Religionsunterricht: Darf es ihn in Russland geben?

Derzeit sind für das Pflichtfach Religion 34 Unterrichtsstunden pro Jahr vorgesehen. Patriarch Kyrill schlug jedoch unlängst vor, das Schulfach von der zweiten bis zur zehnten Klasse zu unterrichten. Foto: RIA Novosti

Derzeit sind für das Pflichtfach Religion 34 Unterrichtsstunden pro Jahr vorgesehen. Patriarch Kyrill schlug jedoch unlängst vor, das Schulfach von der zweiten bis zur zehnten Klasse zu unterrichten. Foto: RIA Novosti

Bis 2012 war Religionsunterricht kein Unterrichtsfach an russischen Schulen. Doch in den letzten Jahren gibt es in weiten Teilen des Landes ein Pflichtfach, das sich mit dem Thema der Ethik und Religion auseinandersetzt. Während der orthodoxe Patriarch eine Ausweitung auf alle Altersgruppen befürwortet, kritisieren Verfassungsrechtler und Psychologen die Einführung.

Die Streitigkeiten rund um das Thema Religionsunterricht an russischen Schulen dauern seit mehreren Jahren an. 2007 wurde im Gebiet Woronesch das Pflichtfach „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ eingeführt. Zahlreiche regionale Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten reichten daraufhin eine Petition gegen diese Neuerung ein. Unter ihnen war auch die Rechtsanwältin Olga Gnesdilowa. „Das Fach ist verfassungswidrig. Immerhin sind bei uns Kirche und Staat getrennt. Außerdem ist die Tätigkeit von politischen und religiösen Vereinen an Schulen per Gesetz verboten“, betont die Juristin.

Um sich im Rahmen der Verfassung zu bewegen, wurde 2010 in 21 russischen Regionen das Fach „Grundlagen religiöser Kulturen und

weltlicher Ethik“ (GRKWE) eingeführt, das sechs optionale Themenbereichen enthält: Grundlagen der orthodoxen, islamischen buddhistischen und hebräischen religiösen Kultur, der religiösen Weltkulturen und der weltlichen Ethik. Eltern konnten entscheiden, in welchem von diesen Fächern ihr Kind unterrichtet werden sollte.

Nach Angaben des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft aus dem Jahr 2012 hatten sich 42,7 Prozent der russischen Eltern für Grundlagen der weltlichen Ethik, 31,7 Prozent für Grundlagen der orthodoxen Kultur und 21,2 Prozent für Grundlagen der religiösen Weltkulturen entschieden.


Weltliche Ethik oder orthodoxe Kultur

„Solange die Schule eine Auswahl verschiedener religiöser Kulturen und den Grundlagen weltlicher Ethik bietet, entspricht dies absolut dem Bildungsgesetz und der Verfassung“, meint Roman Lunkin, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Europainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften. „In diesem Fall werden die Regelungen für staatliche Schulen, die den Eltern die Wahl überlassen, eingehalten.“

Allerdings gibt es die Möglichkeit der Wahl an einigen Schulen nur auf dem Papier. Laut Lunkin, führten einige „Schulleiter nur den Jahreskurs „Grundlagen weltlicher Ethik“ ein, um die Wahl zu erleichtern. Er wird nicht von Fachleuten, sondern von Lehrern anderer geisteswissenschaftlicher Fachrichtungen unterrichtet.“

„Es gibt Regionen, in denen als Pflichtfach die ‚Grundlagen der orthodoxen Kultur‘ eingeführt wurde, wie zum Beispiel im Gebiet Belgorod“, erzählt Olga Gnesdilowa. Einige Juristen klagen deshalb vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Da die Kinder aber bislang keine Zeugnisse erhalten haben, in denen das Fach namentlich erwähnt ist, kann kein noch Urteilsspruch erfolgen.

2012 wurde GRKWE zu einem Pflichtfach für die vierten Klassen, also für Kinder im Alter von zehn beziehungsweise elf Jahren. Psychologen kritisieren die Einführung, da ihrer Meinung nach jede Aufteilung einer Klasse zu Konflikten führe. „Eltern wollen nicht immer darauf aufmerksam machen, nach welchem Glauben sie ihre Kinder erziehen“, so die Schulpsychologin Jekaterina Sherdewa. Die Verfassung biete ihnen das Recht, nicht darüber sprechen zu müssen. Nun müssten sie sich allerdings öffentlich bekennen. „Kinder denken in diesem Alter nicht daran, wer von ihnen Jude, Moslem oder orthodoxer Christ sein könnte. Durch die Aufteilung werden die Unterschiede aber betont. Dadurch erhalten Kinder den Eindruck, dass alle, die nicht ihrer Gruppe angehören, gegen sie seien.“


