Deutschunterricht in der Sowjetunion

„Das Wichtigste für mich war immer zu wissen, womit ich meinen Unterricht beginne und womit ich ihn beende“, erzählt Ewdokija Kalinzewa (rechts im Bild). Foto aus dem persönlichen Archiv

„Das Wichtigste für mich war immer zu wissen, womit ich meinen Unterricht beginne und womit ich ihn beende“, erzählt Ewdokija Kalinzewa (rechts im Bild). Foto aus dem persönlichen Archiv

Dreißig Jahre lang unterrichtete Ewdokija Kalinzewa Deutsch an einer Dorfschule in Russland. Ihr Mann Fjodor, ein in Deutschland stationierter Soldat, brachte sie dazu, die Sprache zu lernen, die sie auch heute, im Alter von neunzig Jahren, nicht loslässt. Ewdokija Kalinzewa lässt RBTH an ihren Erinnerungen teilhaben.

In Iwanowo, 120 Kilometer von der Metropole Moskau entfernt, lebt Ewdokija Kalinzewa in einem kleinen Holzhaus. Sie ist schon 90 Jahre alt, doch ihr graues Haar ist sorgfältig im Stil der fünfziger Jahre frisiert. Und auch in Kalinzewas Erzählungen spielt diese Zeit eine besondere Rolle. Damals, nach dem Krieg, unterrichtete sie an einer Dorfschule Deutsch. Dreißig Jahre lang war sie Deutschlehrerin, so ist es kein Wunder, dass sie manchmal in die Sprache wechselt. Sie wusste schon damals viel über Deutschland, denn sie hatte sogar eine Zeitlang dort gelebt. So konnte sie die neugierigen Fragen ihrer Schüler über das Alltagsleben der Deutschen beantworten, denn das war es, was sie wirklich wissen wollten. Der Krieg war nicht so interessant.

 

Krieg und Liebe

Der Krieg spielte aber eine wichtige Rolle im Leben vom Ewdokija Kalinzewa. Ihren späteren Ehemann Fjodor kannte sie schon seit ihrer Kindheit, oft war sie in seinem Elternhaus zu Gast und schon damals zeigte Fjodor großes Interesse an ihr. Der Krieg trennte sie, denn Fjodor war Soldat. Nach Kriegsende ging er nach Deutschland. Ewdokija begann ein Pädagogikstudium und Fjodor geriet in Vergessenheit. Beinahe hätte Ewdokija einen anderen Mann geheiratet.

Doch im Traum sei ihr einmal ein kleiner, weißhaariger, alter Mann erschienen, der ihr geraten habe auf Fjodor zu warten, der dann auch bald darauf während eines Heimaturlaubs um ihre Hand anhielt. Viel gemeinsame Zeit blieb dem jungen Glück nicht. Fjodor musste zurück nach Deutschland. Ewdokija folgte ihm drei Monate später, im März 1947, ohne ein Wort Deutsch zu können. Nicht einfach. „Anfangs ging ich mit einem Wörterbuch einkaufen und verständigte mich mit meiner deutschen Freundin durch Handzeichen“, erinnert sie sich.

Im Jahr 1949 kehrten die beiden zurück nach Russland, nach Iwanowo. Fjodor bekam eine Pension vom Militär und Ewdokija nahm eine Stelle als Deutsch- und Geschichtslehrerin an. „Zu dieser Zeit war jemand, der Deutsch sprechen konnte, von sehr großem Wert“, erzählt Ewdokija, die zunächst Zweifel hatte, ob ihre Deutschkenntnisse ausreichen würden. Fjodor unterstützte sie.

Anfangs trug sie Kleider aus Seide, die sie in Deutschland gekauft hatte, doch bald fiel ihr auf, dass die anderen Lehrer viel einfacher gekleidet waren und sie verschloss diese Erinnerung an ihre deutsche Zeit im Schrank. So fing ein neues Leben an.

 

Eine Schule für Lehrer

Im Zweiten Weltkrieg waren auch Lehrer an die Front geschickt worden, viele kamen nie zurück, ein Lehrermangel drohte. Im Jahr 1943 startete deshalb das Programm zur Erhaltung der Bildung im Lande, das von der Akademie der pädagogischen Wissenschaften der UdSSR begleitet wurde. Die Hochschulabsolventen (das waren zu 70 Prozent Frauen) sollten zumindest per Fernstudium auch eine pädagogische Ausbildung erhalten. Um das Interesse am Lehrerberuf zu fördern, wurden Anreize wie überdurchschnittliche Gehälter oder eine eigene Wohnung geboten.

Bild: Schulbuch "Deutsch für 5. Klasse".

 Ewdokija hatte nur Geschichte auf Lehramt studiert. Um auch weiter Deutsch unterrichten zu dürfen, musste sie alle zwei bis drei Jahre nach Moskau fahren, um dort am Pädagogikinstitut Fortbildungskurse für Lehrer zu absolvieren. „Dort wurden die Lehrer wieder zu Schülern und mussten ganz genauso Rechtschreibung und Grammatik pauken“, sagt Ewdokija. Und sie lernten, den Unterricht mit zusätzlichen Materialien interessant zu gestalten. Die Anforderungen waren hoch, wer nicht mithalten konnte, wurde entlassen.

