Die Alternativen: Zivildienstleistende in Russland

Die Alternative zum Wehrdienst ist in Russland kaum bekannt. Foto aus dem persönlichen Archiv

Die Alternative zum Wehrdienst ist in Russland kaum bekannt. Foto aus dem persönlichen Archiv

Im Alter zwischen 18 und 27 sind russische Männer wehrpflichtig. RBTH traf einen jungen Mann, der keinen Dienst an der Waffe leisten wollte. Er absolvierte stattdessen einen fast zweijährigen Zivildienst. Diese Alternative zum Wehrdienst ist in Russland kaum bekannt.

RBTH traf einen jungen Mann, der keinen Wehrdienst leisten wollte. Er leistete alternativ Zivildienst. In Russland wird dieser „Ziviler Alternativer Dienst" genannt, weshalb sich die russischen Zivildienstleistenden auch „Alternative" nennen. Dieser Weg ist in Russland eher ungewöhnlich. Meist versuchen die Wehrpflichtigen, den Dienst hinauszuzögern, etwa indem sie immer weiter studieren, Bestechungsgelder zahlen oder sich mit immer neuen Ausreden der Musterung entziehen. Unser Gesprächspartner erzählt, warum er sich für einen anderen Weg entschieden hat und berichtet von seinem Alltag als Alternativer:

„Am Ende meines Studiums stand ich vor der Frage, wie ich den Militärdienst vermeide. An einem Masterstudium war ich nicht interessiert, vor den Ladungen zur Musterung davonzulaufen und mich zu verstecken, schien mir erniedrigend, mich durch Schmiergeldzahlungen freizukaufen moralisch nicht vertretbar. Da erfuhr ich von der Möglichkeit des Zivilen Alternativen Dienstes. Die Menschenrechtsorganisation Bürger und Armee half mir beim Zusammenstellen der notwendigen Dokumente für meinen Antrag. Überzeugt von meiner Durchsetzungskraft und meiner Entscheidung ging ich zum Wehrersatzamt.

Die Sekretärin war sehr überrascht und erfreut über mein freiwilliges Erscheinen. Als sie jedoch erfuhr, dass ich entschlossen war, Zivildienst zu leisten, erstarrte ihr Lächeln und wich einer gleichgültigen Miene. Ich ließ mich medizinisch untersuchen, füllte einige Formulare aus und ging wieder nach Hause. Jetzt musste ich auf die Ladung zur Zivildienstkommission warten.

Auf diesen Termin bereitete ich mich sehr gut vor. Ich verfasste einen Vortrag über die Fragwürdigkeit der widerspruchslosen Ausführung von Befehlen, über die Philosophie der Gewaltlosigkeit und die Freiheit des Willens. Das zweistündige schikanöse Verhör mit Fragen wie „Bist Du kein Mann, oder was?" und „Wer schützt uns vor dem Feind?", ließ ich standhaft über mich ergehen. Schließlich bekam ich, was ich wollte: den Ausweis eines Zivildienstleistenden.

 

Kein Wahlrecht beim Einsatzort

Ein Wunsch- und Wahlrecht im Hinblick auf den Einsatzort hat man als Zivildienstleistender in Russland nicht. Man kann in den unterschiedlichsten staatlichen Einrichtungen landen – etwa in Bibliotheken, Krankenhäusern oder im öffentlichen Verkehrswesen. Ich hatte Glück. Ich wurde Postbote in einer zentralen Moskauer Filiale, nur 30 Minuten von meinem Zuhause entfernt.

Das Team meiner Abteilung bestand vor allem aus Frauen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Viele von ihnen arbeiteten schon über zehn Jahre bei der Post. Einmal traf ich dort auf einen anderen jungen Mann. Er war, wie sich herausstellte, ebenfalls ein Alternativer, und zwar aus religiöser Überzeugung. Er war ein Zeuge Jehovas. Unsere Begegnung war ein so ungewöhnlicher Zufall, dass wir uns scherzhaft wechselseitig als Halluzination bezeichneten.

