„Putin spricht in Bildern“

Die Dolmetscherin Kristin von Tschilschke (links) mit einer Kollegin bei der Arbeit. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Die Dolmetscherin Kristin von Tschilschke (links) mit einer Kollegin bei der Arbeit. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Die russische Sprache braucht viel Fleisch und Putin ist eine Herausforderung – Kristin von Tschilschke, Konferenzdolmetscherin und Mitglied des Internationalen Verbands der Konferenzdolmetscher, erzählt, was das Besondere am Russisch-Dolmetschen ist.

RBTH: Im Bestseller von Javier Marías „Mein Herz so weiß" verändert ein Dolmetscher ein Gespräch zwischen einem spanischen Würdenträger und einer englischen Staatslenkerin, indem er ihnen seine eigenen Gedanken in den Mund legt...

Kristin von Tschilschke: Das wäre garantiert sein letzter Auftrag. (lacht) Ein Dolmetscher ist zu Loyalität gegenüber seinen Kunden verpflichtet. Dennoch hat der Dolmetscher einen gewissen Einfluss. Allein durch seine Person kann er positiv auf eine Gesprächssituation einwirken. Ein Dolmetscher sollte weder ein Selbstdarsteller noch eine graue Maus sein. Ab und zu muss er sich auch durchsetzen können, zum Beispiel, wenn alle durcheinander reden und Chaos entsteht. Die Deutschen diskutieren zum Beispiel untereinander, die Russen sitzen nur da. Eine Kollegin von mir hat in so einer Situation einfach aufgehört, zu dolmetschen, bis die Leute bemerkt haben, dass sie nicht alleine waren.

Und wenn es hart zugeht, glättet der Dolmetscher dann die Wogen?

Wenn harte Worte gesprochen werden, steht es dem Dolmetscher nicht zu, sie abzumildern, selbst wenn er das vielleicht gerne tun würde. Wenn sich ein Redner aber verspricht oder unabsichtlich etwas Verletzendes sagt und man weiß, dass dies zu einem Missverständnis führen könnte, muss man schon eingreifen. Denn der Dolmetscher übersetzt ja nicht nur Worte, sondern auch Intentionen.

Im Film „Die Dolmetscherin" ist die von Nicole Kidman gespielte Protagonistin persönlich stark in das Geschehen involviert. Kennen Sie das?

Ich persönlich empfinde während des Dolmetschens absolute Distanz zu dem Gesagten, denn ich bin völlig konzentriert. Ich bleibe bei der Arbeit absolut neutral. Danach bezieht man innerlich vielleicht schon Position.

Während man beim Konsekutivdolmetschen als Außenstehender den Prozess des Übersetzens noch mitverfolgen kann, erscheint der Simultandolmetscher als ein geheimnisvoller Mensch, der in einer Kabine versteckt ist.

Das Simultandolmetschen entstand während der Nürnberger Prozesse. Man stellte damals fest, dass es unmöglich war, einen so umfangreichen Prozess in mehreren Sprachen mit konsekutiver Verdolmetschung zu führen. Man suchte nach einem effizienteren Weg. Später entwickelte man schallisolierte Kabinen, um die Dolmetscher vor Nebengesprächen zu schützen.

Ist Simultandolmetschen nicht unglaublich schwer?

Das lernen Dolmetschstudenten während ihrer Ausbildung an der Hochschule. Sie beginnen mit kurzen, leichten Redeabschnitten. Am Ende

müssen sie in der Lage sein, eine halbe Stunde am Stück simultan zu dolmetschen.

Ist Ihr Berufsstand anerkannt?

Die Menschen, die häufig verdolmetscht werden, wie zum Beispiel Politiker, schätzen qualifizierte Dolmetscher, denn sie bemerken sofort, ob auch Nuancen richtig vermittelt wurden oder nicht. Es gibt aber auch andere, die meinen, jeder, der eine fremde Sprache beherrscht, könne auch dolmetschen. Das Dolmetschen ist jedoch ein sehr komplexer Prozess, in dem viele Faktoren eine Rolle spielen – eine angenehme Stimme, die Fähigkeit, sich in komplexe Fachgebiete rasch einarbeiten zu können und den richtigen Ton zu treffen.

Das mit dem richtigen Ton gelingt wohl nicht immer. Ein russischer Dolmetscher übersetzte einmal den einfachen Satz von Putin, „Wie sie wissen, habe ich einige Jahre in Dresden gearbeitet", mit „Ich mache keinen Hehl daraus, dass..." Und so wurde er dann in der deutschen Presse zitiert.

Er hat einfach eine Wendung falsch gelernt. Man sollte sich bei Redewendungen immer ganz sicher sein, dass man sie richtig benutzt, vor allem in der Fremdsprache und auf so hoher Ebene. Eigentlich ist die politische Ebene gar nicht so schwer, wenn man sein Handwerk beherrscht.

Obwohl Herr Putin schon sehr bildlich reden kann.

Das ist definitiv eine Herausforderung. Aber wenn sich jemand bildhaft

ausdrückt, freuen sich die Dolmetscher auch, das macht Spaß. Doch das Hauptaugenmerk liegt immer darauf, den Sinn richtig wiederzugeben. Besser, man drückt sich einfach aus, als eine eigene, vermeintlich geniale Idee umzusetzen. Ein Beispiel dafür ist der berühmte Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Der Satz stammte nämlich nicht von Gorbatschow, sondern vom Dolmetscher. Die Medien haben sich auf diesen Satz gestürzt. Und die Russen rätseln bis heute, was Gorbatschow wohl in Wirklichkeit gesagt haben mag.

Jede Sprache hat ihre Besonderheiten...

Ja, das Russische zum Beispiel braucht viel Fleisch, wie wir Dolmetscher das nennen. Das darf man nicht zu sehr verkürzen. Die Russen benutzen viele Genitivattribute, sie sagen so etwas wie „Gewährleistung der Einhaltung der Gesetzgebung". Im Deutschen und auch im Englischen hingegen muss das kürzer werden.

Gibt es Begriffe oder Redewendungen, die nicht zu übersetzen sind?

Neue Begriffe, die wichtig werden und in offiziellen Dokumenten immer wieder auftauchen, werden irgendwann in andere Sprachen übersetzt oder einfach übernommen. Die „Nachhaltigkeit", englisch „sustainability" und

russisch „ustoitschiwost", ist so ein Beispiel. Aber es gibt schon praktisch unübersetzbare Wendungen. Die Russen haben so einen speziellen Spruch, „S ljegkim parom!", das sagt man zu einem Menschen, der grade aus einer Sauna kommt oder ein Bad genommen hat. Wortwörtlich bedeutet das „mit leichtem Dampf", was auf Deutsch keinen Sinn ergibt. Das kann man zum Beispiel mit „Wie neu geboren" übersetzen. Aber perfekt wird man wahrscheinlich nie. Der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher sagte einmal: „In einer Fremdsprache sagt man, was man kann, und nicht, was man will."

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