Tee und Tabak: Die größten Laster der Russen

Über 90 Prozent der Russen sind Teetrinker. Bild: AFP/East News

Über 90 Prozent der Russen sind Teetrinker. Bild: AFP/East News

In Deutschland ist es Brauch, für das neue Jahr den guten Vorsatz zu fassen, schlechte Gewohnheiten abzulegen. RBTH hat sich umgehört, welche Laster die Russen haben. Ganz oben auf der Liste stehen Rauchen, Fluchen und Trinken – aber nicht etwa Alkohol, sondern Tee.

Die in Russland meistverbreitete ungesunde Angewohnheit ist das Rauchen. Eine im Juli 2014 vom Meinungsforschungsinstitut WZIOM durchgeführte Umfrage ergab, dass 35 Prozent der Russen rauchen. 13 Prozent gaben an, einmal geraucht zu haben, mittlerweile aber nikotinfrei zu leben. Männer rauchen dabei im Schnitt drei Mal häufiger als Frauen. Jeder fünfte Raucher konsumiert am Tag mindestens eine Packung Zigaretten. „Für viele Menschen ist das Rauchen ein Mittel zur Stressbewältigung und Entspannung", sagt die Psychologin Jelena Galizkaja.

Weniger gesundheitsschädlich, aber noch weiter verbreitet in Russland ist der Hang zum Fluchen. Bei einer Umfrage der Stiftung Obschtschestwennoje mnenije ( „Öffentliche Meinung") vom März 2013 gaben 61 Prozent der befragten Russen an, im Freundeskreis regelmäßig obszöne Ausdrücke zu hören. „Mat" wird die russische Vulgärsprache genannt. „Mit Mat werden Gefühle ausgedrückt, sowohl in schmerzvollen

Momenten als auch bei freudigen Neuigkeiten. Manchmal kann ein Russe nur mit vulgärer Sprache das gesamte Spektrum seiner Gefühle ausdrücken", erklärt Galizkaja.

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, in Russland sei der Alkoholkonsum das größte Laster, betrachten die Befragten Alkoholismus tatsächlich überwiegend als Krankheit. Aber viele Russen gaben in einer Umfrage der Stiftung Obschtschestwennoje mnenije vom März 2014 zu, gegenüber Personen, die nie trinken, Misstrauen oder sogar Abneigung zu empfinden. 68 Prozent der Befragten trinken nach eigener Aussage gelegentlich Alkohol.

Noch weitaus häufiger als Alkohol wird in Russland Tee konsumiert. Nach dem vom internationalen Forschungsinstitut Synovate Comcon erstellten „RusIndex" sind über 90 Prozent der Russen Teetrinker. Tee wird nach dem Essen, zum Aufwärmen und mit süßen Backwaren als Zwischenmahlzeit genossen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn der Russe denn nicht übertreiben würde. Seine Maßlosigkeit macht selbst das Teetrinken zu einer gesundheitsschädlichen Gewohnheit. Natalja Simina erzählt, dass in ihrer Familie drei bis vier Mal am Tag Tee getrunken werde: „Tee trinken heißt bei uns jeweils bis zu acht Tassen. Das ist Tradition. Alle Erkenntnisse der Medizin, dass Tee in solchen Mengen ungesund ist, können dagegen nicht ankommen."

 

Verantwortungslosigkeit und unerschütterlicher Optimismus

Die Psychologinnen Jelena Galizkaja und Maria Kisseljowa verraten weitere schlechte Angewohnheiten der Russen. Sie haben beobachtet, dass Russen die Verantwortung für etwas Geschehenes gerne auf andere Personen oder gleich eine höhere Instanz, wie etwa den Staat, abwälzten. Manchmal werde auch gleich das Schicksal bemüht. Wenn ein Schuldiger gefunden sei, lasse es sich mit einem Problem leichter leben. Die klinische Psychologin Kisseljowa sieht die Ursache dafür in der russischen Geschichte: „Die Abschaffung der Leibeigenschaft, als der Gutsherr oder der Zar noch die Entscheidungen traf und der Einzelne wenig zu sagen hatte, liegt noch nicht so lange zurück. Die Annahme, unser Leben nicht selbst bestimmen zu können, ist tief in uns verwurzelt", erläutert sie.

Historisch lässt sich auch eine weitere typisch russische Gewohnheit erklären: das Erteilen von Ratschlägen. Eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Begleitung eines Kindes kann schnell zu einem Crashkurs

in Sachen „richtige" Kindererziehung werden. Den Unterricht erteilen die Mitfahrer. „Früher lebten die Menschen in bäuerlichen Gemeinschaften und das Wohlergehen aller hing davon ab, dass man sich austauschte und gemeinsame Entscheidungen traf", erklärt Kisseljowa. „Dieses Gemeinschaftsgefühl lebt im Unterbewusstsein fort und so erklärt sich das Bedürfnis, auch ungefragt Ratschläge zu erteilen."

Eine positive Angewohnheit der Russen ist dagegen ihr Optimismus. Auch bei widrigsten Umständen geht der Russe von einem guten Ende aus. Er hofft auf den glücklichen Zufall. Kisseljowa glaubt, dass dies mit der Größe und der Natur Russlands zusammenhängt. „Wir haben viele natürliche Ressourcen. Das gibt uns die Zuversicht, zu überleben", so die Psychologin. Das Klima im Land sei zwar rau, doch andererseits sei man in Russland weitgehend sicher vor Naturkatastrophen und habe zudem viele

Rückzugsgebiete. „Wir Russen sind immer davon überzeugt, dass alles gut wird", stellt sie fest.

Aber das sollte schnell passieren, denn der Russe hat es immer eilig. Zum Zug zu hetzen, obwohl der nächste bereits fünf Minuten später fährt; bei Rot eine Kreuzung überqueren, obwohl die Ampel schon bald auf Grün springen wird; das Unvermögen, in einer Warteschlange zu stehen, zu warten und Geduld an den Tag zu legen – das alles ist ebenfalls „typisch russisch". Daran ändern wollen die Russen übrigens nichts. Schon vor sechs Jahren sagten 70 Prozent in einer WZIOM-Umfrage, es sei ihrer Meinung nach nicht nötig, auf eine Gewohnheit zu verzichten, solange sie für die Umgebung eines Menschen kein Problem darstelle. Waleri Fjodorow, Generaldirektor von WZIOM, ist überzeugt, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern werde.

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