Russisch-Deutsch: Erfolgsfaktor Mehrsprachigkeit

"Das schönste Geschenk, das die Eltern ihren Kindern machen können, ist die Sprache.“ Foto: Olga Schtyrkina

"Das schönste Geschenk, das die Eltern ihren Kindern machen können, ist die Sprache.“ Foto: Olga Schtyrkina

In Deutschland leben über vier Millionen russischsprachige Einwanderer. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf – ein Riesenpotenzial. Die zweisprachige Erziehung ist jedoch harte Arbeit.

Zweisprachigkeit ist ein kultureller Schatz. In der multikulturellen deutschen Gesellschaft ist sie eine wertvolle Ressource. Früher hat man angenommen, dass Zweisprachigkeit eine Überforderung für das menschliche Gehirn sein könnte. Moderne Studien belegen jedoch, dass zweisprachige Kinder über eine hervorragende Intelligenz und mehr kognitive Flexibilität als die einsprachigen verfügen. Sie haben ein besonderes Gespür für kulturelle Unterschiede und schaffen gute Schulabschlüsse. Bilinguale Schüler sind oft sprachgewandter und  toleranter als ihre Schulkameraden.

„Ich empfinde meine Zweisprachigkeit als eine große Bereicherung. Das ist wie zwei Betriebssysteme, zwischen denen man hin und her schaltet. Mein Gehirn hat von Anfang an realisiert, dass in anderen Sprachen andere Regeln gelten. Deswegen fällt es mir leicht, Fremdsprachen zu lernen“, erklärt die deutsche Journalistin russischer Abstammung Wlada Kolosowa.

Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass Migrantenkinder, die ihre Muttersprache nicht gut beherrschen, auch die Sprache des

Gastlandes nicht gut  erlernen können. Deswegen gibt es in Deutschland den „Herkunftssprachlichen Unterricht“. Allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen besuchen mehr als 2 500 russischsprachige Schüler den Muttersprachenunterricht. Die Kosten dafür trägt das Land.

„Ich frage meine Teilnehmer oft, ob sie froh sind, Russisch nicht aufgegeben zu haben, denn sie müssen zusätzlich zu ihrer normalen Schule noch drei Stunden in der Woche Russisch lernen“, erzählt Kira Sadoja, die Russisch als Muttersprache in Düsseldorf  unterrichtet. „Viele antworten, dass sie irgendwann begriffen haben, wie toll das ist, in dieser schwierigen Sprache lesen und schreiben zu können.“  

 

Sprachen fördern die Intelligenz und erweitern den Horizont

„Dass man dadurch direkten Zugang zur russischen Kultur hat, ist eine Binsenweisheit und für viele kein Argument mehr“,  sagt Diplom-Pädagogin Elena Ageeva, Leiterin des Instituts der Kinderförderung  in Dortmund. „Aber eins steht fest –  das Erlernen einer Sprache fördert die Intelligenz und erweitert den Horizont eines Menschen.“

Doch kann man zwei Sprachen auf gleichem Niveau beherrschen? Und welche Sprache ist dann die Muttersprache? „Meine Muttersprache ist russisch, aber ich fühle mich im Deutschen inzwischen wohler. Russische Bücher könnte ich nicht in einer Übersetzung lesen, das finde ich ganz schlimm. Und ich kann über russische Witze viel mehr lachen als über die deutschen“, sagt Wlada Kolosowa, die als Zwölfjährige mit ihrer Mutter nach Deutschland kam.

In Deutschland leben über vier Millionen russischsprachiger Migranten. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf – ein Riesenpotenzial.  Dass Menschen, die mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen große Vorteile im Beruf in der globalen Welt haben, liegt auf der Hand. Doch die zweisprachige Erziehung ist eine harte Arbeit. Man muss sehr konsequent sein und darf kein Gewirr aus zwei Sprachen verwenden.

Wlada Kolossowa. Foto aus dem persönlichen Archiv.

