Zehn Jahre nach Beslan: Der Schmerz bleibt

Die Geiselnahme in Beslan endete sich mit dem Tod von 333 Menschen. Foto: AP

Die Geiselnahme in Beslan endete sich mit dem Tod von 333 Menschen. Foto: AP

Vor zehn Jahren stürmten Terroristen eine Schule in Beslan und nahmen über tausend Menschen als Geiseln. Drei Tage später waren 333 Menschen tot, darunter viele Kinder. RBTH hat mit den Angehörigen und Überlebenden gesprochen. Sie können und wollen nicht vergessen, was damals geschah.

Der 1. September 2004 wird in Beslan in Nordossetien immer in Erinnerung bleiben. An diesem Tag erlangte die kleine Stadt weltweit traurige Bekanntheit wegen eines grausamen und zynischen Verbrechens. Die Kinder der Schule Nr. 1 hatten sich am ersten Schultag versammelt, der an diesem Tag in Russland feierlich begangen wird, als Terroristen das Schulgebäude stürmten und mehr als tausend Kinder, ihre Eltern, Verwandte und Lehrer als Geiseln nahmen. Nach drei Tagen endete die Geiselnahme mit dem Tod von 333 Menschen. Das Leben der Einwohner von Beslan hat sich an diesem Tag für immer verändert. Wie geht es ihnen zehn Jahre nach der Tragödie?

 

Drei Tage Angst

Das Schuljahr in Beslan beginnt nicht mehr am 1. September, sondern seit der Tragödie erst am fünften. Nur Rita Sidakowa macht sich am 1. September noch auf den Schulweg, den damals ihre Tochter nahm. Sidakowa trägt ein Kopftuch als Zeichen der Trauer. Sie geht in die durch Explosionen und einen Brand zerstörte Sporthalle, in der ihre neunjährige Tochter Alla die letzten Stunden ihres Lebens verbracht hat, ohne Essen, ohne Trinken, mit Maschinengewehren vor den Augen. Rita Sidakowa steht dort einen, manchmal zwei Tage und versinkt in ihrem Schmerz. 

Die neunjährige Alla Dudiewa hat die letzten Stunden ihres Lebens in einer Sporthalle verbracht, ohne Essen, ohne Trinken, mit Maschinengewehren vor den Augen. Foto aus dem persönlichen Archiv

„Alla war mein lang erwartetes und einziges Kind, ich habe sie alleine aufgezogen. An diesem Morgen habe ich sie wie immer in die Schule geschickt und bin selbst zur Arbeit gefahren“, erinnert sich Sidakowa. Um 9.15 Uhr habe sie plötzlich Unruhe gespürt. Um 9.15 Uhr fielen in der Schule die ersten Schüsse. Zehn Minuten später klingelte ihr Telefon und Rita Sidakowa erfuhr, dass die Schule, in der ihre Tochter war, von Terroristen gestürmt worden war. Drei lange Tage blieb Sidakowa im Ungewissen, bangte um ihre Tochter. Es gab Schüsse, eine Reihe von Explosionen. Am 3. September stürmten schließlich russische Spezialkräfte das Gebäude. Für Alla und über dreihundert weitere Menschen kam die Rettung zu spät. Alla war tot. Sie liegt nun in der „Stadt der Engel“ begraben. So heißt der  Friedhof von Beslan, auf dem die Opfer des Terroranschlags begraben liegen. Rita Sidakowa ist dankbar dafür, dass die Tragödie nicht vergessen wird. Damals und heute hätten die Menschen in aller Welt viel Mitgefühl gezeigt. Das gebe Kraft und helfe, das Leid zu ertragen, sagt sie. 

Madina Tokajewa (25) überlebte mit schweren Kopfverletzungen. Heute ist sie verheiratet und hat einen vier Monate alten Sohn. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Madina Tokajewa ist eine der Überlebenden. 15 Jahre alt war sie damals. Wie so viele der Überlebenden kehrt auch sie an den Ort der Tragödie zurück und gedenkt all derer, die nicht so viel Glück hatten. Tokajewa erinnert sich noch genau an die drei Tage Anfang September: „Es war furchtbar. Die Geiseln saßen auf dem Boden der Sporthalle. Es war so eng, dass wir die Beine nicht ausstrecken konnten. Die Terroristen hatten

irgendwelche Kabel auf dem Boden verlegt. Sie sagten uns, dass wir bald alle sterben würden.“ Madina überlebte mit schweren Kopfverletzungen. Zusammen mit elf weiteren schwerverletzten Kindern wurde sie mit einem Militärflugzeug nach Rostow in die regionale Kinderklinik gebracht, wo man ihr einen Splitter aus dem Kopf entfernte. Nach der Behandlung ging sie zur Rehabilitation ins Ausland. Es dauerte sehr lange, bis Madina sich erholt hatte. Doch sie hat sich zurück ins Leben gekämpft. Heute ist Madina verheiratet und hat einen vier Monate alten Sohn. „Das Leben geht trotz allem weiter“, sagt die heute Fünfundzwanzigjährige.

 

Das Geschehen hat Spuren hinterlassen

Alan Kulow wird bald 22 Jahre alt. Er ist Student an der Medizinakademie. Seit zehn Jahren kümmert er sich liebevoll um seinen behinderten jüngeren Bruder Oleg, der auf dem Stand eines Achtjährigen stehen geblieben ist. „Alan ist die größte Hilfe“, sagt seine Mutter Schanna Kulowa. Auch Alan war in der Schule Nr. 1 und hat den Anschlag überlebt. Er erlitt Verletzungen durch Splitter im Kopf und im Rücken, nahe der Wirbelsäule. Fast ein Jahr lang lag er im Krankenhaus und es sah so aus, als würde er behindert bleiben. Doch durch die Hilfe der Ärzte und seinen eigenen Ehrgeiz geht es ihm heute wieder gut. Einen Behindertenausweis braucht er nicht mehr. Das Geschehene hat dennoch Spuren bei Alan hinterlassen. Er wollte es sich zum Beruf machen, Menschen zu helfen. Zum Militär wollte er, doch das ging wegen seiner gesundheitlichen Einschränkungen nicht. Nun wird Alan Zahnarzt.

Das Schuljahr in Beslan beginnt nicht mehr am 1. September, sondern seit der Tragödie erst am fünften. Nur Rita Sidakowa macht sich am 1. September noch auf den Schulweg, den damals ihre Tochter nahm. Foto aus dem persönlichen Archiv

Auch Rita Sidakowa hat den Lebensmut wiedergefunden. Sie engagiert sich wie andere Frauen, die ihre Kinder verloren haben, im Komitee der Mütter von Beslan und geht darin vollkommen auf. „Unsere wichtigsten Ziele sind soziale Hilfe und die Rehabilitation für die Opfer sowie das Gedenken an die Verstorbenen“, erzählt sie. Das Komitee fordert außerdem, dass endlich die

zur Rechenschaft gezogen werden, die es überhaupt möglich gemacht haben, dass die Terroristen in die Stadt und die Schule gelangen konnten. Auch zum Verlauf der Erstürmung durch die Spezialkräfte gebe es noch eine Menge offener Fragen, so Sidakowa.

Am 1. September um 9.15 Uhr steigen nun in jedem Jahr 333 Luftballons in den Himmel von Beslan und am 3. September werden in der „Stadt der Engel“ die 333 Namen der Getöteten verlesen. Die Tragödie bleibt unvergessen.

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