Arbeitsmarkt: Die Berufsausbildung soll attraktiver werden

Ausbildungsberufe sind weitaus weniger populär, obwohl in Russland wie schon in der Sowjetunion allseits der Fachkräftemängel beklagt wird. Foto: Artyom Geodakyan / TASS

Ausbildungsberufe sind weitaus weniger populär, obwohl in Russland wie schon in der Sowjetunion allseits der Fachkräftemängel beklagt wird. Foto: Artyom Geodakyan / TASS

Immer mehr junge Russen studieren, weil sie sich davon bessere Berufschancen erhoffen. Dabei sind die Aussichten auf eine Festanstellung und die Verdienstmöglichkeiten für Absolventen von Berufsausbildungen deutlich höher, denn in Russland werden Fachkräfte händeringend gesucht.

Natalija Polomoschnowa studiert gleichzeitig in zwei Studiengängen an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (SPbGU). Sie ist im Studiengang Journalistik eingeschrieben und macht zusätzlich ein Fernstudium am Institut für Rechtswissenschaften. Sie will sich beim Schreiben auf rechtswissenschaftliche Themen spezialisieren und hofft, so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu steigern. Natalja kann sich außerdem vorstellen, im Anschluss noch einen Masterstudiengang zu absolvieren und in die Forschung zu gehen.

Studenten, die wie Natalija zwei oder mehrere Hochschulabschlüsse anstreben, sind keine Ausnahme mehr. Häufig werden zwei Studiengänge parallel absolviert. Ein Masterstudiengang führt dann zum dritten Hochschulabschluss, meist in einem Zeitraum von sechs bis sieben Jahren. Warum entscheiden sich immer mehr russische Schulabgänger für diesen Bildungsweg? Sie erhoffen sich nicht nur umfangreiches Wissen, sondern vor allem bessere Berufschancen, sowohl was den Berufseinstieg als auch die Aufstiegsmöglichkeiten betrifft. 

Laut Isaak Frumin, akademischer Leiter des Instituts für Bildung an der Higher School of Economics (HSE) Moskau, sind die Popularität der Hochschulausbildung und das mangelnde Interesse an einer Berufsausbildung ein Erbe der Sowjetzeit. „In der Sowjetunion war das Hochschulsystem hochspezialisiert“, berichtet Frumin. „Nach diesem

Studium war jedem Absolventen ein Arbeitsplatz sicher. Doch auf dem freien Arbeitsmarkt, der sich nach dem Zusammenfall der Sowjetunion etabliert hat, war diese Spezialisierung ein Nachteil“, so Frumin. „Zudem stieg plötzlich die Nachfrage nach Arbeitskräften in den Bereichen Business, Management und Recht. Das führte dazu, dass sich viele Hochschulabsolventen in diesen Bereichen weitergebildet haben.“  

Ausbildungsberufe sind weitaus weniger populär, obwohl in Russland wie schon in der Sowjetunion allseits der Fachkräftemängel beklagt wird. Zwar verdiente ein qualifizierter Maschinenführer zweimal mehr als ein wissenschaftlicher Assistent an einer Forschungseinrichtung, doch das soziale Ansehen des Letzteren war um ein Vielfaches höher.  Noch immer sind die Verdienstmöglichkeiten für Absolventen einer Berufsausbildung zum Teil deutlich besser als die eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Mit dem Einbau von Türen zum Beispiel lassen sich in Moskau mehr als 100 000 Rubel (etwa 1 520 Euro) im Monat verdienen. Das Durchschnittsgehalt in der Hauptstadt liegt bei 60 000 Rubel (912 Euro). Doch die Berufsausbildung hat noch immer einen schlechten Ruf.

 

Engere Kooperation zwischen Ausbildungsstätten und Unternehmen

Irina Efimenko, Leiterin der Abteilung für Personalentwicklung des Kernkraftwerks Leningrad, bedauert diese Entwicklung: „Jährlich machen etwa sechs Millionen Studenten an russischen Hochschulen einen Abschluss. Die Industrieunternehmen haben dennoch große Schwierigkeiten, für offene Stellen im Bereich Ingenieurtechnik geeignete Bewerber zu finden.“ Efimenko ist überzeugt, dass in der Industrie Praxiserfahrung wichtiger sei: „Auch zwei Hochschulabschlüsse wiegen fehlende Berufserfahrung nicht auf“, meint sie.

Die russische Regierung will daher die Berufsausbildung populärer machen, wie der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew im Juni bei einer Regierungsversammlung erklärt hat. Es sei eine wichtige Aufgabe, sagte

Medwedew, denn nur so könne die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorangetrieben und die Arbeitsproduktivität erhöht werden. Die Ausbildungsberufe sollen daher attraktiver gemacht und den Schülern eine bessere Vorbereitung zur Berufsorientierung geboten werden.

Nach einer Umfrage der Meinungsforschungsstiftung FOM ist jeder dritte russische Bürger der Meinung, dass Hochschulabsolventen mehr verdienen und im Leben mehr erreichen könnten als Menschen ohne einen solchen Abschluss. Allerdings finden auch 32 Prozent der Befragten, dass es zu viele Akademiker gebe. Das Unternehmen HeadHunter hat im Jahr 2013 eine Umfrage mit ähnlichem Ergebnis durchgeführt. Demnach zeigten sich 62 Prozent der Arbeitgeber skeptisch gegenüber Bewerbern mit gleich mehreren Hochschulabschlüssen. Die FOM-Umfrage ergab aber auch, dass Ausbildungsberufe nur von zwei Prozent der Befragten geschätzt werden. 37 Prozent sind der Meinung, in Russland bestehe ein enormer Mangel an qualifizierten Fachkräften. Von aktuell 140 Stellenangeboten in Moskau erfordern 75 Prozent eine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch es gibt kaum Bewerber, denn von den Arbeitslosen haben lediglich 30 Prozent eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Irina Abankina, Leiterin des Instituts für Bildungsentwicklung an der Höheren Wirtschaftsschule, fordert ein Umdenken. Berufsausbildung und Hochschulstudium sollten als gleichwertig betrachtet werden, findet sie. Beides werde nachgefragt und könne gewinnbringend sein. Einige Unternehmen arbeiten bereits jetzt eng mit Berufsausbildungsstätten zusammen. Im IT-Berufskolleg von Kaluga zum Beispiel wird der praktische Teil des Studienprogramms von Experten der Volkswagen Group Rus GmbH

ausgearbeitet. In der Niederlassung der Offenen Aktiengesellschaft, dem Konzern Rosenergoatom des Kernkraftwerks Leningrad, werden den fortgeschrittenen Auszubildenden Festanstellungen in den technologischen Abteilungen des Kernkraftwerks in Aussicht gestellt. Irina Abankina hält das für einen erfolgversprechenderen Ansatz, als Hochschulabsolventen umzuschulen. „Wenn die Ausbildungsprogramme durch spezielle Kurse in Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen ergänzt werden und den Auszubildenden eine Übernahme in eine gut bezahlte Festanstellung versprochen wird, würden bestimmt einige auf ein Hochschulstudium verzichten“, ist sich Abankina sicher.

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