Flüchtlinge aus der Ukraine: Der Weg zurück

Es gibt Menschen, die aus Sorge um zurückgebliebene Verwandte oder Haus und Hof wieder in das Kriegsgebiet zurückkehren. Foto: RIA-Novosti

Es gibt Menschen, die aus Sorge um zurückgebliebene Verwandte oder Haus und Hof wieder in das Kriegsgebiet zurückkehren. Foto: RIA-Novosti

Täglich fliehen Tausende Menschen aus den Krisengebieten der Ostukraine nach Russland. Einige von ihnen kehren jedoch aus Sorge um zurückgebliebene Familienangehörige oder Haus und Hof zurück. Andere zieht es in den Kampf.

Über das russische Gebiet Rostow wurde schon vor einigen Wochen der Ausnahmezustand verhängt. Täglich werden dort 10 000 bis 15 000 Flüchtlinge aus der Ukraine registriert. Wie der Grenzschutz meldet, kehren jedoch jeden Tag auch 3 000 bis 4 000 Menschen in die Ukraine zurück. Unsere Korrespondentin sprach mit Menschen, die die Reise zurück antreten – in eine Region, in der bis heute ein inoffizieller Krieg herrscht.

 

Die andere Richtung

In Grenznähe kommt es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen der Bürgerwehr des Donbass, die Grenzkontrollen durchführt, und Soldaten der ukrainischen Armee oder der Nationalgarde. Jeden Tag fliehen bis zu 15 000 Menschen vor den Kampfhandlungen in der Donbass-Region ins benachbarte russische Rostow. Überfüllte Busse und Autos sowie Massen an Fußgängern überqueren die Grenze. Russland hält sich aus den militärischen Konflikten heraus und beschränkt sich darauf, die Zivilbevölkerung aufzunehmen und Hilfe zu leisten.

„Wir haben schon etwa 200 Kinder und Frauen aus dem Gebiet Lugansk evakuiert. Das war bereits unsere dritte Tour“, erklärt ein Busfahrer. „Wir

konnten bei Weitem nicht alle Reisewilligen mitnehmen; einige Touren muss man im Voraus buchen. Eine Reise ist auch nicht ungefährlich – in Grenznähe wird geschossen. Aber wir werden die Menschen weiter nach Russland fahren. Zu bleiben, ist noch gefährlicher“, sagt er. Für jede Tour wird eine neue Route zur Evakuierung der Flüchtlinge erstellt. „Wie unsere finale Route dann aussieht, geben wir nicht bekannt. Unsere Fahrgäste finden hauptsächlich über Mundpropaganda zu uns“, berichtet der Busfahrer. In der vergangenen Woche wurde ein Bus mit Kindern an Bord beschossen. Die jungen Fahrgäste haben diesen Vorfall unverletzt überstanden, werden nun aber von russischen Psychologen betreut. Viele trauen sich überhaupt nicht mehr, zu reisen.

Aber es gibt auch Menschen, die aus Sorge um zurückgebliebene Verwandte oder Haus und Hof wieder in das Kriegsgebiet zurückkehren. Sie fahren in Bussen mit ukrainischen Kennzeichen an den Flüchtlingsströmen vorbei in die entgegengesetzte Richtung. Die Fahrgäste lassen sich an einer Hand abzählen.

Info:

 

15 802 Flüchtlinge wurden bis heute in das Gebiet Rostow evakuiert, darunter 6 166 Kinder. Die Mehrheit der ukrainischen Staatsbürger fährt weiter ins Landesinnere Russlands oder bleibt bei Verwandten und Freunden. Hilfe erhalten die Flüchtlinge von russischen Behörden, Freiwilligen, Wohltätigkeitsstiftungen und auch durch einfache Bürger, die das Schicksal der Flüchtlinge betroffen macht. 

Zur Versorgung der immer größer werdenden Zahl an Flüchtlingen wurden im Grenzgebiet vier Zeltstädte für 2 000 Menschen aufgebaut. Mit Flugzeugen des russischen Zivilschutzministeriums wurde eine Luftbrücke zur Evakuierung von Einwohnern des Donbass in andere Regionen des Landes organisiert.

Finanzhilfen aus dem föderalen Budget für die Versorgung ukrainischer Staatsbürger hat bisher nur das Gebiet Rostow erhalten. Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew unterzeichnete vor kurzem eine Anordnung zur Bereitstellung von 240 Millionen Rubel (etwa 5,12 Millionen Euro) für die Region. Die Unterbringung eines Flüchtlings kostet täglich etwa 550 Rubel (11,74 Euro), 250 Rubel (5,34 Euro) davon sind für die Ernährung vorgesehen. Das Budget für Flüchtlinge aus der Ukraine soll bald erheblich aufgestockt werden. Bis Montag soll das Ministerkabinett die Frage finanzieller Hilfeleistungen für ukrainische Staatsbürger prüfen, denen bereits offiziell Asyl in der Russischen Föderation gewährt wurde. Um welche Beträge es dabei geht, ist noch nicht geklärt.

