Karriere vor Ehe: Russen sagen immer später „Ja“

Die Eheschließung ist heute mit noch mehr Verantwortung verbunden. Foto: Alexey Kudenko/RIA-Novosti

Die Eheschließung ist heute mit noch mehr Verantwortung verbunden. Foto: Alexey Kudenko/RIA-Novosti

Die Russen gehen immer später zum Standesamt. Wurden vor zehn Jahren noch 40 Prozent der Ehen von jungen Leuten bis zum 24. Lebensjahr geschlossen, so ist dieser Anteil heute nur noch halb so groß. Die heutige Jugend möchte sich zuerst beruflich etablieren und Lebenserfahrungen sammeln, bevor sie in den Hafen der Ehe einfährt, sagen Experten.

Nach Zahlen des russischen Statistikamtes Rosstat ist die Zahl der Männer, die im Alter von 18 bis 24 Jahren heiraten, von 1980 bis heute auf ein Drittel gesunken. Schlossen 1980 etwas mehr als 900 000 Männer dieses Alters eine Ehe, so waren es 2013 nur noch um die 300 000. Bei den Frauen ist dieser Trend noch deutlicher: Heirateten 1980 noch mehr als eine Million18- bis 24-jähriger Frauen, waren es 2013 nur noch 46 000.

 

Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften als Konkurrenzmodell

Der rückläufige Heiratswille unter Studenten spiegle Veränderungen in der Gesellschaft wider und sei leicht zu erklären, meint die Psychologin Natalja Trofimowa. „Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften haben heute ein anderes Image, sie sind zu einer allgemein akzeptierten Normalität geworden“, so die Expertin. Junge Leute, vor allem in den großen Städten, halten es nicht mehr für notwendig, ihre Beziehungen beim Standesamt registrieren zu lassen. Übliche Beweggründe für eine Eheschließung seien Liebe, Kinderwunsch, Stabilität, sozialer Status und Unabhängigkeit von den Eltern, erklärt Natalja Trofimowa. „Praktisch alle diese Wünsche können sich Studenten auch außerhalb einer Ehe erfüllen, indem sie einfach Zeit miteinander verbringen oder zusammen leben“, ergänzt die Psychologin.

Ein nicht weniger wichtiger Faktor ist auch die gestiegene Bedeutung der beruflichen Karriere. Vor allem ihretwegen verschiebt die Mehrheit der Paare das Kinderkriegen – eines der Hauptmotive für die Eheschließung – auf einen späteren Zeitpunkt. Viele Studenten wollten sich außerdem, bevor sie „unter die Haube kommen“, erst einmal selbst besser kennenlernen und ihre Freiheit genießen, so die Expertin.

Ausschlaggebend für die neuen Tendenzen im Heiratsverhalten seien vor allem sozial-ökonomische und sozialpsychologische Faktoren, die einer Hochschulausbildung

und dem beruflichen Aufstieg eine große Bedeutung verleihen, glaubt die Familienpsychologin Maria Romanzewa. „Ohne Hochschulbildung hat man kaum Chancen, gut ins Berufsleben zu starten. Da die Ausbildungszeiten länger geworden sind, hat sich auch das durchschnittliche Alter der Eheschließung nach hinten verschoben“, erklärt die Psychologin. Als wichtigen Faktor bei der Entscheidung für eine Ehe bezeichnet Romanzewa auch die Möglichkeit, für den Unterhalt der Kinder und der Familie aufkommen zu können. „In der Sowjetunion waren die Leute bereit, sich eine Weile von den Eltern unter die Arme greifen zu lassen. Der heutigen jungen Generation ist es wichtiger, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt die Expertin.

 

Die Lebensbedingungen haben sich verändert

„Eine Heirat und Kinder verändern das Leben eines Menschen einschneidend. Zu sowjetischen Zeiten war das nicht so“, sagt Anna Warga, Leiterin des Masterstudienganges „Systemische Familienpsychotherapie“ an der Higher School of Economics in Moskau, und führt aus: „Nach einer Heirat blieb im Wesentlichen alles beim Alten. Selbst die Geburt eines Kindes war nicht mit besonderen Ausgaben verbunden, weil man sowieso nichts kaufen konnte.“ Dieses Phänomen sei ein typisches Merkmal armer Länder, erläutert die Expertin. In Ländern mit geringem Lebensstandard ändere die Geburt eines Kindes das Leben der Eltern nicht, das erkläre auch die hohe Geburtenrate.

Mit zunehmender Bedeutung von Besitz und Ersparnissen sei das Verhältnis zur Ehe von einem größeren Verantwortungsbewusstsein getragen. Heute spielen in Russland Lebensperspektiven eine wichtige Rolle. „Die Menschen wissen sehr genau, wie sie leben wollen, und manchmal passen die Lebensentwürfe nicht mit der Idee der Ehe zusammen. Berufliche Karriere setzt oft eine bestimmte Lebensweise voraus, die mit Familie und Kindern unvereinbar ist“, fasst Warga ihre Einschätzung zusammen.

Mit einer gestiegenen Lebenserwartung verlängert sich außerdem die Phase

der Kindheit und Jugend. „Die heutigen Studenten haben es nicht eilig, erwachsen zu werden“, erklärt die Psychologin Natalja Trofimowa. „Auf eigenen Füßen zu stehen und finanziell nicht mehr von den Eltern abhängig zu sein, ist eines der wichtigsten Kriterien des Erwachsenseins“, bemerkt sie.

 

Igor und Jewgenija Jaschkow lernten sich schon während des Studiums kennen. Sie beschlossen aber, mit einer Heirat bis zum Ende des Studiums zu warten. Finanzielle Probleme seien das Haupthindernis der Heirat gewesen, erzählt Jewgenija. „Der Stundenplan war so dicht, dass man nebenbei kaum arbeiten konnte. Deshalb hatten wir nicht genug Geld“, erklärt sie. Igor ergänzt, er habe mit seinem Heiratsantrag warten wollen, bis das Zusammenleben mit seiner Freundin den „Realitätstest“ bestanden habe. „In der Uni weiß man noch nicht, ob man ähnliche Erwartungen an das Leben hat – es kann passieren, dass man Hochzeit feiert, ins Leben zieht und dann feststellt, dass man überhaupt nicht zueinander passt.“

„Die Zeit nach der Hochzeit hat einen besonderen Zauber, man möchte immer zusammen sein. Das heißt, dass man zusammen wohnen muss“, ergänzt Jewgenija. Diese Möglichkeit aber hatten sie nicht. Außerdem wollte das Paar seine Hochzeit sehr groß feiern und auch eine Hochzeitsreise unternehmen. Ihre finanzielle Situation durchkreuzte auch diese Pläne und zwang sie zu warten, bis sie ihr Studium beendet hatten. „Im Grunde haben wir nie darüber nachgedacht, während des Studiums zu heiraten – die studentischen Ehen, die wir in unserem Bekanntenkreis sahen, überzeugten uns nicht“, resümiert Igor. 

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