Russischer Arbeitsmarkt: Fachkräfte verzweifelt gesucht

Russlands Personaler suchen manchmal jahrelang nach passenden Kandidaten. Foto: TASS

Russlands Personaler suchen manchmal jahrelang nach passenden Kandidaten. Foto: TASS

Über zwei Millionen offene Stellen gibt es in Russland, aber offiziell nur 868 700 Arbeitslose. Da gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Bewerber für die Unternehmen mitunter wie die nach der Nadel im Heuhaufen. Manche traditionellen Berufe sind daher vom Aussterben bedroht.

Den Angaben der Föderalen Behörde für amtliche Statistik (Rosstat) zufolge hatten Arbeitgeber in Russland im Juni dieses Jahres 2 186 601 freie Stellen. Im selben Zeitraum waren 868 700 Personen arbeitslos gemeldet. Darunter sollte sich ein geeigneter Bewerber finden, könnte man meinen. Doch in der Praxis gehen Angebot und Nachfrage zuweilen weit auseinander.

 

Technische Berufe sind gefragt

Die Nachfrage bestimmt das Angebot – so ist das überall, nur nicht auf dem russischen Arbeitsmarkt. Zu den prestigeträchtigsten Berufen gehören nach Angaben des Allrussischen Meinungsforschungszentrums (WZIOM) die Juristen mit 23 Prozent, die Ökonomen mit 15 Prozent und Ärzte mit zwölf Prozent. Die Fakultäten dieser Fächer erhalten an den Hochschulen den größten Zulauf bei den Aufnahmeprüfungen. Jedoch ist der Markt bei diesen Berufen bereits übersättigt. „Große Nachfrage gibt es hingegen in den technischen Berufen", weiß Sergej Schurawljow, Geschäftsführer für Geschäftsentwicklung der Personalagentur Leader Team Personal. Gute Techniker seien selten, daher würde auf sie regelrecht Jagd gemacht. Sie würden schon in den ersten Semestern mit Praktikumsstellen umworben, sagt Schurawljow.

Viele technische Spezialisten mit Erfahrung hätten ihren Beruf in den neunziger Jahren aufgegeben und in andere Sparten gewechselt. Zurzeit sei es sehr schwer, hochqualifizierte Ingenieure zu finden. Unternehmen wie das Rohrwalzwerk Tscheljabinsk setzten daher auf Nachwuchsförderung im eigenen Haus und eröffneten firmeneigene Berufsbildungszentren, berichtet Schurawljow. Besonders gefragt seien Kenntnisse im Bereich der Nanotechnologie oder Mikrobiologie. Forscher- und Erfindergeist sei in russischen Unternehmen gern gesehen. Russlands Jugend allerdings scheint davon nichts wissen zu wollen. Die Personalagentur HeadHunter gibt an, dass große Unternehmen wie Gazprom, Rosneft oder die russische Eisenbahn besonders attraktiv für junge Leute seien. Dort kämen neun bis zehn Bewerber auf eine freie Stelle.

Die Suche nach hochspezialisierten Fachkräften dauere meist länger, erklärt Maria Ignatowa, Analystin des Forschungsdienstes von Personalagentur HeadHunter. „Außerdem ist es schwierig, Führungspositionen zum Beispiel in Bergwerken und Erzgruben zu besetzen. Die Bereitschaft zur Mobilität ist gering, ebenso wie die Bereitschaft, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten", so Ignatowa. Das Internet habe dagegen ganz neue Berufe geschaffen, wie Web-Programmierer, Web-Designer oder Content-Manager. Während in diesem Bereich freie Stellen leicht zu besetzen sind, sind nach Angaben der Firma HeadHunter geeignete Bewerber für die App-Entwicklung oder Spezialisten für die Informationssicherheit seltener zu finden. Dabei lockt ein monatliches Gehalt von immerhin nicht unter 100 000 Rubeln (etwa 1 687 Euro).

 

Der Nachwuchs fehlt

Nachwuchs fehlt auch in Ausbildungsberufen. Obwohl Näherinnen zum Beispiel in Moskau noch rund 35 000 Rubel (etwa 590 Euro) pro Monat verdienen könnten, sei es schwierig, junge Leute für den Beruf zu begeistern. „Bei uns sind alle Näherinnen annähernd im Rentenalter", berichtet Elena Danilowa, Leiterin der HR-Abteilung eines Herstellers von

Sportbekleidung. Ein Problem sei, dass ältere Mitarbeiterinnen oft Schwierigkeiten hätten, sich an neue Arbeitsbedingungen anzupassen, beklagt sie. Danilowa weiß noch nicht, wie es mit der Produktion weitergehen soll, wenn die altgedienten Arbeitskräfte den Betrieb verlassen.

Einer Meinungsumfrage des WZIOM zufolge wünschen sich 23 Prozent der russischen Eltern für ihre Kinder, dass diese eine andere berufliche Laufbahn einschlagen als sie selbst. Das bedeutet auch, dass einige Berufszweige aussterben werden. Über 300 Jahre lang war Orenburg und seine Region für seine Tuchmacherei bekannt. Das berühmte Orenburger Tuch kann zwar auch auf einer Strickmaschine gefertigt werden, doch gerade ein handgefertigtes Stück besitzt den größten Wert. Die Geheimnisse dieser Strickkunst wurden von Generation zu Generation weitergegeben. „Bei uns strickt jede dritte Familie", erklärt Galia Absaljamowa, die Direktorin des Museums Orenburger Wolltuch, stolz. „Leider wird das Stricken nur noch als Hobby betrieben", bedauert sie. Als Beruf sei die Wolltuchstrickerei den jungen Leuten wohl zu mühsam. Zudem seien in der Region die Löhne recht niedrig, sodass viele wegziehen. Nach Schätzungen von Personalagenturen werden in Regionen wie dem Ural, dem Wolgagebiet

und Sibirien einige Berufe gar nicht mehr nachgefragt werden. Das Verhältnis zwischen Bewerbungen und freien Stellen liegt teilweise bei drei zu zehn.

Arbeitgeber suchen manchmal jahrelang nach dem geeigneten Bewerber. Da ist es nicht verwunderlich, dass Spezialisten auch schon einmal abgeworben werden, sagt Sergej Schurawljow. Lange habe seine Agentur nach einem Chefprojektanten für einen Flugplatz gesucht, eine Position, in der es vor allem auf die Praxiserfahrung angekommen sei. Rekordverdächtig lange dauerte auch die Suche nach einem Ingenieur für die Projektierung von Kühlsystemen für Atom- und Heizkraftwerke. Schurawljow erinnert sich: „Fünfeinhalb Jahre haben wir nach jemand Geeigneten gesucht."

Mehr zum Thema: Russlands härteste Berufe im Bild

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland