Russische Kadettenschulen: Militär mit Manieren

Schüler der Präsidenten-Kadettenschule. Foto: Witali Ankow/RIA Novosti

Schüler der Präsidenten-Kadettenschule. Foto: Witali Ankow/RIA Novosti

Russische Kadettenschulen entstanden im 18. Jahrhundert und stehen bis heute im Ruf, nicht nur eine hervorragende militärische und allgemeine Bildung zu vermitteln, sondern auch die Persönlichkeit ihrer Absolventen positiv zu formen. Sie haben viele bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht.

Zeitgenossen nannten den Schriftsteller Nikolai Leskow (1831-1895) einen der „russischsten" Autoren überhaupt. In seiner Erzählung „Das Kadettenkloster" aus dem Jahr 1880 beschreibt er den Direktor des Ersten Petersburger Kadettenkorps: „Michail Stepanowitsch (...) war stets höchst dienstlich und zugleich höchst elegant gekleidet: Jederzeit trug er einen spitzen, dreieckigen Hut, wie die Form es damals erforderte. Immer hielt er sich aufrecht und aufgeweckt, ging in großen und anmutigen Schritten, als ob seine ganze Seele dadurch zum Ausdruck käme – von Pflichttreue erfüllt, aber ohne einen Funken niederträchtiger Angst."

Stepanowitsch war in der vorrevolutionären Zeit das Vorbild für heranwachsende Jungen. Besonders nachahmenswert erschien er den zukünftigen Offizieren, die sich in besonderen Bildungseinrichtungen – den Kadettenkorps – auf ihre militärische Laufbahn vorbereiteten. Im Russischen Reich entstanden die ersten Einrichtungen dieser Art im Jahr 1743. Nicht nur in Sankt Petersburg gehörten junge, stolzierende Männer in Soldatenröcken und mit Degen fortan zum Stadtbild. In den Kadettenkorps wurde die zukünftige Elite der russischen Armee ausgebildet. Zur aufrechten Haltung wurden diese Jungen während ihrer gesamten Ausbildungszeit ermahnt. Schließlich durften die höheren Klassen an Empfängen teilnehmen, die auch der Zar besuchte. Da galt es, sich tadellos zu benehmen. Ein perfekter Auftritt ist noch immer von Bedeutung, nehmen doch die heutigen sogenannten Suworow-Kadetten an den Paraden auf dem Roten Platz teil.

Neben dem Exerzieren sowie Grundlagen der Artillerie, der Ingenieurs- und Kriegskunst standen Grammatik-, Geschichts- und auch Tanzunterricht auf dem Stundenplan. Es wurde erwartet, dass sich ein Absolvent nicht nur im Krieg, sondern auch in Damengesellschaft angemessen verhalten konnte, daher nahm auch die moralische Erziehung einen hohen Stellenwert ein.

Je mehr Bildung den Kadetten vermittelt wurde, desto freier wurden die Gedanken und freizügiger die Sitten. Ende des 19. Jahrhunderts flammten in mehreren Kadettenkorps teils politisch motivierte Proteste auf. Wegen „sittlicher Verderbnis", wie man damals sagte, wurde mancher Kadett aus seinem Korps ausgeschlossen.

 

Hohes Ausbildungsniveau

Auch nach der Gründung der Sowjetunion blieben die Kadettenschulen erhalten. Nach dem verlustreichen Zweiten Weltkrieg standen diese vor einer besonderen Herausforderung. Nach Angaben des Zentrums für geschichtliche Aufarbeitung der russischen Streitkräfte verloren in der Sowjetunion im Laufe des Krieges 26,6 Millionen Menschen ihr Leben, die meisten von ihnen waren Männer. Die Kadettenkorps sollten zur Lösung eines dadurch entstandenen sozialen Problems beitragen. Fehlende männliche Vorbilder mussten ersetzt und die Armut in den vaterlosen Familien gelindert werden. Dazu wurde den Söhnen eine neue Heimat in den Kadettenkorps geboten. Aufgenommen wurden vor allem Kinder gefallener Soldaten. Die Suworow-Kadetten erhielten eine Ausbildung, die ihnen sogar die Aufnahme eines Hochschulstudiums ermöglichte. Die Ausbildung gilt auch heute noch als exzellent.

In der Sowjetunion gab es etwa 50 solcher Einrichtungen, während es im Russischen Reich nicht mehr als 20 waren. Dennoch stehen die heutigen Kadettenschulen in der Tradition der Korps des vorrevolutionären Russlands, wie General-Major Alexander Kasjanow bemerkt, Leiter der Moskauer Suworow-Schule, die am 1. Oktober ihr 70-jähriges Jubiläum feierte. Die Schule hat bisher etwa 12 000 Absolventen hervorgebracht. 40 Generäle entwuchsen der Schule, darunter acht hochdekorierte, denen der

Titel „Held der Sowjetunion" respektive „Held Russlands" verliehen wurde. Nicht alle haben beim Militär Karriere gemacht. Über 300 der Moskauer Absolventen wurden erfolgreiche Wissenschaftler, Doktoren und Professoren. Der ehemalige russische Außenminister Igor Iwanow war ein Suworow-Kadett. Der Musiker, Produzent und Regisseur Stas Namin, der einigen Bands zum Kultstatus in Russland verholfen hat, gehört auch zum Kreis der Suworow-Absolventen.

Das hohe Bildungsniveau der Suworow-Schulen führt zu wachsender Popularität. Daher plant das russische Verteidigungsministerium die Eröffnung weiterer Einrichtungen, und in vielen Schulen im ganzen Land werden sogenannte Korpsklassen gegründet. Eine Psychologin einer der Kadettenschulen betont die Vorzüge: „Bei uns wird nicht nur Wert auf eine hervorragende Bildung und körperliche Fitness gelegt. Große Aufmerksamkeit widmen wir auch den sozialen Fähigkeiten und der ethischen Erziehung."