Autoaufkleber: Wenn das Fahrzeug Sprüche klopft

An großen Geländewagen prangt oft der Aufkleber „Fuck Fuel Economy“, was wohl ausdrücken soll, dass der Fahrer auf den Spritverbrauch pfeift. Foto: Pressebild

An großen Geländewagen prangt oft der Aufkleber „Fuck Fuel Economy“, was wohl ausdrücken soll, dass der Fahrer auf den Spritverbrauch pfeift. Foto: Pressebild

Immer mehr Russen verzieren ihre Autos mit Aufklebern. Manchmal spielen handfeste finanzielle Interessen eine Rolle, oft geht es aber mehr darum, der Welt die eigenen Überzeugungen mitzuteilen. RBTH hat sich in den Straßen der russischen Hauptstadt umgesehen.

Das Start-up Sticker Ride aus Moskau bietet Autobesitzern die Möglichkeit, Werbeaufkleber  ihrer Wahl an ihren Fahrzeugen anzubringen und sich so ein paar Rubel zum Benzingeld dazuzuverdienen. Sticker Ride hat dazu eine Mobile App entwickelt, die es ermöglicht, die zurückgelegte Wegstrecke nachzuvollziehen. So weiß Sticker Ride, wie viele Kilometer die Werbung unterwegs war. Je mehr Kilometer, desto mehr Geld. Mehr Geld gibt es auch für Fahrten durch sehr belebte Gegenden. „Das große Geld lässt sich damit nicht verdienen“, sagt  Michail Martschenko, Gründer von Sticker Ride. Aber immerhin könnten die Fahrer auf diese Weise ihre Tankkosten wieder reinholen. Neben Sticker Ride bieten zahlreiche weitere Anbieter die Möglichkeit, Geld durch Autowerbung zu verdienen.

 

Trophäenjagd auf Russisch

Viele Moskauer verdienen kein Geld mit Aufklebern, sondern geben erst einmal welches aus, nämlich um sich einen der zahllosen Aufkleber zu kaufen. Die Auswahl ist beinahe grenzenlos. Aufkleber sind schon für kleines Geld zu haben.

Der Einstieg beginnt oft mit diesem Aufkleber: ein rotes Dreieck, in dessen Mitte der russische Buchstabe „У“ prangt. Das signalisiert den anderen Verkehrsteilnehmern, dass hier ein Fahranfänger unterwegs ist, der auf Rücksichtnahme hofft. Diese Hoffnung steckt wohl auch hinter dem

Aufkleber „Kind im Auto“. Es ist allerdings fraglich, ob sich Fahrer, deren Heckscheibe ein Aufkleber ziert, der die „Anzahl überfahrener Großmütter“ zeigt, davon wirklich beeindrucken lassen. Dieser in Russland durchaus beliebte Aufkleber mit der schematischen Darstellung alter Frauen spielt auf die Sterne an, die Piloten des Zweiten Weltkrieges für jeden feindlichen Abschuss auf den Rumpf ihres Flugzeuges malten. 

An großen Geländewagen prangt oft der Aufkleber „Fuck Fuel Economy“, was wohl ausdrücken soll, dass der Fahrer auf den Spritverbrauch pfeift. Populär ist auch der Aufkleber „Yahoojeju s etich dorog“. Damit drückt der Fahrer seine Verzweiflung über den Zustand der russischen Straßen aus. Es heißt so viel wie „Diese Straßen machen mich verrückt!“, ist allerdings im Russischen etwas drastischer ausgedrückt.

Neben dem Tankdeckel findet sich häufig auch ein Aufkleber von „Simon’s Cat“, einer auch in Russland beliebten Zeichentrickfigur des britischen Autors und Illustrators Simon Tofield.
Der Kater wird in der Regel neben einem leeren Futternapf dargestellt, was bedeutet, dass er hungrig ist, so wie das Auto, wenn der Tank leer ist. Praktisch ist dabei, dass auf dem Aufkleber gleich die richtige Benzinsorte angegeben wird, und nach dem Tank muss auch niemand mehr suchen. In Russland, wo es noch den klassischen Tankwart gibt, hilft das, Zeit zu sparen und auf eine freundliche Weise das persönliche Gespräch zu vermeiden.

 

Politische Bekenntnisse 

In Wahlkampfzeiten haben Autoaufkleber Hochkonjunktur. Bei der Wahl zum Moskauer Bürgermeister im vergangenen Jahr fuhren einige

Fahrzeuge mit dem Namen des Kandidaten der Opposition, Aleksej Nawalny, umher. Das verhalf dem in Politikerkreisen kaum wahrgenommenen Nawalny wenigstens in der Bevölkerung zu einiger Aufmerksamkeit. Immerhin erhielt er 27 Prozent der Stimmen und einen Popularitätsschub. Nawalny wurde im Juli 2013 wegen Unterschlagung verurteilt und seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Weil er gegen die Bewährungsauflagen verstoßen haben soll, steht er zurzeit unter Hausarrest. Seitdem sieht man kaum noch Aufkleber mit Nawalnys Namen.

Wachsender Beliebtheit erfreuen sich hingegen vor allem in Onlineshops inzwischen Aufkleber, die die sogenannten „höflichen Menschen“ zeigen. So werden in Russland die russischen Spezialkräfte genannt, die die Angliederung der Halbinsel Krim in die Russische Föderation begleitet haben.  

Nicht nur zum 9. Mai, an dem in Russland alljährlich der Tag des Sieges zum Gedenken an den Sieg über Hitlerdeutschland gefeiert wird, fallen an vielen Fahrzeugen Aufkleber von roten Sternen und vom Sankt-Georgs-Band auf. Dazu gibt es Schriftzüge wie „Danke dem Opa für den Sieg!“ oder „Ich erinnere daran, ich bin stolz!“.  Der Aufkleber „Nach Berlin!“ erinnert an die Aufschrift auf russischen Panzern und Flugzeugen, die im Zweiten Weltkrieg nach Westen zogen. Oft bleiben die Aufkleber das ganze Jahr am Fahrzeug. Ein Moskauer berichtete im russischen Fernsehen,

dass das durchaus Vorteile habe: „Die Polizei hält mich nicht mehr an, seitdem ich diesen Aufkleber habe“, sagt er. Stattdessen werde er bei Verkehrskontrollen mit einem Lächeln durchgewunken.

Mit Heldentaten hat der Aufkleber, den die Organisation Stopcham verteilt, nichts zu tun. Im Gegenteil, rücksichtlose Falschparker finden an ihrer Frontscheibe einen gigantischen runden Aufkleber mit der Aufschrift „Mir sind alle egal, ich parke wo ich will“. Und obwohl die Aufkleber nach Angaben von Stopcham ganz leicht und spurlos zu entfernen seien, fühlt sich so mancher ertappter Autofahrer dadurch so gekränkt, dass er den „Stopchamowern“ eine kleben will.

 

Auch in Deutschland sind Aufkleber auf Autos keine Seltenheit. Kennen Sie gute, originelle oder besonders schlechte Aufkleber?

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