyrkina

Russisch gilt in Deutschland als schwere Sprache. Dennoch besuchen immer mehr Deutsche Russischkurse und das Angebot wächst. Gründe dafür gibt es viele – der beste ist die Liebe zu Land und Leuten.

Russisch lernen liegt im Trend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lernten im Jahr 2013 etwa 108 400 Schüler allgemeinbildender Schulen Russisch als Fremdsprache.

 

Ein beliebtes Unterrichtsfach nicht nur im Osten Deutschlands

„Die meisten Schüler, die die russische Sprache erlernen, kommen aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt", erzählt Oxana Kogan-Pech, die Koordinatorin des Projekts „RussoMobil", das Russisch als Fremdsprache in deutschen Schulen fördert. Sachsen steht dabei mit 19 000 Schülern an der Spitze, weiß Dr. Olga Vladimirova, die Leiterin des Sprachenzentrums im Berliner Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur (RHWK). „An nordrhein-westfälischen Schulen gibt es ebenfalls eine lange Tradition des Russischunterrichts", führt sie weiter aus. Das einzige Bundesland, in dem es an den Schulen kein Russischangebot gibt, ist das Saarland. Die Universität Saarbrücken ist allerdings bekannt für ihre Slawistik-Fakultät.

An deutschen Schulen können die Schüler Russisch als zweite oder dritte Fremdsprache lernen. „Wir sind eine kleine Schule mit nur dreihundert Schülern und bieten Russisch als zweite Fremdsprache an", erzählt Christa

Kurtuschin vom Goethe-Schiller-Gymnasium im brandenburgischen Jüterbog. „Wir schaffen es immer, eine Russisch-Klasse mit zwanzig bis dreißig Schülern einzurichten", sagt sie. Monika Fiedler vom Rouanet-Gymnasium Beeskow, ebenfalls in Brandenburg, unterrichtet seit über 20 Jahren Russisch. Sie glaubt, dass Partnerschulen in Russland die Neugier der Schüler auf diese Sprache wecken. So können Schüler höherer Jahrgangsstufen, die Russisch als dritte Fremdsprache gewählt haben, ihre Kenntnisse beim Schüleraustausch mit einer Schule in Woronesch vertiefen.

Von der ersten Klasse an gehört Russisch zum Unterrichtsprogramm der privaten Waldorfschulen. Nicht zu vergessen sind außerdem die russischen Schulen, von denen es an die 500 gibt. 80 Prozent von ihnen sind relativ klein und eher vergleichbar mit Freizeitzentren, in denen die Kinder außer Zeichnen und Tanzen auch die russische Sprache erlernen. Es gibt aber auch Ausnahmen wie die russische Schule in Erlangen, die über 400 Schüler besuchen. „Unter den Schülern sind auch Kinder aus polnischen, bosnischen oder tschechischen Familien", sagt Dr. Vladimirova. „Aber auch deutsche Eltern, die beispielsweise aus beruflichen Gründen schon einmal in Russland gelebt haben, schicken ihre Kinder auf die russische Schule, damit sie die Sprache nicht verlernen."

 

Es gibt viele Gründe, Russisch zu lernen

Dr. Olga Vladimirovas Schüler lernen ganz freiwillig. In das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in der Berliner Friedrichstraße kommen Sprachschüler zwischen fünf und 87 Jahren.

Im Jahr 2013 besuchten 746 Personen Russischkurse im Berliner RHWK.

„Für viele meiner Schüler ist das ein Hobby. Sie lernen Russisch aus Leidenschaft, Liebe zur Literatur und zum Land", erzählt Nadjeschda Otten, Lehrerin am Zentrum für russische Sprache. „Manche brauchen die Sprache für ihren Beruf, andere haben russische Freunde." Einige hatten ihren ersten Russischunterricht zu DDR-Zeiten in der Schule und wollen jetzt, fast dreißig Jahre später, ihre Kenntnisse wieder auffrischen. So ähnlich auch der Franzose Henri Boulicault, der vor 35 Jahren in der Schule Russisch gelernt hatte und nun seit bereits sieben Jahren die Kurse im RHWK besucht. Er ist begeistert von der Schönheit der Sprache. Anders Andreas Wells, der vor seiner Reise nach Sankt Petersburg mit Russisch anfing, oder die 29-jährige Jette Klinger, die in Russland gearbeitet hatte und nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ihre Sprachpraxis nicht verlieren wollte.

Die engen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland erzeugen einen steigenden Bedarf an Fachkräften mit russischen Sprachkenntnissen. An deutschen Universitäten gibt es inzwischen ungefähr dreißig Institute und Fachbereiche für Slawistik, mehr als hundert internationale Programme bieten Möglichkeiten zum interkulturellen Studium. „Manche Programme sind auf den Spracherwerb konzentriert, einige nähern sich Russland aus interdisziplinärer Perspektive. Letzteres bietet etwa die Universität Potsdam", sagt Dr. Vladimirova. „German Studies Russia" ist ein Bachelor- Begleitstudium der FU Berlin und des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (MGIMO). Vladimirova weist auch auf „hervorragende Programme" in Kassel, Braunschweig, München, Ingolstadt, Essen und Freiburg hin. „Dort wird nicht nur mit Moskau oder

Sankt Petersburg zusammengearbeitet, sondern auch mit Nowosibirsk, Irkutsk und Kasan", hebt sie den besonderen Reiz dieser Angebote hervor.

Das Statistische Bundesamt zählt 400 000 Studenten in Studiengängen, die im Bereich der Slawistik angesiedelt sind. Fast 20 000 Personen lernen Russisch an universitären Sprachenzentren. „Wir bieten zwei Bachelor-Studiengänge an, Russisch und Slawische Sprache und Literatur", erzählt Dr. Heike Wapenhans von der Humboldt-Universität zu Berlin. „Ende der Neunzigerjahre waren noch 80 Prozent der Russischstudenten Deutsche und nur 20 Prozent kamen aus russischen Familien. In den vergangenen Jahren hat sich dieses Zahlenverhältnis umgekehrt", bemerkt Wapenhans, die seit fast zwanzig Jahren am Institut für Slawistik der HU Berlin tätig ist. Ob Russe oder Deutscher sei für den Spracherwerb unwichtig: „Bei uns kann man ab Oktober auch Russisch ohne Vorkenntnisse studieren. Es wird einen Anfängerkurs geben", sagt Wapenhans.

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