Flugzeugabsturz: So reagiert das russische Web

Russlands Nutzer der sozialen Netzwerke haben umgehend auf den Absturz der Boeing 777 der Malaysia Airlines reagiert. Die Bandbreite der Kommentare reicht von Beileidsbekundungen an die Verwandten und Freunde der Opfer bis hin zu Spekulationen über die möglichen terroristischen Hintergründe und daraus resultierenden Verschwörungstheorien.

Foto: ITAR-TASS, Ewgeni Dljatow/RIA Novosti, Artjom Schitenjow/RIA Novosti

Die ersten Kommentare nach dem Bekanntwerden der Flugzeugkatastrophe waren sehr emotional. Die Nutzer leiteten Links auf die ersten Meldungen zu den Einzelheiten der Katastrophe weiter, begleitet von kurzen Kommentaren wie „Schrecklich!", „Ein Alptraum!" oder „Mein Beileid!", aber auch anstößigen Bemerkungen an diejenigen gerichtet, die sie für den Absturz verantwortlich machten.

Einige Nutzer unternahmen den Versuch, die Gründe der Katastrophe zu erforschen und die Schuldigen für die Tragödie zu finden. Als Reaktion auf die ersten Medienberichte beschuldigten die User mal die Aufständischen aus der sogenannten Volksrepublik Donbass, mal die Ukraine, mal Russland – darunter auch Personen der Öffentlichkeit, wie beispielsweise Jewgenij Rojsman, regierungskritischer Bürgermeister der russischen Millionenstadt Jekaterinburg, der über Twitter schrieb: „Na, habt ihr euch verzockt, ihr Vollpfosten?", ohne jedoch zu konkretisieren, an wen genau seine Frage gerichtet war.

 

Unterschiedliche Absturzursachen

In den sozialen Netzwerken wurden nacheinander verschiedene Versionen eines möglichen Abschusses des Passagierflugzeugs durch das Flugabwehr-Raketensystem „Buk" diskutiert. Als Täter werden zum einen die Aufständischen aus der „Volksrepublik Donbass" und zum anderen die ukrainische Armee genannt. Besondere Aufmerksamkeit hat der Tweet eines spanischen Fluglotsen, der nach eigenen Angaben im Kiewer Flughafen Boryspil arbeitet, erlangt. Dieser erklärte, dass die Boeing 777 noch drei Minuten vor ihrem Abschuss von zwei Abfangjägern der ukrainischen Luftstreitkräfte begleitet worden sei. „Es sieht ganz danach aus, dass auf der Weltkarte ein neues Bermudadreieck aufgetaucht ist. Wie viele dreiste Lügen und Gerüchte zu diesem Vorfall wird es wohl geben?", schrieb daraufhin der Journalist Stanislaw Kutscher auf seiner Facebook-Seite.

Viele Nutzer verwiesen auf die Ähnlichkeit der Situation mit der Katastrophe über dem schottischen Lockerbie: Am 21. Dezember 1988 war eine Boeing 747 auf dem Flug von London nach New York im Luftraum über Schottland mit einer von libyschen Terroristen im Flugzeug versteckten Bombe gesprengt worden. „Unser sowjetisches Lockerbie", schrieb der Journalist Oleg Kaschin in einem Tweet.

Andere User erinnerten an die Katastrophe vom 4. Oktober 2001, als eine ukrainische Flugabwehrrakete vom Typ S-200 ein Passagierflugzeug der Fluggesellschaft Sibir abschoss. Die Maschine hatte sich auf dem Weg von Tel Aviv nach Noworossijsk befunden, die Ursache für den Beschuss war wahrscheinlich menschliches Versagen während eines Übungsmanövers der ukrainischen Armee gewesen. „Genauso habe ich mich damals für die Ukraine geschämt, als ihre Soldaten und die Massenmedien ganz offen zu dem Absturz der ТU-154 über dem Schwarzen Meer gelogen haben und danach ganz widerwärtig gegen jegliche Schadensersatzzahlungen prozessierten“, schrieb Anatolij Chodorkowskij, Dozent an der Staatlichen Moskauer Universität, auf seiner Facebook-Seite.

 

„Der heutige Tag wird die Welt verändern"

Einen großen Raum nahmen auch allerlei Verschwörungstheorien ein. In den sozialen Netzen kursiert beispielsweise ein Foto, in dem die Bemalung der malaysischen Boeing mit der der russischen „Airforce One", mit der Wladimir Putin für gewöhnlich reist, verglichen wurde.

Parallel zu dieser Meldung tauchten Kommentare auf, die behaupten, beide Maschinen seien sich kurz vor dem Absturz der Boeing in der Luft begegnet, zu einer Zeit, als sie sich noch im polnischen Luftraum befanden.

Viele Nutzer äußersten den Verdacht, dass der Absturz der malaysischen Maschine eine Art Wendepunkt der Ereignisse in der Südost-Ukraine darstelle. „Der heutige Tag wird die Welt mehr verändern als die Geschichte

mit der Krim und alles, was danach kam. Das ist alles einfach schrecklich und uns stehen noch viele unangenehme Ereignisse bevor", schrieb der Herausgeber der Onlinezeitschrift „Look At Media", Alexej Ametow, auf seiner Facebook-Seite.

Gleichzeitig tauchten in den sozialen Netzwerken viele Beileidsbekundungen für die Angehörigen der Opfer auf. Gleich mehrere Blogger riefen dazu auf, Blumen an den Botschaften der Niederlande und Malaysias in Moskau niederzulegen, und nannten die entsprechenden Adressen. Die ersten Blumen wurden tatsächlich noch am Abend des 17. Juli zu den Botschaften gebracht.

Der Journalist Sergej Lesnewskij schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Mir ist völlig egal, ob die Rakete aus Kiew, Donezk oder Lugansk abgeschossen wurde. Ungeachtet dessen, wer welches Stück vom Kuchen haben will und was sie da für Kriegsspielchen treiben, geht es immer noch um die Ukraine, in der einen oder anderen Form. Das ist wie auf der Straße, wenn der aufgepeitschte Pöbel von zwei Seiten aufeinanderprallt und die zufällig in der Nähe stehenden Passanten in den Konflikt hineingezogen und zusammengeschlagen werden. Einfach nur, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren."

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland