Konsum von Gretschka fegt Regale leer

Gretschka steht inzwischen für Importersatz, es ist ein patriotisches Lebensmittel geworden. Die Preise für Buchweizengrütze sind nach Angaben von Rosstat seit Beginn des Monats November um 48,3 Prozent gestiegen. Foto: TASS

Gretschka steht inzwischen für Importersatz, es ist ein patriotisches Lebensmittel geworden. Die Preise für Buchweizengrütze sind nach Angaben von Rosstat seit Beginn des Monats November um 48,3 Prozent gestiegen. Foto: TASS

Wer in Russland Buchweizengrütze kaufen will, muss tief in die Tasche greifen – wenn er überhaupt fündig wird. Die Regale in russischen Supermärkten sind trotz des deutlich gestiegenen Preises wie leergefegt. „Kommersant Vlast“ sucht nach Erklärungen für den irrationalen Run auf Gretschka.

Das letzte Päckchen Gretschka, wie die Buchweizengrütze in Russland genannt wird, hat eine ältere Dame ergattert. Sie hat es ganz hinten aus dem Regal geholt und marschiert nun zielstrebig in Richtung Kasse. Auf die Frage, warum zurzeit so viel Buchweizengrütze in Russland gekauft wird antwortet sie: „Ja, warum wohl?“, ganz so, als läge der Grund dafür auf der Hand. Auch in anderen Supermärkten landauf landab sind ähnliche Szenen zu beobachten.  Dabei ist der Preis recht hoch, er liegt zurzeit im günstigsten Fall bei 60 Rubel, umgerechnet etwa 0,91 Euro pro 900g Packung.

Die Preise für Buchweizengrütze sind nach Angaben von Rosstat seit Beginn des Monats November um 48,3 Prozent gestiegen. Dennoch kaufen die Russen Buchweizengrütze in rauen Mengen. Die Alternativen, Reis, Nudeln oder Bohnen sowie andere Getreidesorten, deren Preise nicht so stark gestiegen sind, werden kaum beachtet. „Im Oktober stieg die Gretschka-Nachfrage um das anderthalb bis zweifache, nun geht sie langsam wieder

zurück“, berichtet Wladimir Rusanow von der X5 Retail Group, einem führenden russischen Lebensmittelhändler, der mehrere Ketten betreibt. Besonders Rentner würden die Buchweizengrütze vermehrt kaufen.

„Die gestiegene Nachfrage führt dazu, dass es in einigen Läden schon keine Gretschka mehr zu kaufen gibt, schon gar nicht zu einem günstigen Preis“, weiß Maria Kurnosowa, Direktorin für externe Kommunikation beim Einzelhändler Auchan. Zudem würden einige Lieferanten die Ware zurückhalten, in der Hoffnung auf noch höhere Preise. Oksana Tokarewa, Leiterin für korporative und interne Kommunikation bei METRO Cash & Carry, bestätigt den Preisanstieg für Gretschka, sowohl bei den Markenprodukten als auch bei Discounterware. Die Nachfrage ginge aber nun langsam wieder zurück: „Der größte Ansturm ist vorbei“, sagt Tokarewa.

 

Es gibt keinen Mangel an Gretschka

Gretschka ist in Russland ein traditionelles Grundnahrungsmittel. Nach Medienberichten über eine angebliche Missernte im Altai-Gebiet, wo fast die Hälfte des Buchweizenanbaus stattfindet, wurden steigende Preise für Buchweizengrütze erwartet und die Russen begannen mit den Gretschka-Hamsterkäufen. Zuletzt gab es einen deutlichen Preisanstieg für Buchweizengrütze im Jahr 2010 zu verzeichnen. Nach Ernteausfällen aufgrund einer langen Trockenperiode hatten sich die Preise mehr als verdoppelt. Überprüfungen der Föderalen Kartellbehörde haben damals gezeigt, dass im Großhandel Preisabsprachen getroffen worden waren.

Nach Angaben des russischen Landwirtschaftsministeriums herrscht dieses Mal allerdings kein Mangel an Gretschka. „Es reicht für alle!“ lautete daher auch die Überschrift einer offizielle Erklärung des Ministeriums, in der es heißt, dass unter Berücksichtigung eines haushaltsüblichen Verbrauchs von durchschnittlich 3,5 Kilogramm pro Kopf und  Jahr 555 000 Tonnen Buchweizen pro Jahr zu Gretschka verarbeitet werden müssten. Derzeit seien bereits 744 600 Tonnen verarbeitet, so dass sogar noch etwas für den Export übrig sei, so das Ministerium.  

Die Schätzung des Ministeriums zum Verbrauch spiegelt die Realität nur annähernd wieder. Es gibt durchaus Russen, die essen drei bis viermal pro Woche Gretschka. Für eine Portion werden etwa 80g benötigt. Die 3,5 Kilogramm würden in diesem Fall lediglich für wenige Monate reichen. Wenn man davon ausgeht, dass die Russen überwiegend Gretschka essen, um den empfohlenen Bedarf an Getreide und sonstigen kohlehydratreichen Produkten zu decken, liegt der Verbrauch eher bei zehn Kilo pro Kopf und Monat.

 

Preisanstieg bei Grundnahrungsmittel

Angesichts des hohen Verbrauchs von Gretschka ist es nicht verwunderlich, dass die Russen der Preisanstieg mehr beunruhigt als der bei Fleisch, Gemüse oder Milchprodukten. Zwar hätte es auch Hamsterkäufe bei italienischen Nudeln oder bei ausländischen Fischkonserven, Sprotten und Sardinen gegeben, nachdem das russische Lebensmittelembargo angekündigt wurde. „Das ist aber eher unbemerkt geblieben“, sagt  Lilija Owtscharowa, Direktorin des Freien Instituts für Sozialpolitik. „Gretschka hingegen ist eine Art Nationalgericht und es werden zurzeit Ängste geschürt“, erklärt Owtscharowa. Dass sich die Russen in Krisenzeiten ausgerechnet auf die Gretschka stürzen sei dabei aber auch durchaus rational, findet sie. Diese sei vielseitiger verwendbar als zum Beispiel italienische Nudeln.

Gretschka steht inzwischen für Importersatz, es ist ein patriotisches Lebensmittel geworden, propagiert von Regierungsvertretern. Nikolai Fjodorow, Minister für Landwirtschaft, bekannte sich Anfang Oktober zur Gretschka: „Mein Leibgericht? Das ist Brot, Milch und Buchweizengrütze.“

Fjodorow rief seine Landsleute dazu auf, sich ebenfalls traditionell russisch zu ernähren. Das scheint mit ein Grund für den Ansturm auf Gretschka. Owtscharowa erklärt die Hamsterkäufe mit einer typisch russischen Verhaltensweise: „Die Russen sparen nicht, sondern geben das Geld mit vollen Händen aus, solange sie für ihr Geld noch etwas kaufen können. Denn sie erwarten stets, dass die Nationalwährung wertlos wird.“

Der Verbraucherpreisindex, der vom Fonds Öffentliche Meinung (FM) erstellt wird, zeigt, dass die Russen die insgesamt gestiegenen Preise im Portemonnaie spüren. Über 90 Prozent der Russen gaben an, dass sie im Oktober mehr Geld für Grundnahrungsmittel und andere Waren und Dienstleistungen ausgegeben hätten. 87 Prozent erwarten einen weiteren Preisanstieg.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant Wlast