Die Arbeit eines Zivildienstleistenden unterscheidet sich nicht von der eines gewöhnlichen Mitarbeiters. Die Aufgaben, die Arbeitszeiten, das Gehalt, die Urlaubszeiten und Regeln im Krankheitsfall sind die gleichen. Der einzige Unterschied ist, dass man 21 Monate an ein und denselben Arbeitsplatz

gebunden ist und keine Möglichkeit hat, die Stelle oder das berufliche Aufgabenfeld zu wechseln. Der Militärdienst dauert übrigens nur ein Jahr.

Mein Arbeitstag begann um sieben Uhr und endete offiziell um 14 Uhr. Zuerst sortierte ich die Post für meinen Abschnitt, danach trug ich die Briefe aus. Während meiner Runde hörte ich Musik oder Hörbücher. Zwei bis drei Stunden dauerte es, die 16 Häuser in meinem Zustellabschnitt abzuarbeiten. Recht schnell wurde ich sehr effizient und konnte daher oft schon früher gehen.

Nach einem halben Jahr betraute man mich mit dem Austragen von Pensionen, einer ziemlich verantwortungsvollen Aufgabe. Es ging dabei nicht nur um das viele Geld, das ich bei mir trug. Wichtiger noch war der Kontakt zu den alten Menschen. Sie warteten jeden Monat an einem bestimmten Tag auf mich. Von ihrem Geld gaben sie mir ein kleines Trinkgeld. Meine Versuche, diese Aufmerksamkeit auszuschlagen, waren erfolglos. Dieses Ritual lebt offensichtlich aus sowjetischen Zeiten fort.

 

Eine besondere Erfahrung

Anfangs begegneten mir meine Arbeitskollegen mit einer gewissen Feindseligkeit. Sie hielten mir vor, mich vor der Armee zu drücken und machten sich lustig über mein ausgefallenes Äußeres. Mit der Zeit jedoch

gewöhnten sie sich an mich und behandelten mich wie ihresgleichen. Heute bitten sie mich, zu bleiben. Sie sagen, ich würde ihnen fehlen.

Ich habe in diesen fast zwei Jahren wertvolle Erfahrungen gesammelt. Unter anderen Umständen hätte ich diese Menschen nicht kennengelernt. Und vor allem bin ich meinen Überzeugungen treu geblieben und habe meine gesellschaftliche Pflicht erfüllt.

Achtet bei eurem nächsten Spaziergang durch Moskau einmal auf die Briefkästen an den Häuserwänden. Jeden Tag, wenn die meisten Leute auf den Weg zur Arbeit machen, trägt irgendjemand ihre Briefe aus. Und vielleicht hört er genau wie ich über seine Kopfhörer gerade „Imagine" von John Lennon und ist auch ein Alternativer."

Der Zivildienst wurde in Russland erstmals Mitte des 18. Jahrhunderts eingeführt, nachdem Katharina II. preußische Mennoniten nach Russland eingeladen hatte. Ihrem Prinzip treu, jede Form des Eides abzulehnen, arbeiteten sie als Förster, Aufseher oder Feuerwehrleute.

Seit 2004 hat jeder Wehrpflichtige in der Russischen Föderation das Recht, Zivildienst zu leisten, wenn der Dienst an der Waffe seiner Weltanschauung oder religiösen Überzeugungen Das gleiche gilt für Angehörige indigener Völker, die ihre traditionelle Lebensweise fortsetzen. Gegenwärtig machen nur wenige Russen von der Möglichkeit des Zivildienstes Gebrauch –Statistiken von 2013 zufolge waren es in diesem Jahr in Russland 880 Personen, also lediglich 0,2 Prozent aller Wehrpflichtigen.

Pro Einberufungsjahrgang beantragen im Durchschnitt ungefähr 300 junge Männer den alternativen Dienst. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum werden 153 000 Männer zum Wehrdienst einberufen. Anträge werden selten abgelehnt, meist hängt eine solche Entscheidung damit zusammen, dass der Antrag nicht fristgerecht gestellt wurde. Die geringe Popularität des Zivildienstes hat einen ganz banalen Hintergrund: Die meisten Russen wissen nichts von dieser Möglichkeit.

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