„Leider gehen einige Eltern den falschen Weg. Sie denken, das Kind soll erst mal Deutsch lernen, um sich zu integrieren. Also sprechen sie mit ihren Kindern Deutsch, obwohl ihre Sprachkenntnisse oft nicht ausreichend sind“, erzählt Kira Sadoja.  „Wozu Russisch, wir leben doch in Deutschland und nicht in Russland, denken solche Eltern.“

Aber wir leben auch nicht in England und lernen Englisch. Oder wozu dann Latein, denn so ein Land gibt es gar nicht. Doch während etwa Französisch als eine Selbstverständlichkeit angesehen wird, wird Russisch angezweifelt. Dabei ist die neue Generation so mobil, sie studiert in

Amerika, arbeitet in Dänemark. Deshalb ist die Fixierung nur auf die deutsche Sprache nicht richtig. Meine Tochter spricht sechs Sprachen und lebt in der Schweiz. Ihre Karriere in einem Versicherungskonzern verdankt sie dem Russischen, weil sie Projekte in Russland betreut“, erzählt Elena Ageeva,  in deren Schule 350 Kinder Russisch lernen.

Allerdings hat Russisch in Deutschland keinen hohen Stellenwert. Eine Mutter erzählt: „Eine ältere Dame hörte, dass ich mit meinem Sohn russisch sprach. „Ist ja toll, dass Sie mit Ihrem Kind russisch sprechen. Dann wird er in der Schule schnell Englisch lernen“. Also sah sie Russisch quasi nur als eine Art Übung, um „richtige“ Fremdsprachen zu erlernen. „Die Dame hatte nicht so Unrecht“, lacht Elena Ageeva. „Bei den kleinen Kindern, anders, als bei den Erwachsenen, werden Sprachen in der linken Gehirnhälfte gespeichert. Das steigert ihre Fähigkeit, neue Fremdsprachen zu lernen. Man hat also nicht einen englischen Muttersprachler, sondern einen russischen in der Familie. Dann ist eben Russisch der Weg.“  

 

Erfolgsfaktor Russisch

Dr. Päd. Elena Ageeva in ihrer russischen Schule. Foto aus dem persönlichen Archv

„Viele Eltern unserer Schüler“, so Ageeva weiter, „gehören schon der zweiten Migrantengeneration an, sie sind in Deutschland aufgewachsen. Diese Generation geht an die Sache ganz pragmatisch heran: politische Situation hin oder her, aber Russisch als eine zusätzliche Fremdsprache kann für mein Kind nur vom Nutzen sein.“

Auch Wlada Kolosowa hat keine negativen Erfahrungen gemacht, ganz im Gegenteil: „Ich habe jetzt in Amerika kreatives Schreiben studiert und wurde um meine Russischkenntnisse viel mehr beneidet als um meine Deutschkenntnisse. Alle bekommen große Augen: ‚Oh, du kannst Dostojewskij  im Original lesen‘! Egal wo ich hinkomme und sage, ich bin Russin, sofort versuchen die Leute alles auf Russisch zu sagen, was sie können, wie „cholodilnik“ oder „dewuschka, potanzujem!“

"Mehrsprachigkeit als Brücke und Ressource zur Integration in Bildung und Beruf“ heißt ein aus Mitteln des Europäischen Integrationsfonds

gefördertes Projekt, das sich unter anderem an Pädagogen in Grundschulen und Kitas richtet. In mehr als 50 lokalen Bildungsmaßnahmen bekommen sie Impulse, wie sie mit der Zweisprachigkeit umgehen können, beispielsweise aus logopädischer Sicht.

„Es geht um Sensibilisierung zum Thema Mehrsprachigkeit, damit sie Eltern stärken können, mit ihren Kindern Russisch zu sprechen, ihren Wortschatz zu erweitern“, erklärt Olga Sperling von Ausländerrat Dresden. „Das Erlernen der russischen Sprache ist sehr wichtig für die Bildungsbiographie des Kindes und für den Erhalt der Kultur im Rahmen der Familie. Das schönste Geschenk, das die Eltern ihren Kindern machen können ist die Sprache.“

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