Eine Frau erzählt: „Ich habe zwei Söhne im Alter von zehn und 17 Jahren, die sind in Russland geblieben.“ Die Frau hat ihre Kinder in einem Ferienlager untergebracht, wo sie die Schrecken des Kriegs vergessen sollen. „Natürlich mache ich mir Sorgen um meine Söhne, aber es wäre zu gefährlich gewesen, sie zu Hause zu lassen. Der Krieg traumatisiert die Kinder. Mein jüngerer Sohn konnte nicht mehr schlafen. Aber auch manche Erwachsene tragen schwere Schäden davon. An die ständige Konfrontation mit Tod und Trauer gewöhnt sich niemand.“  

Eine Frau mit kurzen Haaren in Jeans und T-Shirt trägt eine große Tasche über ihrer Schulter. Sie fingert nervös an ihrem Handy herum. Sie ist Russin aus der Ostukraine und will zurück: „Mein Vater ist in der Ukraine geblieben, jetzt geht er nicht mehr ans Telefon. Er ist Diabetiker und braucht Insulin. Doch die Vorräte an Arzneimitteln gehen allmählich aus. Er muss unbedingt mehrmals am Tag spritzen, weigert sich aber, sein Haus zu verlassen. Er befürchtet, dass alles geplündert und zerstört wird. Außerdem hat er eine kleine Landwirtschaft: Hühner, Enten, eine Kuh.“ Sie will versuchen, ihn dennoch von der Flucht nach Russland zu überzeugen.  

Nikolai und Tatjana haben die Großmutter und Kinder nach Russland gebracht. Sie selbst sind auf dem Rückweg in die Ukraine. Auf meine Frage, warum sie nicht in Russland geblieben seien, werfen sie sich einander bedeutungsvolle Blicke zu. „Wir fahren wieder zurück, um unser Land, unser Haus zu verteidigen“, antwortet Nikolai und erzählt: „Ich habe mich für die Bürgerwehr verpflichtet, meine Frau ist Köchin. Als sie sagte, dass sie die Männer der Bürgerwehr bekochen will, habe ich ihr nicht widersprochen. Wer hätte gedacht, dass ihr ziviler Beruf einmal für militärische Zwecke gebraucht werden würde?“ Nikolai hat sich wie viele andere Bewohner des Donbass der Bürgerwehr angeschlossen: „Ich bin zwar kein Soldat, habe aber Wehrdienst geleistet. Ich kann also einigermaßen mit einem Maschinengewehr umgehen.“ Ob er Angst habe? Ja, sagt Nikolai, schließlich sei er ein Mensch. „Aber wenn Krankenhäuser mit Granaten beschossen und unschuldige Kinder getötet werden, dann hat man nur noch den einen Wunsch: sich zusammenzuschließen und das eigene Volk zu verteidigen.“

 

Kinder in der Schusslinie

Der Krieg trifft auch die Kleinsten. Als ein Kinderkrankenhaus unter Beschuss geriet, brachte das Personal alle Patienten in den Keller – bis auf ein Kind, das an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen war und auf der Intensivstation verbleiben musste. Die Rettungsaktion des acht Monate alten Schenja, der eine Woche lang in dem halb zerstörten Gebäude ausharren musste, erregte weit über die  Grenzen der Ukraine hinaus Aufsehen. Erst nach dem dritten Versuch gelang es, den kleinen Patienten, seine Mutter und seine ältere Schwester zu evakuieren. Schenja wird jetzt in Sankt Petersburg von den besten Ärzten behandelt. Er wurde operiert und kann nun wieder selbstständig atmen.

Nicht alle Kinder hatten so viel Glück wie Schenja. Nach offiziellen

Angaben der Leiterin des Ausschusses der Obersten Rada für Fragen des Gesundheitsschutzes, Tatjana Bachtejewa, kamen bei den Kampfhandlungen im Osten der Ukraine bisher mehr als 40 Kinder durch Splitter- und Schusswunden ums Leben. Das letzte Opfer war ein zehn Monate alter Junge. Er wurde durch den Schuss aus einem Granatenwerfer in die Richtung eines Kinderspielplatzes getötet. Die Polizei von Lugansk hat ein Strafverfahren eingeleitet. Dem Jungen wird das allerdings nicht mehr helfen.

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