Russland bekommt weltgrößte Haftanstalt

"Kresty-2" soll das berühmte Sankt Petersburger Gefängnis „Kresty" ersetzen. Foto: Marina Starodubzewa

"Kresty-2" soll das berühmte Sankt Petersburger Gefängnis „Kresty" ersetzen. Foto: Marina Starodubzewa

„Kresty“, die berühmt-berüchtigte Sankt Petersburger Haftanstalt, hat bald ausgedient. Im Vorort Kolpino entsteht „Kresty-2“, das größte Untersuchungsgefängnis der Welt, das mit dem düsteren Vorgänger nur noch die kreuzförmige Anordnung der Gebäude gemeinsam hat.

In der Stadt Kolpino, die etwa 30 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt liegt, entsteht zurzeit das größte Untersuchungsgefängnis der Welt. 4 000 Insassen kann die Haftanstalt „Kresty-2" aufnehmen. Anfang 2016 sollen die ersten Häftlinge einziehen. Zugleich entsteht eine Miniaturstadt mit kompletter Infrastruktur: Neben Wohngebäuden für die Mitarbeiter und einem Hotel für die Angehörigen der Häftlinge wird es ein eigenes Krankenhaus, religiöse Einrichtungen, Sport- sowie Werkstätten geben.

Der Neubau ersetzt das berühmte Gefängnis „Kresty", das im Zentrum von Sankt Petersburg liegt. Vor der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland sollte das Gefängnis umgesiedelt werden, erklärt Gennadi Kornijenko, Leiter des Föderalen Dienstes für den Strafvollzug Russlands. Die inoffizielle Bezeichnung des Neubaus lautet „Kresty-2". Auch dieser Bau wird kreuzförmig angelegt, das bietet Vorteile bei der Überwachung der Häftlinge. Alle Gebäude sind miteinander durch spezielle Aufzüge verbunden, sodass man sich zwischen allen Anstaltsgebäuden bewegen kann, ohne nach draußen zu müssen. Das Überwachungssystem funktioniert komplett elektronisch, dadurch kann auf Wachtürme verzichtet werden. Die Zellen werden heller und geräumiger, drei Personen stehen etwa 30 Quadratmeter zur Verfügung.

Was aus dem alten Gebäude werden soll, steht noch nicht fest. Die Stadtverwaltung möchte das alte Gefängnis in ein kreatives Zentrum umwandeln, mit Werkstätten und Ausstellungen. „Das wäre ein wichtiger Beitrag zur physischen und moralischen Gesundung dieses Teils von Sankt Petersburg", glaubt auch Irina Babjuk, Vorsitzende des Stadtausschusses für Investitionen und strategische Projekte, wie sie der Onlinezeitung „The Village" sagte. Eigentümer des „Kresty" ist der Föderale Dienst für den Strafvollzug. Wie Gennadi Kornijenko sagt, seien verschiedene Optionen für die Anschlussverwendung im Gespräch. Der Gebäudekomplex hat den Status eines Architekturdenkmals und ist beim Ausschuss für Denkmalpflege registriert. Das setzt einer Modernisierung der Gebäude enge Grenzen.

 

Bedrückende Haftbedingungen und spektakuläre Ausbruchsversuche

Das „Kresty"-Gefängnis wurde 1892 von Gefangenen erbaut. Sein Architekt Antonino Tomischko legte die Gebäude kreuzförmig in einem pseudogotischen Stil an, für die Ausführung wurde ausschließlich roter Backstein verwendet. Russland hatte mit „Kresty" damals nicht nur Europas größtes, sondern auch das modernste Gefängnis. Hier gab es elektrisches Licht, damals längst keine Selbstverständlichkeit, eine Warmwasserheizung und ein Belüftungssystem.

Bis 1917 saßen neben Kriminellen im „Kresty"-Gefängnis auch Revolutionäre und politische Aktivisten ein – von Liberalen bis zu Bolschewiki. In den 1930er-Jahren füllten sich seine Zellen mit Opfern der Stalinschen Repressionen. In einer für die Einzelhaft konzipierten Zelle von drei Quadratmetern wurden 15 bis 17 Personen gepfercht. Unter den Insassen waren auch der Historiker Lew Gumiljew und der künftige Marschall Konstantin Rokossowski.

Die Petersburger Stadtverwaltung möchte das alte Gefängnis "Kresty" in ein kreatives Zentrum umwandeln. Foto: TASS

In der Geschichte des „Kresty" kam es zu einigen spektakulären Ausbruchversuchen. Die Insassen ließen sich dabei von Wärtern helfen, fälschten mit Zeitungspapier Miliz-Ausweise oder kneteten Pistolen aus Brotteig. 1991 versuchte ein Krimineller mit dem Namen Madujew mit Unterstützung einer Ermittlungsbeamtin zu fliehen, die sich in ihn verliebt hatte und ihm eine Waffe zukommen ließ. Das Vorhaben jedoch scheiterte,

die Ermittlungsbeamtin wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Geschichte lieferte den Stoff für den Film „Gefängnisromanze" („Tjuremnyj romans") aus dem Jahr 1993. Erst in diesem Jahr gab es einen erfolgreichen Fluchtversuch: Der Akrobat Alexander Pokrowski sprang aus dem dritten Stock und konnte unter dem Stacheldraht in die Freiheit entkommen.

Der aufsehenerregendste Ausbruchversuch aus „Kresty" allerdings war der sogenannte „Aufstand 1992". Der zum Tode verurteilte Juri Perepjolkin plante seine Flucht über den Ausgangshof und das Dach eines Gebäudes. Für den Fall, auf frischer Tat ertappt zu werden, wollte er einige Gefängniswärter als Geiseln nehmen. Er konnte für sein Vorhaben noch weitere sechs Gefangene gewinnen, die wie er auf die Todesstrafe warteten oder einer langen Freiheitsstrafe entgegensahen. Zu verlieren hatten sie alle nichts. Die Flucht sollte am Tag der sowjetischen Armee, dem 23. Februar, stattfinden. Nicht nur der staatliche Feiertag versprach, die Wachsamkeit des Gefängnispersonals einzutrüben, an diesem Tag wurde auch der Geburtstag der Wärterin Walentina Awakumowa gefeiert. Doch die Flucht über das Dach schlug fehl. Man bemerkte die Häftlinge vom Wachturm aus und schlug Alarm. Es folgte die Geiselnahme zweier Wärter, darunter von Awakumowa. Die Häftlinge forderten Geld und ein Flugzeug für eine Flucht ins Ausland. Die ganze Stadt verfolgte den Ausbruchversuch, vor dem Gefängnis versammelten sich scharenweise Journalisten. Die Verhandlungen mit den Geiselnehmern scheiterten. Da kam die Anweisung aus Moskau, „Kresty" zu stürmen. Bei dieser Aktion kamen drei Gefängnisinsassen und eine Geisel ums Leben.

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