Ausgeschimpft: In Russland wird das Fluchen verboten

Die Geldbußen für die Verwendung obszöner Ausdrücke liegen bei 42 bis 53 Euro. Foto: Elnar Salahiew / RIA Novosti

Die Geldbußen für die Verwendung obszöner Ausdrücke liegen bei 42 bis 53 Euro. Foto: Elnar Salahiew / RIA Novosti

Seit dem 1. Juli ist das Fluchen in Russland verboten, und das, obwohl Russland gemeinhin als Mutterland des Fluches gilt. „Zensur“ rufen denn auch vor allem die Kunstschaffenden, die das Gesetz besonders trifft.

„Mat“, wie die Russen ihre Vulgärsprache nennen, gehört zum Russland-Klischee wie Wodka und Matrjoschka. Damit soll nun Schluss sein. Seit dem 1. Juli gilt ein entsprechendes Gesetz, das zukünftig den Gebrauch obszöner Ausdrücke bei „öffentlichen Darbietungen von Literaturwerken, der Kunst oder Volkskunst“ verbietet. Das Verbot gilt auch bei Filmvorführungen, Theateraufführungen und Ausstellungseröffnungen, bei Konzerten oder Shows. Ein „unabhängiges Kollegium“ wird festlegen, welche Begriffe unter das Gesetz fallen. 

 

Mat ist als Stilmittel unverzichtbar, sagen einige Künstler

In Russland stößt das Gesetz auf Kritik, vor allem bei den Kulturschaffenden. Nikita Michalkow, russischer Volkskünstler, Filmregisseur und Oskar-Preisträger für den besten fremdsprachigen Film im Jahre 1994, findet, dass das Gesetz überarbeitet werden müsse. 

„Ein Gesetz soll den Menschen dienen, und nicht umgekehrt“, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Ria Novosti. Einzelfallentscheidungen seien gefragt. „Es gibt verabscheuungswürdigen Mat, den man nur im Regionalzug hören wird, aber mit dem Mat kann man auch die extremen

Empfindungen eines Menschen ausdrücken – Schmerz, Krieg, Angriff, Tod, und das ist durch die Situation gerechtfertigt und sollte in jedem Fall einzeln diskutiert werden“, stellte Michalkow klar. Mat sei manchmal einfach unverzichtbar. „Filme über Krieg zum Beispiel sind ohne Kraftausdrücke einfach nicht vorstellbar“, erklärt Michalkow. Michalkow, der zugleich auch Präsident des Moskauer Internationalen Filmfestivals ist, kann sich vorstellen, dass auf dem Festival in Zukunft auch Filme gezeigt werden, die keine Freigabe vom russischen Kulturministerium haben.

 

Viel Lärm um nichts?

Der russische Dichter und Philosophieprofessor Igor Wolgin hingegen glaubt, dass sich die Auswirkungen des neuen Gesetzes in Grenzen halten werden: „Es wird sich nichts großartig verändern.“ Für ihn ist Mat ein sprachliches Phänomen, kein Kulturgut. „Die russische Kultur ist auch ohne Obszönitäten gut ausgekommen“, sagt er. Zwar hätten auch die großen russischen Dichter Puschkin und Lermontow Gedichte in sehr deftiger Sprache verfasst, aber das seien Marginalien der Kultur, außerhalb einer breiten Öffentlichkeit.

„Nicht die Literatur muss vor dem Mat geschützt werden, sondern der Mat vor der Literatur“, findet Wolgin. „Ein Text mit Wörtern aus dem Mat wird

bürgerlich und vulgär. Niemand zuvor hatte die Idee, das alles in den öffentlichen Raum zu tragen. Es gab immer eine Selbstzensur und ein inneres kulturelles Verbot des Schriftstellers oder Schauspielers“, führt er weiter aus. „Es ist sehr schlecht, dass man heute Mat auf Gesetzesebene verbieten müsse“, bedauert Wolgin. Er befürchtet, dass das Verbot wie ein „rotes Tuch auf einen Stier“ wirken könne und nun untalentierte Künstler versuchen würden, sich durch den Gebrauch von Mat zu profilieren. Sie werden versuchen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit durch die „Protestperspektive“ auf ihre Werke zu lenken.  

 

Ein Verstoß wird teuer 

Die Geldbußen für die Verwendung obszöner Ausdrücke liegen bei 2.000 bis 2.500 Rubel (umgerechnet etwa 42 bis 53 Euro), für Amtsträger bei 4.000 bis 5.000 Rubel (84 bis 106 Euro) und bei juristischen Personen werden sogar 40.000 bis 50.000 Rubel (840 bis 1.060 Euro) fällig.

Dieselben Sanktionen werden für die Verwendung von Mat in Reportagen der Massenmedien greifen. Bei einem wiederholten Verstoß erhöht sich der Betrag. Gedruckte undaudiovisuelle Medien, in denen Mat verwendet wird, werden durch einen entsprechenden Hinweis auf der Verpackung gekennzeichnet. Filme mit Mat erhalten keine Lizenz zur Aufführung. Wer einen unlizenzierten Film aufführt, muss mit Strafen rechnen. Die Regelungen des Gesetzes gelten nicht für Produktionen, die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes herausgegeben wurden.

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