Frei und doch reguliert: Das MBA-Studium in Russland

"Staatliche Unternehmen werden das Format der Managerausbildung verändern. Jeder wird nach Kurzzeit-Programmen suchen, weil diese machbarer sind hinsichtlich Kosten und Ressourcen", meinen Experten. Foto: Pressebild Skolkowo

"Staatliche Unternehmen werden das Format der Managerausbildung verändern. Jeder wird nach Kurzzeit-Programmen suchen, weil diese machbarer sind hinsichtlich Kosten und Ressourcen", meinen Experten. Foto: Pressebild Skolkowo

Seit einem Jahr ist die Managerausbildung in Russland ein freier Markt, staatliche Regulierungen gibt es nicht mehr. RBTH sprach mit Akteuren des russischen Markts über die Vor- und Nachteile der Selbstregulierung, über Besonderheiten des Geschäftslebens in Russland und über „sowjetische“ Eigenheiten bei der Ausbildung von Führungskräften.

Die Managerausbildung ist das erste Bildungssegment in Russland, das komplett in einen freien Markt überführt wurde: Seit dem 1. September 2013 reguliert der Staat die Weiterbildung nicht mehr, das heißt, es werden weder Standards vorgegeben, noch wird ein staatliches Diplom ausgestellt. Heute erhalten die Business-Schulen anstelle der staatlichen Akkreditierung eine öffentliche Akkreditierung, zum Beispiel von dem 2011 gemeinsam mit Arbeitgebern geschaffenen Nationalen Akkreditierungsrat für Managerausbildung (Nasdobr).

Einerseits, sagt man in Fachkreisen, habe dieser Schritt den Staat als regulierendes Element überflüssig und es den Schulen so einfacher gemacht, ihre Programme am Kundenwunsch auszurichten. Andererseits sind Business-Schulen aufgrund der Besonderheiten des Managements in Russland und der wirtschaftlichen Situation weiter vorwiegend auf dem Inlandsmarkt tätig, wo der Staat einer der wichtigsten Auftraggeber ist. Die Business-Schulen bieten ihre Programme nicht außerhalb der Grenzen der GUS-Staaten und Länder der Dritten Welt an.

 

Staatliche Managementausbildung wird nachgefragt

Der Rückzug des Staates habe sowohl eine Welle von Optimismus ausgelöst als auch „eine gewisse Stagnation“ auf dem Markt der Managerausbildung, sagt die Leiterin für MBA-Programme an der Moscow Business School Ekaterina Jadowa. Das sei mit der Rolle des Staates selbst verbunden, der nicht nur regulierendes Element war, sondern auch einer der Hauptauftraggeber.

„Der Staat als Kunde hat sich bis dato noch nicht reformiert. Die Staatsdiener waren dazu verpflichtet, Weiterbildung nach staatlichen Standards zu erwerben, und jetzt fehlt ihnen die Orientierung, wohin sie sich wenden könnten“, so Jadowa. Der Rückzug des Staates habe sich teilweise auch auf den Export von Produkten des Bildungswesens ins Ausland

ausgewirkt: „Vietnam, Weißrussland, Kasachstan und die Ukraine waren – bis zu den allseits bekannten Ereignissen – sehr daran interessiert, staatliche Diplome in Russland erwerben zu können.“

Der Staat sei in einem umfangreichen Maße regulierendes Element gewesen und solle es auch bleiben, fordert Alexander Moltschanow, Prorektor für Organisation der elektronischen Ausbildung an der Moscow State University of Economics, Statistics, and Informatics. „Denn für den Staat ist das Entwicklungstempo der Wirtschaft wichtig und das heißt wiederum, dass gerade der Staat die Ausbildung von Führungskräften stimulieren kann und muss“, sagt Moltschanow gegenüber RBTH.

