Russland sagt Ja: Zahl der Eheschließungen auf Rekordniveau

Wissenschaftler vermuten, dass praktische Überlegungen beim Ja-Wort oft wichtiger sind als romantische Motive. Foto: Reuters

Wissenschaftler vermuten, dass praktische Überlegungen beim Ja-Wort oft wichtiger sind als romantische Motive. Foto: Reuters

In der Wirtschaftskrise suchen die Russen Halt im sicheren Ehehafen. Die Zahl der Eheschließungen in Moskau erreichte 2014 einen Rekordstand. Wissenschaftler vermuten, dass praktische Überlegungen beim Ja-Wort oft wichtiger sind als romantische Motive: Zu zweit lebt es sich meist günstiger.

Die Statistik der standesamtlichen Verwaltung der Stadt Moskau für das Jahr 2014 hat ergeben, dass junge Paare in Russlands Hauptstadt wieder häufiger heiraten. Im vergangenen Jahr trauten sich 100 483 Paare. Das ist die höchste Zahl an Eheschließungen in Moskau in den letzten 30 Jahren. Im letzten Jahr heirateten 4 000 mehr Paare als im Jahr davor und 30 000 mehr als noch vor zehn Jahren. Der Trend zur Ehe war im ganzen Land zu beobachten. Von Januar bis Juni 2014 wurden in Russland, ausgenommen der Halbinsel Krim, etwa 2 400 mehr Ehen geschlossen als im Vorjahreszeitraum. In diesem Zeitraum heirateten im letzten Jahr 484 300 Paare, 2013 waren es 481 300.

Warum tauschen die Russen trotz Wirtschaftskrise so oft die Ringe? Experten glauben, dass die geburtenstarken Jahrgänge von 1981 bis 1987 nun im heiratsfähigen Alter seien und Familien gründeten. Oft sei es aber auch die Krise, die direkt in den Hafen der Ehe führe, glauben andere. Anna Warga, Leiterin des Masterstudienprogramms Systemische Familientherapie an der Moskauer Higher School of Economics, erklärt: „Je schlechter es den Menschen geht, desto eher sind sie bemüht, eine Partnerschaft einzugehen, zu heiraten und Kinder zu bekommen". Eine solche Entwicklung könne man oft in ärmeren Ländern mit einem niedrigen Bildungsniveau beobachten. „Dort gibt es sehr wenig Perspektiven, eine Alternative ist das Kinderkriegen", stellt Warga fest. In Krisenzeiten rücke der Überlebensdrang mehr in den Vordergrund, gewissermaßen ein sozialer Rückschritt, sagt Warga: „Die Menschen besinnen sich auf ihre biologische Prädestination. Aber das hilft ihnen, Zukunftsängste abzubauen".

Quelle: Rosstat. Klicken Sie um die Grafik näher anzusehen

Gemeinsam ist man stärker

Wargas These wird von den Statistiken der Krisenjahre 1998 und 2008 sowie 2009 gestützt. Auch damals stieg die Zahl der Eheschließungen an. Einer der Gründe: Zusammenleben ist ökonomisch sinnvoll. Die wirtschaftliche Effizienz einer Ehe wies bereits der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Gary Stanley Becker nach. Das Zusammenleben ermögliche es nicht nur, die Lebenshaltungskosten zu reduzieren, sondern diene auch als eine Art Absicherung gegen Arbeitslosigkeit, die in Krisenzeiten stets zunimmt. In Zeiten drohender Arbeitslosigkeit sei das wirtschaftliche Überleben wahrscheinlicher, wenn zumindest einer der Partner seine Beschäftigung beibehalten könne.

So erging es auch dem Bankangestellten Murat. Er war sich bewusst, dass die Ehe einen großen Schritt und mehr Verantwortung bedeutet. „Es geht dabei auch um die finanzielle Absicherung", gibt er zu. „Aber wie das Leben so spielt, wurde ich nach unserer Hochzeit arbeitslos." Seine Frau wurde zur Alleinverdienerin und unterstützte ihn in der schwierigen Lage. Auch Experten betonen, wie wichtig in Krisenzeiten der Rückhalt durch Familie und Freunde sei. Die Familie sei der Rückzugsort, an dem man Stress abbauen und neue Kraft sammeln könne. Davon ist auch die Psychologin Natalia Trofimowa überzeugt, die es sehr wichtig findet, dass Menschen in so instabilen Zeiten Halt bei anderen Menschen finden, zum Beispiel in einer Ehe: „Eine Eheschließung hilft, Ungewissheit zu überwinden", sagt sie. Trofimowa hat viele Klienten, die in der aktuellen Krise Zukunftsängste haben und um Rat fragen. „Der Mensch braucht eine Weile, um sich einer Krisensituation anzupassen", berichtet die Psychologin und macht Mut:

„Aber wie auch immer sich Wirtschaft und Politik entwickeln, das Leben geht weiter. Und menschliche Beziehungen rücken wieder in den Vordergrund". Die Krise habe jedenfalls niemanden von einer bereits zuvor geplanten Hochzeit abbringen können, ist Trofimowa überzeugt.

Dies bestätigt auch der Student Artjom. „Wir haben nicht an eine mögliche Krise gedacht, als wir die Hochzeit geplant haben", sagt er. Die Feierlichkeiten fielen dann zwar bescheiden aus, aber die „wenig aufwändige Studentenhochzeit haben wir von unseren Ersparnissen bezahlt". Von den Geldgeschenken zur Hochzeit wurden der Umzug und die Renovierung der neuen Wohnung bezahlt. Die Eltern halfen den Frischvermählten dabei. Nun muss Artjom nicht mehr jeden Tag bis ans andere Ende der Stadt fahren, um seine Freundin zu sehen. Daher wird sich die Hochzeit auch finanziell rechnen. Er blickt ohnehin positiv in die gemeinsame Zukunft: „Keine Wirtschaftskrise kann verhindern, dass die Wünsche zweier Menschen, die sich lieben, in Erfüllung gehen."

 

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