 

Reporter Schreibikus

Die Unterrichtsmethoden unterlagen einem ständigen Wandel, den die Lehrer mittragen mussten. Mal galt als beste Methode zum Fremdsprachlernen, nicht zuerst das Alphabet zu lernen, sondern Bilder zu beschreiben. „Wiederhole die deutschen Wörter und Ausdrücke“ stand dann zum Beispiel unter einem Bild, das Pioniere zeigte. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man noch kein Wort der fremden Sprache beherrschte und auch auf der Buchseite kein einziges Wort zu lesen war. Es wurde viel auswendig gelernt.

Reporter Schreibikus kam in fast jeder Lektion vor und stellte gerne Fragen: „Wie sollte ein Komsomolze sein?“ oder „Was liest ein Pionier?“. Bild: Schulbuch "Deutsch für 5. Klasse".

„Das Wichtigste für mich war immer zu wissen, womit ich meinen Unterricht beginne und womit ich ihn beende“, erzählt die pensionierte Deutschlehrerin. Sie erinnert sich auch an die Schulbücher zur Sowjetzeit. Die waren ohne farbige Bilder und hätten inklusive der Erläuterungen zur deutschen Grammatik, Übungsaufgaben und weiteren Unterrichtshilfen selten mehr als150 Seiten gehabt. Der Einfluss von gemeinsam gesungenen Liedern, mitgebrachten Zeitungsartikeln oder selbstgezeichneten Skizzen war schwer einzuschätzen und variierte je nach Engagement des Lehrers.

Den auswendig gelernten Stoff wendeten die Schüler im gegenseitigen, spielerischen Dialog an. Dabei half ihnen „Reporter Schreibikus“ – eine vor allem zu Sowjetzeiten bekannte Figur, die in keinem Deutsch-Lehrbuch in der UdSSR fehlen durfte und mit dem wahrscheinlich eine ganze Generation großgeworden ist. Er kam in fast jeder Lektion vor und stellte gerne Fragen: „Wie sollte ein Komsomolze sein?“ oder „Was liest ein Pionier?“.

Zum Unterricht der fortgeschrittenen Klassen brachte Ewdokija meistens Portraits von kommunistischen Führern wie Marx, Engels oder Lenin mit. Dann stellte sie diese an die Tafel und erzählte eine Geschichte zu jedem Politiker, zum Beispiel „Wie Marx, Engels und Lenin Fremdsprachen studierten“, „Wie Lenin seinen Schulaufsatz schrieb“ oder „Wie Genosse Stalin das Kapital studierte“. Zu Hause mussten die Schüler den neuen Lernstoff mit Hilfe ihrer Lehrbücher vertiefen.

 

Immer gut vorbereitet

Ewdokija Kalinzewa legte immer viel Wert auf eine gute Unterrichtsvorbereitung. Das war nicht nur notwendig, weil die Klassen mit bis zu 37 Schülern sehr groß waren und es daher nie einfach gewesen sei, die Aufmerksamkeit von allen dauerhaft zu fesseln. Es gab noch einen anderen Grund: „Unser Schuldirektor hatte fünf Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht, und ich wusste, dass er meinen Unterricht oft heimlich hinter der geschlossenen Tür mitverfolgte“, erzählt die 90-jährige Lehrerin. „Er sprach sehr gut Deutsch und wollte herausfinden, ob ich Fehler mache“, lacht sie.

Den Stapel mit alten Wörterbüchern schenkte die Deutschlehrerin ihrer Enkelin Marina (rechts), die Nachhilfeunterricht in deutscher Sprache gibt. Foto: Julia Shevelkina

Hausaufgaben gab es bei ihr selten. Wichtiger war ihr, den Unterrichtsstoff der letzten Stunde zu Beginn jeder neuen Stunde zu wiederholen. In Prüfungen bekamen alle Schüler Ausschnitte aus Werken der deutschen Literatur und die Aufgabe, diese ins Russische zu übersetzen.

Eines dieser Werke, aus denen sie Ausschnitte für ihre Prüfungen entnahm, hat Ewdokija bis heute aufbewahrt: „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Den Stapel mit alten Wörterbüchern schenkte die Deutschlehrerin ihrer Enkelin, die die Nachhilfeunterricht in deutscher Sprache gibt. Die

Wörterbücher hat Ewdokija oft benutzt. Egal ob Wörterbücher der deutschen Sprache, deutsch-russische Taschenwörterbücher mit Beispielen oder Lehrbücher zu den Verben und den gebräuchlichsten Redewendungen der deutschen Sprache – Ewdokija weißt nicht nur die gesuchte Seitenzahl, sondern kann auch die lexikalische Bedeutung der Verben auf Deutsch erklären.

Manchmal, erzählt Ewdokija, wache sie in der Nacht auf und frage sich, ob sie wohl noch immer unterrichten könne: „Dann bereite ich in Gedanken eine Unterrichtsstunde vor. Immerhin habe ich die Zeit dafür“.

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