Moskau baut ein Denkmal für die Opfer des Stalin-Terrors

In Moskau wird den Opfern des stalinistischen Terrors ein Denkmal gewidmet. Foto: Witali Belousow/RIA Novosti

In Moskau wird den Opfern des stalinistischen Terrors ein Denkmal gewidmet. Foto: Witali Belousow/RIA Novosti

Russische Menschenrechtler haben es schon lange gefordert: ein Mahnmal für die Opfer des Stalin-Terrors. Voraussichtlich bis zum Jahresende soll nun ein Denkmal auf der Sacharow-Avenue in Moskau errichtet werden.

Auf der Sacharow-Avenue in Moskau soll ein Denkmal für die Opfer politischer Repressionen in der Sowjetunion errichtet werden. Der Ort hat Symbolkraft: Andrej Sacharow, Erfinder der sowjetischen Wasserstoffbombe und Friedensnobelpreisträger, war auch ein Verfechter der Menschenrechte und Gegner des Stalin-Regimes. Auf der Sacharow-Avenue finden regelmäßig Aktionen von Liberalen statt. Ella Pamfilowa, Menschenrechtsbeauftragte der Russischen Föderation, erklärte, dass mehrere Orte in der Diskussion gewesen seien, die Sacharow-Avenue jedoch letztlich als beste Wahl galt. Der Präsident habe dem Vorschlag der Arbeitsgruppe bereits zugestimmt. „Pläne für das Denkmal gibt es bereits. Bis zum Jahresende könnte es aufgestellt werden", so Pamfilowa.

Arsenij Roginskij, Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich der historischen Aufklärungsarbeit politischer Gewaltherrschaft widmet, hält ein solches Denkmal für einen äußerst wichtigen und längst überfälligen Schritt: „Über ein Mahnmal wurde schon zu Zeiten Chruschtschows diskutiert." Memorial habe schon immer für ein solches Mahnmal gekämpft und sei nun froh, sagte Roginskij. „Auch an eine tragische Geschichte muss erinnert werden. Es wurden Millionen Menschen umgebracht, eine noch größere Zahl durchlebte ein Desaster und nichts erinnerte daran", kritisiert er. Laut Memorial wurden elf bis 39 Millionen Menschen Opfer von Repressionen. Dazu zählt die Organisation jene, die aus politischen Gründen verfolgt und verhaftet oder hingerichtet wurden und die zwischen 1932 und 1933 deportiert wurden. Auch Moskau sei eine Stadt, in der der Terror zu Hause gewesen sei, in der Menschen erschossen oder in den Gulag verschleppt worden seien, doch es gebe nicht einmal Gedenktafeln, so Roginskij weiter. „Ohne ein Gedenken an die Rechtlosigkeit kann kein Rechtsstaat aufgebaut werden", ist Arsenij Roginskij überzeugt. Lediglich der Solowezkij-Stein erinnert seit 1990 in Moskau an die Opfer des Stalin-Terrors.

 

Stalin ist für viele Russen trotz Terror ein Held

Experten bezweifeln, dass ein Denkmal die eher positive Einstellung vieler Russen gegenüber Stalin beeinflussen kann. Er wird von einem großen Teil der Bevölkerung bewundert als derjenige, der die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zum Sieg führte und das Land industrialisierte. „Das Denkmal wird keinen antistalinistischen Charakter haben", glaubt daher Pawel Salin, Direktor des Zentrums für Politikforschung an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation. „Es ist kein Denkmal gegen Stalin, sondern ein Denkmal für die Opfer der Unterdrückung", so Salin. Stalin spiele deshalb kaum eine Rolle. Dennoch soll das Denkmal dem russischen Präsidenten zu mehr Anerkennung durch liberale politische Kräfte verhelfen, glaubt der Politologe. In diesem Zusammenhang sieht er auch einen Besuch

Putins auf dem Butowo-Schießplatz, an dem damals die Hinrichtungen stattfanden. Ein Denkmal für Opfer politischer Repressionen könnte auch das Image Russlands im Ausland verbessern, meint Salin. Das jedoch nur, wenn im Ausland auch darüber berichtet würde.

Der Historiker und Fernsehmoderator Nikolaj Swanidse sieht ebenfalls eine Möglichkeit für die russische Regierung, sich vom Vorwurf archaisch und konservativ zu sein, zu befreien. „Im Umfeld der Regierung gibt es so einige, die eine Weltanschauung vertreten, die nicht mit der von Rechtsschützern vereinbar ist, beispielsweise Stalinisten, die sich Patrioten nennen", erklärt er. „Das Denkmal zeigt, dass sich die Führung von diesen Personen distanzieren will und deren Meinung weit von der offiziellen Regierungsmeinung entfernt ist", so Swanidse.

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