Freiwilligenorganisation hilft jungen Homosexuellen in Not

Verein Kinder-404 setzt sich für homosexuelle junge Menschen ein. Foto: Shutterstock/Legion-Media

Verein Kinder-404 setzt sich für homosexuelle junge Menschen ein. Foto: Shutterstock/Legion-Media

Homosexualität ist in Russland ist ein gesellschaftliches Tabu. In diesem Umfeld haben es lesbische und schwule Jugendliche besonders schwer sich zu entwickeln. Sie finden Unterstützung bei der Organisation Kinder-404.

Homosexualität ist in Russland kein Thema – so hätte es gerne die Regierung. In der Öffentlichkeit ist Homosexualität tabu. Oft sind Homosexuelle gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Das ist besonders hart für junge Leute. Sie haben oft niemanden, dem sie sich anvertrauen könne, wenn sie feststellen, dass sie lesbisch oder schwul sind. Die Redakteurin und Journalistin Elena Klimowa hat daher das Projekt Kinder-404 ins Leben gerufen. Der Name leitet sich von einer Fehlermeldung ab, die Internet-Browser anzeigen, wenn sie eine Webseite nicht finden können. Klimowa möchte so darauf aufmerksam machen, dass Kinder und Jugendliche, deren sexuelle Orientierung von der breiten russischen Öffentlichkeit als abweichend empfunden wird, kaum Anlaufstellen haben. Klimowa stammt aus der Provinz, aus der Stadt Nishnij Tagil in Sibirien, weit über tausend Kilometer von der russischen Hauptstadt entfernt. Sie hat einen Artikel verfasst zu dem russische föderalen Gesetz, das positive Äußerungen zum Thema Sexualität gegenüber Kinder und Jugendlichen öffentlich oder in den Medien unter Strafe stellt. Wer sich in Russland positiv zum Thema äußert, betreibt nach offizieller Lesart „homosexuelle Propaganda". Das Gesetz gilt seit Sommer 2013. Klimowa hat sich gefragt, wie viele homosexuelle Minderjährige es wohl gibt und ob diese jemanden haben, der sie dabei unterstützt, sich mit ihrer Sexualität wohlzufühlen und sie verteidigt und schützt. Klimowa hat einen entsprechenden Aufruf über das russische soziale Netzwerk Vkontakte gestartet, mit großer Resonanz. „Ich hatte mit fünf oder sechs Antworten gerechnet, doch es gab Hunderte", sagt sie. Klimowa bekam auch zahlreiche Briefe. Bis heute hat sie über 1 500 Zuschriften erhalten.

 

Feindseliges Umfeld

Mit dem Einverständnis der meist jugendlichen Briefeschreiber hat Klimowa diese Briefe im Internet veröffentlicht, auf der Webseite von Kinder-404. Aus jedem Brief sprachen Schmerz und Verzweiflung. Sobald die Jugendlichen erkannt hatten, dass sie sich in einen gleichgeschlechtlichen Jugendlichen verliebt hatten, spürten sie die Feindseligkeit ihrer homophoben Umwelt. Von dreihundert Jugendlichen, die von Klimowa befragt wurden, hatte schon jeder Dritte an Selbstmord gedacht. 50 Jugendliche hatten bereits einen Suizidversuch hinter sich, 16 deren mehrere.

Bei Kinder-404 bekommen die Jugendlichen Hilfe. 15 Psychologen bieten ihre Unterstützung an, sie reden mit den Jugendlichen, überzeugen sie, dass sie für sich kämpfen sollen. Die Kontaktaufnahme und Beratungen laufen meist über das Internet, so können sich Jugendliche aus ganz Russland Rat suchen. Alexander Emris, Psychologe aus Sankt Petersburg, erzählt, dass er jede Woche ein bis zwei neue Anfragen junger Menschen bekommt. Der Austausch dauert manchmal nur einige Tage, kann aber auch über mehrere Monate gehen. „Meist kommunizieren wir über Messages im Internet", sagt Emris. „Telefongespräche sind seltener, und noch seltener sind persönliche Kontakte", erklärt der Psychologe. Zweimal hätte er es bis jetzt erlebt, dass junge Leute persönlich zu ihm kamen. Er hätte ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit angeboten, nachdem die Jungen von ihren Eltern nach ihrem Outing raus geworfen worden waren und obdachlos wurden,

berichtet er. Im vergangenen Jahr hätten sich bei ihm viele Jugendliche über die allgegenwärtige Homophobie beklagt. Manchmal wollen sie einfach nur, dass ihnen jemand zuhört. „Sie kommen, um Unterstützung zu finden, Aufmerksamkeit und Verständnis. Das fehlt ihnen sehr", weiß Emris.

