Russische Dörfer: Auf den Spuren einer Idylle

Die Bank, die in der Ikonenecke stand, galt als die „große Bank“. Darauf saß den Bräuchen zufolge der Herr des Hauses. Foto: Anastasia Tsajder

Die Bank, die in der Ikonenecke stand, galt als die „große Bank“. Darauf saß den Bräuchen zufolge der Herr des Hauses. Foto: Anastasia Tsajder

Das russische Dorf ist eine Welt für sich mit eigenem Lebensstil und einer typischen Architektur. Die Dorftraditionen haben sich über Jahrhunderte herausgebildet, bis im vergangenen Jahrhundert die Industrialisierung die ländliche Idylle sprengte. RBTH hat versucht herauszufinden, wie das russische Dorf heute aussieht und wo man den ländlichen Geist noch spürt.

Das Dorf als ländliche Siedlungsstruktur entstand in Russland erst relativ spät. Bis ins 13. Jahrhundert lebten die Russen mehrheitlich in Städten. Aber bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts zeichneten sich in Russland Tendenzen ab, die als feudale Kleinstaaterei bezeichnet werden können. Das Leben wuchs allmählich über die Grenzen der Großstädte hinaus: Man betrieb Land- und Viehwirtschaft, entwickelte sich weiter und wurde mehr und mehr von der Stadt unabhängig. So entstanden Dörfer.

Das Leben im Dorf hatte seine eigene Ordnung. Im Frühling wurden die Äcker gepflügt und anschließend bepflanzt. Roggen und Buchweizen wurden angebaut. Im Sommer wurde die Ernte gepflegt, im Herbst

eingebracht, und im Winter lebte man davon. Die Ernte galt als das wichtigste Ritual, dazu fand sich das ganze Dorf ein. Während der Arbeiten lernten sich Dorfnachbarn kennen. Die Väter hielten nach Bräuten für ihre Söhne und nach Männern für ihre Töchter Ausschau, weshalb man sich zur Ernte stets die schönsten Kleider anzog.

Geheiratet wurde immer im Herbst, gleich nach der Erntezeit. Einer neuen Familie stand ein eigenes Holzblockhaus zu – ein schlichter, eingeschossiger Bau aus Kiefern-, Tannen- oder Lärchenholz mit nur einem Zimmer. Diese Holzblockhäuser wurden ohne einen einzigen Nagel und ohne Fundament gebaut. Das Dach wurde mit Stroh abgedeckt und die Zimmerdecke mit Lehm verputzt.

 

Die Einrichtung folgt strengen Bräuchen

Bei der Inneneinrichtung des russischen Holzhauses hielt man sich streng an einen Kanon. So mussten bei dem Bau die Himmelsrichtungen beachtet werden. Man richtete die „Ikonenecke“, in der Heiligenbilder aufgestellt wurden, in der hinteren Ecke des Holzhauses an der Ostseite quer gegenüber vom Ofen ein. Dies war der am besten beleuchtete Teil des Hauses, da beide Wände, die zur Ecke zusammenliefen, für gewöhnlich ein Fenster hatten. Die Heiligenbilder wurden in der Ikonenecke des Zimmers so angebracht, damit jeder, der den Raum betrat, als Erstes die Ikone sah. In der Mitte der Stube stand für gewöhnlich ein Mittagstisch. Um ihn herum waren Bänke aufgestellt. Die Bank, die in der Ikonenecke stand, galt als die „große Bank“. Darauf saß den Bräuchen zufolge der Herr des Hauses. Alle anderen Familienangehörigen setzten sich dem Alter nach an den Tisch: die Älteren neben den Hausherrn, die Jüngeren etwas abseits.

Bei der Inneneinrichtung des russischen Holzhauses hielt man sich streng an einen Kanon. So mussten bei dem Bau die Himmelsrichtungen beachtet werden. Foto: Sofia Tatarinowa

Ein lebenswichtiges Element eines jeden Holzhauses war der Ofen. Damit wurde das Haus beheizt, dort wurde das Essen zubereitet, darauf schlief man bei Kälte. Dem Ofen kam eine fast schon sakrale Bedeutung zu. Er versinnbildlichte die heidnische Vergangenheit des russischen Volkes. Neben dem Ofen durfte nicht geschimpft und gestritten werden. Wenn sich jemand einen Fluch erlaubte, wurde er zurechtgewiesen: „Der Ofen steht in

der Hütte!“ Der Ofen wurde ständig am Laufen gehalten, selbst nachts sollte sein Geist in Form von glühenden Kohlen im Haus anwesend sein. Man bemühte sich, diese Kohlen in kein anderes Haus weiterzugeben, hieße das doch, dass Wohlstand und Wohlergehen mitsamt dem Feuer die Familie verlassen könnten. Es galt, dass im Ofen der Geist des Feuers und der Hausgeist – ein Kobold, den man wohlwollend stimmen musste – lebten. Deshalb lag die Ikonenecke dem Ofen gegenüber. Sie diente als eine Art Hausaltar, der die heidnischen Traditionen ausglich.

