Rettung für die Perle Sibiriens

Der Baikalsee ist durch Abwässer verschmutzt. Foto: ITAR-TASS

Der Baikalsee ist durch Abwässer verschmutzt. Foto: ITAR-TASS

Der Baikalsee ist der tiefste und älteste Süßwassersee der Erde. Industrie und Tourismus bedrohen sein ökologisches Gleichgewicht. Die russische Regierung hat daher einen Maßnahmenkatalog beschlossen, damit der Baikalsee den Namen „Perle Sibiriens“ wieder verdient.

Der Baikalsee ist der größte See der Welt, doch er ist auch stark verschmutzt. Neben staatlichen Programmen helfen auch viele Freiwillige dabei, den Baikalsee wieder sauberer zu machen. Eine von ihnen ist die junge US-amerikanische Geologin Marina Rachel, die seit zwei Monaten gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus aller Welt für die Organisation Great Baikal Trail arbeitet. Seit elf Jahren gibt es die Organisation nun schon. Etwa 5 000 Freiwillige aus Russland und 30 anderen Ländern haben seitdem vor allem beim Ausbau von Wanderwegen geholfen sowie den Öko- und  Bildungstourismus in der Region unterstützt. Ziel der Organisation ist es, einen Fernwanderweg um den Baikalsee anzulegen. Das Projekt soll positive Auswirkungen auf den Tourismus und den Umweltschutz haben, erhoffen sich die Organisatoren, denn das Ökosystem des Baikalsees ist in Gefahr. Das hat auch die russische Regierung erkannt. 

 

Geld vom Staat

Seit 2010 ist der Baikalsee das größte ökologische Projekt der russischen Regierung. Im August 2012 wurde zusätzlich zum föderalen Gesetz über den Schutz des Baikalsees auch das breit angelegte föderale Zielprogramm „Schutz des Baikalsees und sozial-wirtschaftliche Entwicklung des Naturschutzgebietes rund um den Baikalsee von 2012 bis 2020“ vorgestellt. Die für das Projekt benötigten finanziellen Mittel kommen aus der Staatskasse.

In einem ersten Schritt werden Richtlinien erarbeitet, in denen der Grenzwert für die Verschmutzung durch am Baikalsee gelegene Städte definiert wird, alle Verschmutzungsquellen werden  identifiziert und dokumentiert. Bis 2020 sollen zudem sechs Fabriken gebaut werden, die sich mit der Aufbereitung von Industrieabfällen befassen. Dadurch sollen rund 80 Prozent des verschmutzten Gebietes gesäubert werden. Die Ergebnisse dieses Öko-Monitorings werden dann auf der Webseite baikalake.ru einsehbar sein.

Allein in diesem Jahr stellt die Russische Föderation für das Ökoprojekt 634 Millionen Rubel (13 Millionen Euro) bereit, die auf die Oblasten Irkutsk, Burjatien und die Region Transbaikalien aufgeteilt werden. Burjatien investiert die zugewiesenen 289 Millionen Rubel (etwa sechs Millionen Euro) in den Bau einer Kläranlage in der Stadt Kjachta, den Aufbau eines Kanalisationssystems im Dorf Petropawlowk und den Bau einer Mülldeponie für feste Haushaltsabfälle in der Ortschaft Saigraewo. In der Oblast Irkutsk werden die finanziellen Mittel in die Sanierung der Reinigungsanlagen im Fluss Angara und in den Bau von Abwasseranlagen in der Stadt Schelechow investiert.

