Land für lau: Russland verschenkt den Fernen Osten

Russlands Ferner Osten sucht Pioniere. Foto: Alexander Lyskin/RIA Novosti

Russlands Ferner Osten sucht Pioniere. Foto: Alexander Lyskin/RIA Novosti

Ein Hektar Land umsonst: Mit diesem Vorschlag sollen russische Staatsbürger in den Fernen Osten gelockt werden und dort Unternehmen gründen. Experten sehen nur geringe Erfolgsaussichten und fordern stattdessen mehr Investitionen in die Infrastruktur.

Jurij Trutnew, bevollmächtigter Vertreter des Präsidenten im Fernen Osten Russlands, hat vorgeschlagen, jedem Russen auf Wunsch einen Hektar Land im Fernen Osten zur Verfügung zu stellen. Das gilt für Menschen, die bereits in der Region leben, aber auch für alle anderen russischen Staatsbürger. Die neuen Landbesitzer sollen dort ein Unternehmen aufbauen, so der Plan. Trutnew denkt dabei an Land-, Forst- und Jagdwirtschaft, schließt aber auch andere Unternehmungen nicht aus. Wird das Land innerhalb von fünf Jahren erschlossen, geht es vom Besitz in Eigentum über. Gelingt die Erschließung nicht, muss es zurückgegeben werden. Derzeit sind in Russlands Fernem Osten etwa 614 Millionen Hektar Land Staatseigentum – 90 Prozent davon sind ungenutzt.

Trutnew erhofft sich einen Bevölkerungszuwachs in der Region. Experten begegnen seinem Vorschlag allerdings mit Skepsis: Die Erschließung der Permafrostböden sei sehr schwierig und für die kommerzielle Landwirtschaft seien sie so gut wie nicht geeignet, geben sie zu bedenken. Zudem erhielten ortsansässige Landwirte bereits seit 2012 jeweils zehn Hektar Land. In der Region Chabarowsk werde nahezu jeder der 90 000 Hektar landwirtschaftlich nutzbaren Bodens bewirtschaftet. Dennoch kann die Region lediglich ihren Bedarf an Kartoffeln und Eiern selbst decken. Die Versorgung mit Fleisch und Milch ist nur zu 20 Prozent gegeben. Der Rest wird aus dem benachbarten China oder anderen Regionen Russlands bezogen.

Die örtlichen Bauern stehen potenziellen Neuankömmlingen aufgeschlossen gegenüber. Sie wären bereit, diese mit Technik und Saatgut im Tausch gegen einen Teil der Ernte zu unterstützen.

 

Industrie chancenreicher als Landwirtschaft

Andrej Ostrowskij, stellvertretender Direktor des Instituts für Fernöstliche Studien, bleibt dennoch kritisch. Den fernöstlichen Gebieten mangele es an einer Infrastruktur, daher könnten sie sich nicht entwickeln, meint er. „Im Gegensatz zu den Nachbarregionen in China, Nordkorea oder Japan ist Infrastruktur im Fernen Osten nicht vorhanden. Wichtig wäre ein Zugang zu Wasser und Strom, außerdem werden Straßen benötigt", so Ostrowskij. Bei der Erschließung solle man sich an den Erfahrungen Chinas mit der Einrichtung freier Wirtschaftszonen orientieren, fordert er. Für den Aufbau der Infrastruktur müssten Finanzmittel bereitgestellt werden. Die mit der Umsetzung von Infrastrukturprojekten beauftragten Manager sollten bei einem Misserfolg seiner Meinung nach mit ihrem persönlichen Vermögen haften müssen.

Dmitrij Schurawlew, Direktor des Instituts für Regionale Forschung, hält eine Erschließung des Fernen Ostens für machbar. Allerdings erfordere diese Aufgabe einiges Organisationsgeschick. Die besonderen Herausforderungen dabei seien das Verkehrsnetz und die Bodenqualität. Trutnews Vorschlag

nennt er „wenig realistisch". „Der Umzug und die Anreise sind da teurer als das Land", meint er. Große Zukunftsaussichten bescheinigt Schurawlew der Landwirtschaft im Fernen Osten ohnehin nicht. Noch gebe es dort zu wenig erschlossene Flächen und es fehle eine Infrastruktur für den Export landwirtschaftlicher Produkte. Er sieht mehr Chancen für die Industrie: „Wir brauchen beispielsweise Schiffsbau, besonders wenn Russland die Arktis erschließen will."

Der russische Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens, Alexander Galuschka, sieht dagegen viel unternehmerisches Potenzial für seine Region. „Wir haben sogar eine Anfrage aus Großbritannien erhalten. Eine russische Staatsbürgerin hat dort zwanzig Jahre gelebt und will nun mit ihrem britischen Ehemann zurück nach Russland", erzählte er der „Rossijskaja Gaseta". „Sie möchten hier ein Familienunternehmen gründen, vorzugsweise im Tourismus mit einer Spezialisierung auf ausländische Kunden. Sie haben sowohl die Erfahrung als auch die nötigen Mittel für solch ein Start-up", stellt er die Pläne der zukünftigen neuen russischen Unternehmer vor.

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