Der Psychologe kann sich an einen Fall erinnern, als ein Junge sich an ihn gewandt hatte, der unter Panikanfällen litt und der schon zwei Mal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Der Junge, der zudem an Gehirnkrebs litt und dessen Gesundheitszustand sich sehr verschlechtert hatte, wollte nicht in dem Bewusstsein weiterleben, dass ihn seine Eltern nicht lieb hätten. Auch traute er sich nicht, über die Verschlimmerung seiner Krankheit mit ihnen zu sprechen. Emris riet ihm, mit seinen Eltern zu reden. Daraufhin meldete sich der junge Mann nicht mehr und Emris fürchtete schon, einen Fehler gemacht zu haben. Doch einen Monat später ließ der Junge Emris über Elena Klimowa ausrichten, dass er sich „nie zuvor so gut gefühlt" habe.

 

Misshandlungen sind keine Seltenheit

Die Freiwilligen von „Kinder-404" helfen den jungen Leuten auch in Ausnahmesituationen. Das sind beispielsweise schwere gesundheitliche Schäden, oder wenn sie von zu Hause ausgerissen sind oder in die Psychiatrie zwangseingewiesen werden sollen. Wenn Minderjährige um Hilfe bitten, sind die Möglichkeiten der Freiwilligen jedoch begrenzt. „Wir vermitteln dann zwischen den hilfesuchenden Jugendlichen und LGBT-Organisationen" erklärt Chana, Koordinatorin der psychologischen Gruppe des Projekts Kinder-404. „Wenn volljährige junge Menschen zu uns kommen, haben wir mehr Möglichkeiten Hilfe zu leisten", erzählt sie. Zurzeit versucht sie, zwei lesbischen Mädchen zu helfen. „Die eine wurde gegen

ihren Willen zu Hause festgehalten, sie durfte nicht telefonieren, wurde geschlagen. Sogar ihre Papiere hatten die Eltern ihr weggenommen", berichtet Chana. Ihre Freundin habe ihr geholfen, zu fliehen. Nun kümmert sich Chana um die beiden Hilfsbedürftigen. „Die Eltern des Mädchens wiegeln ab und behaupten, sie hätte die Schule geschmissen und sei einfach nur abgehauen", sagt sie.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass homosexuelle Jugendliche in Russland in ihren Familien misshandelt werden. Kinder-404 hilft oft dabei, für sie einen sicheren Ort zu finden, an dem sie erst einmal unterkommen können, meist ist das in den Wohnungen der Freiwilligen. Die Freiwilligen begleiten die Kinder zu den Eltern, wenn sie mit ihnen reden wollen. Auch juristischer Beistand oder Hilfe bei der Suche nach einer Arbeit wird gewährt.

Die Fälle sind manchmal erschütternd. „Wir hatten den Fall eines Transgender. Er berichtete uns, dass er von seinem Vater zu Hause

geschlagen und erniedrigt worden sei. Der Vater hätte gesagt, er würde ihn auch zum Krüppel schlagen, wenn er dadurch wieder normal würde", berichtet Nadja, die sich ebenfalls als Freiwillige bei Kinder-404 engagiert. Der Junge bekam psychologische Hilfe und lebte ein Jahr bei Bekannten von Nadja, um vor seinen Eltern in Sicherheit zu sein. Kinder-404 hat Kontakt zu den Eltern aufgenommen und konnte sie zur Vernunft bringen, wie Nadja berichtet. „Inzwischen ist der junge Mann volljährig, geht einer Arbeit nach, bildet sich weiter und hat eine eigene Wohnung. Es geht ihm gut", freut sie sich.

Pro Woche bekommt Kinder-404 zwei bis sieben Anfragen von Jugendlichen mit der Bitte um Hilfe, sagt Maria Najmushina, Psychologin aus Perm. Auf die Frage, ob sie erstaunt über die große Anzahl an Interessenten und Hilfesuchenden in Russland sei, antwortet sie, dass es in Wirklichkeit noch viel, viel mehr seien, aber viele das Projekt Kinder-404 einfach noch nicht kennen würden.

Elena Klimowa, die Initiatorin von Kinder-404 hat nun ein Buch über ihre Arbeit geschrieben und lässt darin auch betroffene Kinder und Jugendliche zu Wort kommen. Oft muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, Homosexualität zu verherrlichen. Damit kann sie leben. Dass sie sich im homophoben Klima Russlands damit keine Freunde macht, ist ihr egal. Ihr ist es wichtig zu helfen.