Russlands Muslime protestieren gegen „Charlie Hebdo“

Eine russische Ausgabe des Magazins "Charli Hebdo" soll es nicht geben. Foto: Reuters

Eine russische Ausgabe des Magazins "Charli Hebdo" soll es nicht geben. Foto: Reuters

Nicht nur in der muslimischen Welt, sondern auch in Russland ist die erneute Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Magazin „Charlie Hebdo“ auf Kritik gestoßen. Muslime in Russland fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Unterstützung erhalten sie dabei vom Staat und der Bevölkerung.

Am vergangenen Mittwoch kam es vor der Unionsmoschee, einer der wichtigsten Moscheen des Landes, zu Auseinandersetzungen. Die russische Zeitung „Kommersant" berichtet unter Berufung auf Angaben des Muftirates, dass etwa zehn bis 15 Personen, Migranten aus Zentralasien, in der Moschee das Wort ergreife wollten, um zu Protesten gegen die Veröffentlichung der Karikaturen des Propheten Mohammed aufzurufen. Als Reaktion auf die Ermordung von Mitarbeitern durch radikale Islamisten in der vergangenen Woche hatte das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo" erneut eine Zeichnung des Propheten Mohammed abgedruckt.

Die Gruppe in der Unionsmoschee hatte einen Demonstrationszug zur französischen Botschaft in Moskau geplant. Jedoch bekam sie keine Gelegenheit, ihr Anliegen zu verwirklichen und begann vor der Moschee eine tätliche Auseinandersetzung, in deren Verlauf eine Person verletzt wurde. Der Muftirat erklärte, dass Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt worden sei. Gleichzeitig kritisierte der Rat die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen als unangemessene Antwort auf die Anschläge der letzten Woche und betonte, dass die Medien dadurch die Gefühle vieler Menschen verletzt hätten. Er rief die in Russland lebenden Muslime auf, sich nicht auf Provokationen einzulassen.

 

Behörden und Bevölkerung kritisieren die Veröffentlichung

In der Republik Tschetschenien im Nordkaukasus wurde für den 19. Januar zu einer Großkundgebung in der Hauptstadt Grosny aufgerufen. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Liebe zum Propheten Mohammed". Die Regionalbehörden rechnen mit bis zu einer halben Millionen Teilnehmern. Das wäre ein Drittel der ansässigen Bevölkerung. Der tschetschenische Regierungschef Ramsan Kadyrow kündigte die Aktion bei Instagram an. „Wir behandeln alle Religionen mit Respekt. Aber wir werden niemandem erlauben, den Propheten zu beleidigen. Wer dies versucht, ist unser Feind", machte er dort deutlich. Er sehe keinen Unterschied zwischen radikalen Islamisten und „jenen, die Karikaturen des Propheten verbreiten", erklärte er.

Nicht nur russische Muslime kritisieren die erneute Veröffentlichung der Karikaturen in „Charlie Hebdo". Russische Behörden riefen die Medien ebenfalls dazu auf, die Bilder nicht zu drucken. Die staatliche Aufsichtsbehörde Roskomnadsor hatte zuvor gewarnt, entsprechende Karikaturen religiöser Figuren zu veröffentlichen. Die Warnung beträfe die Figuren aller Religionsgemeinschaften gleichermaßen. Dazu hatte die Behörde vorsorglich Informationsveranstaltungen mit regionalen Medien

organisiert und an die Wichtigkeit der Einhaltung der russischen Gesetzgebung erinnert, die es verbietet, interkonfessionelle Konflikte zu provozieren.

Laut Meinungsumfragen lehnt auch die Mehrheit der Russen die Veröffentlichung der Karikaturen ab. Der Soziologe Leonid Sedow, ein früherer Mitarbeiter des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum, erklärte im Interview gegenüber RBTH, dass auch die Russen äußert sensibel reagierten, wenn „sakrale Positionen und ideologisch-fundamentale Stereotypen angerührt" würden. Obwohl die Religion im Alltagsleben nicht immer ernsthaft gelebt werde, so würden Angriffe gegen „heilige und erhebende Dinge" höchst negativ aufgefasst werden, meint Sedow. Seiner Ansicht nach spiele hier die „Ideologisierung der Mentalität" der Russen eine Rolle. Im Gegensatz zu den westlichen Staaten betrachte man die Karikaturen daher in Russland nicht als Ausdruck der Meinungsfreiheit.

Der Sankt Petersburger Abgeordnete Witalij Milonow erlangte Aufmerksamkeit, weil er sich mit einem Antrag an die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor wandte, „Charlie Hebdo“ als extremistisch einzustufen.

Milonow begründete seinen Antrag damit, dass die Veröffentlichungen des Magazins „zu einer Eskalation der Gewalt“ führten. Wenn er mit seiner Initiative Erfolg hat, darf eine russische Version des Magazins nicht erscheinen.

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