Religionsunterricht an der Grundschule

Derzeit sind für das Pflichtfach 34 Unterrichtsstunden pro Jahr vorgesehen. Patriarch Kyrill schlug jedoch unlängst vor, das Schulfach von der zweiten bis zur zehnten Klasse zu unterrichten. „Die Aussicht auf eine Ausweitung des Unterrichts im Fach GRKWE auf weitere Klassen findet in der Öffentlichkeit Anklang“, glaubt der Patriarch. „Dies wird von den meisten traditionellen religiösen Gemeinden in Russland unterstützt. Wir erwarten, dass der Prozess in diesem Jahr beginnen wird.“

Alexander Brod, Direktor des Moskauer Büros für Menschenrechte, ist überzeugt, dass eine Ausweitung dieses Unterrichtskurses in einem

Widerspruch zur weltlichen Ausbildung steht. „Was hindert die Russische Orthodoxe Kirche daran, ein System von Sonntagsschulen zu schaffen? Unsere gesamte Ausbildung beruht ohnedies auf humanitären Werten, auf dem Unterricht in russischer Literatur und Geschichte, die mit intellektuellen Werten eng verbunden sind.“

Laut Umfrage des Meinungsforschungszentrums Levada aus dem Jahr 2013 sind 43 Prozent der Russen gegen den Religionsunterricht an Schulen. 32 Prozent befürchten das Aufzwingen einer bestimmten Konfession und 24 Prozent sind überzeugt, dass der Unterricht gegen verfassungsrechtliche Regelungen des weltlichen Staates verstoße. Ein Drittel der Russen, 31 Prozent, findet, dass die religiöse Erziehung von Kindern an besonderen Lehranstalten zu erfolgen habe, während 22 Prozent damit einverstanden sind, das Fach in den Lehrplan aufzunehmen. Die meisten russischen Bürger – 74 Prozent – wünschen sich aus dem Religionsunterricht ein Wahlfach zu machen.

 

Was meinen russische Religionsvertreter dazu?

 

Alexander Boroda, Präsident der Föderation der Judengemeinschaften Russlands 

Wir sind der Meinung, dass "Die Grundlagen der Weltreligionen" in der Schule unterrichtet sein müssen, damit jeder Schüler unabhängig davon, zur welchen Religion er sich bekennt, über die anderen Konfessionen Bescheid weiß. Dann wird er Feste und Bräuche, Traditionen anderer Religionen respektieren. 

 Wir sind rundweg dagegen, eine Schulklasse nach der Konfession aufzuteilen. Das hilft weder Völkerverständigung noch Toleranz, sondern sorgt für zusätzliche Spannung. Religion fängt da an, wo das Wissen endet. Sie ist ein Produkt des Glaubens. Hier müssen Lehrer sehr sorgfältig sein. Ich weiß nicht, ob sich der Religionsunterricht in der 2. Klasse lohnt, da das Kind noch über keine Fähigkeiten verfügt, um dieses Thema ernst zu besprechen. 


 Sergej Rjachowskij, Leitender Episkopus des Russischen Orthodoxen-Vereins des evangelischen Glaubens 

 Der Wunsch des Patriarches, ein Pflichtfach „Grundlagen der orthodoxen Kultur" von 2. bis zum 10. Klasse einzuführen, ist berechtigt und logisch. Die Frage ist nun, wie ist er in unserer Gesellschaft richtig zu verwirklichen. Es kommt alles auf das Budget sowie auf die Vorbereitung der qualifizierten Arbeitskräfte an. Ich bin evangelisch, unser Kurs "Einführung in Protestantismus" wird nicht unterrichtet. Dennoch ist es für mich wichtig, dass es "Die Grundlagen der orthodoxen Kultur" gibt. Nun müssen wir alle religiösen moralischen Kräfte Russlands zusammenreißen, um diese Initiative zu unterstützen. 


 Schamil Aljautdinow, Imam der Moskauer Gedenkmoschee 

 Ich finde, es verstößt gegen die russische Verfassung. Russland ist ein multinationaler und -konfessioneller Staat. Es wäre darum gerechter, allen Bürger eine Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer Religion in entsprechenden religiösen Einrichtungen vertraut zu machen - sei es orthodoxe Kirche, Moschee oder jüdische Synagoge. Dazu noch werden die Religionslehrbücher von Leuten geschrieben, die weit weg von religiöser Praxis sind und wenig Ahnung von Kanonen haben, was viele Leute von Kindheit an zur Verwirrung führt. In unserem Land ist Religion vom Staat abgegrenzt. Es wäre richtiger, sich auch in der Praxis an diese Tradition anzulehnen. So wird die sogenannte Äquidistanz der Konfessionen von der Regierung bewährt, aber auch keine Gläubigen in ihren Rechten verletzt.

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