Eine andere Meinung vertritt Julija Zykowa, Chefredakteurin der russischen Zeitschrift „Mir MBA“ („MBA-Welt“). Für sie war der Staat „eher störendes Element“: „Es gab staatliche Standards, die die Schulen bei der Erstellung ihrer Programme eingeschränkt haben“, erklärt sie. „Im Moment formiert sich der Markt, und der bestimmt, wie die Managerausbildung auszusehen hat.“

 

„Was hierherkommt, ist die zweite Garnitur“

Unterscheidet sich das russische Geschäftsleben von dem westlichen? Prinzipiell nicht, meint Ekaterina Jadowa. So gebe es auch prinzipiell keine Unterschiede zwischen den nationalen und den internationalen Programmen der Bussiness-Schulen. Allerdings würden bei der Vermittlung der Kenntnisse und Fertigkeiten die besonderen Bedingungen der Unternehmensführung in Russland berücksichtigt, fügt Jadowa hinzu: „Die russischen Unternehmer sind beispielsweise an eine große Gewinnmarge gewöhnt. Wenn für Unternehmen im Ausland 20 bis 30 Prozent Gewinn als normal gelten, sind das für Russland 100 bis 300 Prozent.“

Es gebe zudem noch den staatlichen Einfluss zu beachten, der sei aber nicht Teil des Programms, ergänzt Jadowa. „Bei den Vorlesungen fällt kaum ein Wort zu Fragen der Korruption und zu den Methoden, wie sie genutzt wird. Das gehört für die Studierenden als auch für die Dozenten einfach zum Leben und Arbeiten in Russland dazu. Die meisten haben dennoch ein Unternehmen in Russland“, bemerkt Jadowa.

Neben der Situation auf dem Binnenmarkt, die alles andere als einfach ist, sind die russischen Business-Schulen noch einem weiteren, härteren Wettbewerb ausgesetzt – dem internationalen. Alexander Moltschanow erklärt, dass in Russland die Nachfrage „gerade bei der Managerausbildung nach westlicher Prägung“ sehr hoch sei.

Maxim Kiselew, Director of Leadership Programs beim Skolkovo Institute of Science and Technology (Skoltech), meint jedoch gegenüber RBTH, dass einflussreiche Business-Schulen kaum nach Russland kämen. „Die Yale School of Management beispielsweise würde niemals hierherkommen. Warum? Weil Yale, Harvard und so weiter befürchten, ihren Ruf zu verlieren. Für sie ist ein Eintritt in den Markt der russischen Managerausbildung in dieser Hinsicht überaus riskant“, erklärt er und fügt hinzu: „Was hierherkommt, ist im Grunde die zweite Garnitur.“ Andererseits gebe es auch westliche Business-Schulen, die durchaus einen Namen haben und Programme für Russen anbieten: „Die Standford School hat ein spezielles Programm – keinesfalls eigens für Russland, sondern allgemein für Entwicklungsländer“, so Kiselew.

Der Umkehrprozess – der Export von Managern aus russischen Schulen – sei in absehbarer Zeit kaum wahrscheinlich, fügt Kiselew hinzu, denn „die russischen Schulen können nichts Neues zur Ausbildung von Managern im Westen beitragen“. Außerdem sei das Vertrauen gegenüber allem, was aus Russland kommt, nicht gerade hoch. Ein Bildungsexport in Länder der Dritten Welt hingegen leuchtet dem Experten ein.

Somit verbleiben die russischen Business-Schulen wohl auf dem Binnenmarkt, obwohl sie alle Freiheiten zur Selbstregulierung bekommen haben. Der inländische Markt wird Kiselew zufolge von zwei Trends geprägt

werden, die beide mit der Rolle und dem Einfluss des Staates verbunden sind.

Der erste Trend ist die Verstaatlichung großer Unternehmen. „Staatliche Unternehmen werden das Format der Managerausbildung verändern. Beispielsweise werden sich weniger Leute für zweijährige Studiengänge einschreiben. Jeder wird nach Kurzzeit-Programmen suchen, weil diese machbarer sind hinsichtlich Kosten und Ressourcen“, erklärt Kiselew. Der zweite Trend gehe dahin, dass große staatliche Gesellschaften wie beispielsweise die Sberbank, Rosatom oder RusHydro selbst konzerneigene Universitäten gründeten, die zu einem gewissen Maß das System der sektoralen technischen Hochschulen der Sowjetunion reproduzierten. „So sieht der Trend aus“, meint Kiselew.

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