Die Außenwände der Häuser waren stets verziert. Bemalte Fensterbeschläge zeugten häufig vom Wohlstand des Hausherrn. Türen, Fenster und Wände wurden mit holzgeschnitztem Dekor geschmückt. Auf Hausdächern konnte man Holzfiguren eines Hahns oder eines Rosses sehen. Es hieß, dass diese beiden Tiere Glück ins Haus brachten.

 

Das heutige Dorfleben

Anfang des 20. Jahrhunderts setzte in Russland eine stürmische Industrialisierung ein. Betriebe benötigten Arbeiter, die Landwirtschaft wurde mechanisiert, und so verließen viele Dorfeinwohner ihr Zuhause und gingen in die Städte. In den Dörfern, die überlebt hatten, wurden Strom-, Wasser- und später auch Gasleitungen verlegt. Ihre Einwohner fingen an, die Öfen abzuschaffen. Die baukünstlerischen Finessen eines Bauernhofs wichen praktischen Ziegelstein- und Metallkonstruktionen. Auch die Lebensweise änderte sich: Der Zusammenhalt einer Dorfgemeinde brach mit der Verödung der Dörfer oft zusammen.

Foto: Anastasia Tsajder

Touristen bietet sich heutzutage die Möglichkeit, die traditionelle Einrichtung eines Bauernhauses zu sehen, ohne die Hauptstadt zu verlassen. Im Moskauer ethnografischen Museum „Ethno-Welt“ wurde ein Holzblockhaus im Baustil des Gebiets Kostroma nachgebildet. Dort wurde auch traditionelles Haushaltsgerät zusammengetragen: authentische Bügeleisen von Beginn des 20. Jahrhunderts, Tafelgeschirr und Spielzeug.

Um aber ein richtiges Dorf zu erleben, muss man mindestens 150 Kilometer aus Moskau hinausfahren. Erst ab dieser Entfernung findet man in den

Dörfern einzelne Häuser, deren Architektur an klassische Holzblockhäuser erinnert. In den erdgeschossigen Holzhäusern mit verzierten Fensterläden leben heute nur noch Rentner. Obwohl ihr Lebensstil vielfach an den in Städten erinnert, spürt man bei diesen Menschen die traditionelle ländliche Gastfreundschaft.

Irina Wladimirowna ist eine typische Bewohnerin eines russischen Holzblockhauses. Sie ist 82 Jahre alt und hat ihr Leben lang im Dorf Rjasanzewo gelebt. „Mein Mann und ich haben das Holzhaus 1951 gebaut; uns haben dabei unsere Eltern geholfen. Wir hatten damals weder Strom noch Gas. Den Ofen legten für uns deutsche Kriegsgefangene. Als wir eine Gasleitung bekamen, hatte er keinen Sinn mehr, und so schafften wir ihn 1992 ab.“ Damals war das Dorf klein, es hatte nur sechs Bauernhöfe. „Heute hat sich alles geändert. Zuerst gingen die einen in die Stadt, ihnen folgten andere. Es gibt keine Bauernhöfe mehr – nur noch einzelne Häuser und Grundstücke.“

Foto: Anastasia Tsajder

 Um das Haus von Irina Wladimirowna herum stehen in Reih und Glied Landhäuser. „Die Fensterläden und Beschläge dazu hat für uns ein Meister aus dem Nachbardorf gefertigt. Er hat alle Holzhäuser in unserer Gegend verziert. Aber nun ist nur noch bei uns alles so geblieben, wie es einmal war“, sagt die alte Frau. 

Irina Wladimirowna lebt allein. Ihre Kinder und Enkelkinder sind längst in der Stadt und besuchen sie nur selten. Die Rentnerin führt den Haushalt allein, wird aber mit allem fertig. „Im Sommer bestelle ich den Gemüsegarten, baue Kartoffeln und Gurken an. Im Winter ist es natürlich langweilig, aber ich finde immer eine Beschäftigung: Mal muss Schnee geschippt, mal das Haus abgedichtet werden.“

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