 

Zellulosefabrik war der größte Umweltsünder

Der Hauptverschmutzer des Baikalsees von industrieller Seite ist ein Zellulose- und Papierkombinat. Die Fabrik wurde in den 1960ern direkt am Ufer des Sees gebaut und war schon damals laut Angaben von Greenpeace Russland veraltet. Das Produktionsverfahren des Werks war so konzipiert worden, dass ohne die Verwendung von sauberem Wasser aus dem Baikalsee keine gebleichte Zellulose hergestellt werden konnte, das Hauptprodukt des Kombinats. Bis 2008 wurde täglich 200 000 Kubikmeter sauberes Seewasser in die Fabrik gepumpt und nach dem Produktionsverfahren als Abwasser wieder in den See zurückgeführt. Als dem Zellulosewerk schließlich vorgeschrieben wurde, in einem geschlossenen Wasserkreislauf zu produzieren, erwies sich die Zelluloseherstellung als unrentabel und wurde 2009 eingestellt.

Die Zellulosefabrik war der wichtigste Arbeitgeber in der Stadt Baikalsk, von der Schließung waren Tausende Arbeitsplätze gefährdet. Der russische Präsident Wladimir Putin erlaubte Anfang 2010, die Arbeit nach den alten

Produktionsmaßstäben wieder aufzunehmen. Die in den Jahren 2011 und 2012 nahe der Fabrik entnommenen Wasser- und Bodenproben wiesen erneut eine hohe Konzentration von giftigen chemischen Elementen auf, weshalb das Werk schließlich doch geschlossen und umgebaut wurde.

Das Zellulose- und Papierkombinat stellt jedoch nach wie vor eine große Bedrohung für das Ökosystem des Sees dar, da sich dort seit den 1960er-Jahren sechs Millionen Tonnen toxischer Ligninschlamm auf zwei Mülldeponien angesammelt haben. Diese Industrieabfälle sind nicht gesondert gelagert und gelangen ins Grundwasser. Eine der beiden Deponien – „Sasanskij“ – liegt nur 300 Meter vom Seeufer entfernt. Das Risiko für das Ökosystem des Baikalsees wird zudem noch von der Tatsache verstärkt, dass sich die Fabrik mit ihren Müllhalden in einer Erdbebenzone befindet. Dieses Problems war man sich auch bei der Erstellung des föderalen Zielprogramms bewusst und hat in diesem die Aufbereitung der Abfälle in den nächsten Jahren festgeschrieben.

 

Kanalisation und Kläranlagen fehlen

Das Zellulose- und Papierkombinat ist jedoch nicht der einzige Verschmutzer des Baikalsees. Auch private Haushalte rund um den See leiten ihre Abwässer direkt in den See. Der Großteil davon enthält Fäkalien, die aus den Klärgruben von Privathäusern ohne Anschluss an die Kanalisation stammen.

Marina Richwanowa, stellvertretende Vorsitzende der Irkutsker Non-Profit-Organisation „Baikalskaja ekologitscheskaja wolna“ („Baikal-Umweltwelle“), kritisiert, dass Tonnen von Haushaltsabwasser illegal in den See gelassen werden, weil „es bereits zu Sowjetzeiten in allen Ortschaften rund um den

Baikalsee praktisch keine Kläranlagen gab“. „Früher war das harmlos, weil nur wenige Menschen am Baikalsee gelebt haben. Doch dieses Problem hat mit dem anwachsenden Tourismus und dem verstärkten Bau von Urlaubszentren immer mehr zugenommen“, erklärt Richwanowa.

Allein in der Bucht Tschiwyrkuyskij saliw werden in nur einer Sommersaison 160 Tonnen Fäkalien in den See gepumpt. Dies führte dazu, dass sich für den Baikalsee ungewöhnliche Organismen, wie die Schraubenalge oder die Kanadische Wasserpest, stark verbreiten konnten. Neben den privaten Haushalten tragen laut Angaben des Baikalsee-Öko-Monitorings auch die Kurorte zur Wasserverschmutzung bei. In deren Abwasser wurden pathogene Bakterien festgestellt. Wenn alle staatlichen Maßnahmen wie geplant umgesetzt würden, könne man dieses Problem aber in den Griff bekommen, ist Richwanowa überzeugt.

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