Von Russland in die Welt: Wie russische Expats leben

Warum verlässt ein Russe seine Heimat, seine Familie und Freunde, um in einem anderen Land zu leben und wie geht es ihnen dort? RBTH stellt drei Russen vor, die als Expats im Ausland leben. Nicht immer war der Start in der Fremde einfach.

Jelena Jurkina, Juristin, lebt in Straßburg:


Foto aus dem persönlichen Archiv

„Ich bin im Moskauer Umland geboren und aufgewachsen. In den beiden letzten Schuljahren besuchte ich parallel Vorbereitungskurse für die Aufnahme an der Universität der Völkerfreundschaft. Dort habe ich dann Jura studiert. In meiner Promotion befasste ich mich mit dem Europäischen Gerichtshof, wo ich mich kurz nach dem Abschluss meiner Dissertation bewarb. Es dauerte eine Weile, dann wurde ich in ein Programm für junge Juristen aufgenommen. Es ging dabei um eine Spezialisierung im Bereich Menschenrechte.

Während der ersten Jahre meiner Berufstätigkeit las ich viele Beschwerden über Menschenrechtsverstöße in Russland und dachte, dass es in Russland sehr schlecht um das Thema bestellt sei, mittlerweile urteile ich differenzierter. Eine große Zahl von Beschwerden wird durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) als unzulässig zurückgewiesen.

Wenn man das Leben in Straßburg mit dem in Moskau vergleicht, dann fällt die klare Trennung von Arbeit und Freizeit auf. Die allermeisten Läden schließen um 19 Uhr, einige sind auch während der Mittagspause geschlossen, sonntags haben fast alle Läden geschlossen. Im Restaurant essen kann man nur zwischen 12 und 14 Uhr oder wieder ab 19 Uhr. Ansonsten gibt es nur Brötchen in einem der Straßencafés. Meine Arbeitszeit im Gericht, acht Stunden pro Tag, kann ich flexibel handhaben. Anwesenheitspflicht herrscht aber von 9 bis 12 Uhr und von 14.30 bis 16.30 Uhr. Die übrige Zeit kann ich mir frei einteilen. Um eine Wohnung musste ich mich selbst kümmern. Ein Appartement gibt es in Straßburg für 300 bis 600 Euro monatlich, eine Zwei-Zimmer-Wohnung für 500 bis 800 und drei Zimmer kosten je nach Lage und Zustand 700 Euro und mehr. Dazu kommen noch Kosten für Strom und Gas.

Im Frühjahr 2015 läuft mein Vertrag aus und ich werde eine neue Arbeit suchen müssen. Gerne würde ich wieder in einer internationalen Organisation arbeiten. Es ist einfach interessant, mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern in Kontakt zu kommen. In Europa gibt es diese Möglichkeit weitaus häufiger. Aber ein interessantes Angebot aus Moskau würde ich auch nicht ablehnen."

 

Alexander Mamontow, Direktor des Sankt Petersburger Filmfestivals, lebt in Berlin:


Foto aus dem persönlichen Archiv

„Man muss schon triftige Gründe haben, um aus seiner Heimat wegzugehen. Ich war gezwungen auszureisen, denn ich konnte in Sankt Petersburg nicht mehr arbeiten. Schon seit fünf Jahren gibt es von der Stadt Sankt Petersburg keine finanzielle Unterstützung mehr für unser Festival. Die Kulturverantwortlichen haben keine Ahnung, was wir machen. Ich bin daher nach Berlin gezogen. Dort entstand das Unternehmen Rusfilm. Nun werbe ich auf deutschen Festivals für unsere Filme und veranstalte die russischen Kinowochen in Deutschland.

Russisch höre ich hier oft, aber leider kenne ich hier keine Russen. In meinem Bekanntenkreis sind nur Deutsche. Die Russen, die nach Berlin ziehen, haben eine andere Kultur. Sie sind anders als die Emigranten der zwanziger Jahre; was die Migranten heute lockt, ist die Sozialhilfe. Das Leben in Berlin ist zehnmal günstiger als in Sankt Petersburg. Ich habe hier eine eigene Wohnung.

An Berlin schätze ich zum Beispiel die Zuverlässigkeit im Alltag. Wenn an einer Bushaltestelle steht, dass der Bus in fünf Minuten kommt, dann kommt er auch in fünf Minuten."

 

Alexandra Dobrjanskaja, Journalistin, lebt in Oxford (Ohio/USA):


Foto aus dem persönlichen Archiv

„Es ist fast ein Jahr her, dass wir in die USA gezogen sind. Vor dem Umzug lebten wir in Moskau. Dort hat sich mein Mann bei Transparency International wissenschaftlich mit der Korruptionsbekämpfung befasst. Als er eine Konferenz in den Vereinigten Staaten besuchte, bekam er das Angebot, an einer Universität Vorlesungen zu halten. Wir haben das zunächst nicht ernst genommen und gleich wieder vergessen. Aber dann kam das sogenannte Agentengesetz und mein Mann konnte seine Arbeit nur noch unter erschwerten Bedingungen fortsetzen. Da haben wir die Einladung aus Amerika angenommen.

Der Vertrag mit der Universität war zunächst auf ein Jahr befristet, mit der Option auf Verlängerung. Anfangs konnten wir uns jedoch nicht vorstellen, länger zu bleiben, denn das Leben in unserer Stadt war so langweilig. Wir sind hier mitten im Winter angekommen, es war eiskalt, wir hatten keine

Freunde. Aber allmählich wurde es besser. Der Winter ging vorüber, wir knüpften Freundschaften und entdecken das Kulturleben. Wir haben eine ganz neue Seite von Amerika kennengelernt und vor ein paar Wochen beschlossen, den Vertrag doch zu verlängern.

In unserem Städtchen, Oxford, leben zwei Typen von Menschen – Studenten und Dozenten. Um sich mit Studenten anzufreunden, muss man ständig trinken. Wir trinken nicht, also ist das keine Alternative. Dafür fanden sich unter den Dozenten einige ganz wunderbare Menschen. In Oxford mieteten wir ein Haus von einem Dozenten, der gerade in Deutschland lehrt. Übrigens sind Mietwohnungen hier in Oxford um einiges günstiger als in Moskau. Arbeit habe ich mir in den USA nicht gesucht. Ich hätte dafür eine Arbeitserlaubnis gebraucht. Ich arbeite als freie Journalistin für Redaktionen aus Moskau.

Seit unserem Umzug habe ich viel nachgedacht – über Russland, über die USA, über vieles andere mehr. In einem bin ich mir sicher: Ich habe zu mir selbst gefunden. Ob das mit dem neuen Ort zusammenhängt, weiß ich nicht. Aber ein solcher Umzug in ein anderes Land ist eine gute Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln."

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