Krebskranke in Russland: Wenn Suizid der einzige Ausweg ist

Suizide von Krebskranken in Russland nehmen zu. Foto: PhotoXPress

Suizide von Krebskranken in Russland nehmen zu. Foto: PhotoXPress

In Moskau hat der Suizid von elf krebskranken Patienten im vergangenen Monat eine heftige Debatte ausgelöst. Experten sehen zahlreiche Ursachen für dieses Phänomen – von einem Mangel an Medikamenten bis hin zur Abwesenheit von qualifizierten Psychologen.

Zum ersten Mal machte das Thema im vergangenen Jahr Schlagzeilen. Im Februar beging der ehemalige Konteradmiral der Marine Wjatscheslaw Apanasenko Suizid. Der an Magenkrebs Erkrankte erschoss sich, nachdem er keine Schmerzmittel erhalten hatte und tagelang leiden musste. Im März wurden acht weitere Selbsttötungen von Krebskranken in Moskau bekannt.

Jetzt, ein Jahr später, gibt es eine neue Reihe an Suiziden. Seit Anfang Februar nahmen sich in der Hauptstadt elf Krebskranke das Leben. „Schmerzlindernde Medikamente gibt es nur für 40 Prozent der Moskauer – und das ist schon das höchste Level im Land", erklärt Olga Goldman, Direktorin des Projekts der Selbsthilfe für Krebskranke „Sodejstwije", die problematische Situation.

Die mangelnde Verfügbarkeit an wirksamen Schmerzmitteln ist wesentlicher Grund für die Häufung an Suiziden. Nach Angaben des Internationalen Komitees zur Drogenkontrolle nimmt Russland in Europa Platz 38 von 42 ein, wenn es um die Verfügbarkeit von Medikamenten geht. Weltweit landet Russland nur auf dem 82. Platz. Das russische System ist ganz auf den Kampf des Drogenmissbrauchs ausgerichtet und daher stark bürokratisiert. Für die Ärzte kommen Verstöße gegen das Vergabeverfahren von Medikamenten einer Straftat gleich. So machte die Geschichte der Ärztin Alewtina Chorinjak die Runde, die der Urkundenfälschung und der Verbreitung von starken Drogen bezichtigt wurde, nachdem sie einem Krebskranken, der nicht zu ihrem Bezirk gehörte, ein Medikament verschreiben wollte.

Die Geschichten von Apanasenko und Chorinjak haben die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Schmerzmittel-Problem gelenkt. Im Dezember 2014 nahm die Staatsduma deshalb Änderungen im Gesetz „Über Drogenpräparate und psychotrope Mittel" an. Die Verschreibung von Rezepten für Schmerzmittel und Drogenpräparate wurde damit erleichtert. Ein Verschreibungsrecht erhielten nun auch Einrichtungen der Sterbebegleitung, Patronagedienste sowie Allgemeinmediziner. Zudem wurde die Gültigkeitsdauer von Rezepten von fünf auf 15 Tage verlängert.

 

Depressionen bleiben unbehandelt

Es gibt aber noch weitere Probleme: Eine Lizenz zum Verkauf von Krebsmedikamenten besitzen in ganz Russland nur 1 600 Apotheken. In Moskau sind es 76, in Sankt Petersburg nur neun und russlandweit gesehen gibt es mancherorts gar keine. Außerdem werden für die Behandlung von Krebskranken nur sehr geringe staatliche Mittel zur Verfügung gestellt.

Das bestätigt auch Nikolaj Dronow, Vorsitzender des Exekutivkomitees Dwischenije protiw raka. „Es gibt nicht genug Geld und die Kommunikation zwischen den Beamten ist schlecht", erklärt er gegenüber RBTH und versucht zu begründen: „In Russland gibt es keine ganzheitliche Herangehensweise an die Krebsbehandlung." Dronow ist sich sicher, dass Fragen über den psychischen Zustand der Krebspatienten nicht auf politischer Ebene gelöst werden können. „Die Patienten brauchen

professionelle Unterstützung von Psychologen, die ihnen helfen können, die Krankheit zu bekämpfen. Und zwar mit wissenschaftlich fundierten und klinisch erprobten Mitteln."

Psychologen, die auf Krebspatienten spezialisiert sind, sind nicht weniger wichtig als Medikamente. Der stellvertretende Bürgermeister von Moskau Leonid Petschatnikow sagte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, dass Suizide unter Krebskranken nicht auf einen Mangel an Medikamenten, sondern auf psychische Störungen der Patienten zurückzuführen seien. Mittlerweile habe man eine Hotline zur psychologischen Hilfe eingerichtet.

Eine Hotline für Krebskranke und deren Angehörige bietet auch das Projekt „Sodejstwije". In den vergangenen Jahren haben vorwiegend karitative Organisationen die Aufgabe der psychologischen Unterstützung von Krebskranken übernommen. Wie Olga Goldman sagt, leiden über 90 Prozent der an Krebs erkrankten Patienten unter Depressionen, die behandelt werden müssten. „Wenn es mehr Psychologen gäbe, würde nicht nur der Stresspegel der Patienten, sondern auch der der behandelnden Ärzte gesenkt, die wegen des Mangels an Experten die Patienten selbst psychologisch betreuen müssen", unterstreicht Goldman.

 

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