Krim: Plötzlich Russisch

Lehreinrichtungen der Krim kämpfen mit Problemen bei der Umstellung. Foto: Andrej Iglow/RIA Novosti

Lehreinrichtungen der Krim kämpfen mit Problemen bei der Umstellung. Foto: Andrej Iglow/RIA Novosti

Die Schulen auf der Krim bieten keinen Ukrainisch-Unterricht mehr an, die Hochschulen der Halbinsel müssen ohne europäische Fördermittel auskommen und die Studenten lernen russische Geschichte noch einmal neu. Wie sieht heute der Weg eines Krimbewohners zwischen Abitur und Diplom aus?

Im vergangenen Herbst wechselte auf der Krim ein Teil der Lehrerschaft praktisch das Fachgebiet. Statt ukrainischer Sprache und Literatur oder Geschichte der Ukraine unterrichtet das Personal seitdem Sprache und Literatur oder Geschichte Russlands. Den ganzen Sommer verbrachten die Lehrer auf der Halbinsel in Weiterbildungskursen. Am schwersten allerdings hatten es die Kinder, die bisher nur Ukrainisch als Unterrichtssprache kannten. So etwa die Schüler des Ukrainischen Gymnasiums in Simferopol.

Die Situation auf dem Gymnasium änderte sich unmittelbar nach dem Beitritt der Krim zu Russland. Im April vergangenen Jahres verwandelten sich die Elternabende in Diskussionen über die Unterrichtssprache der Kinder. Die Eltern sollten kundtun, in welcher Klasse – ukrainisch oder russisch – sie ihr Kind sehen wollten. Heute lernen auf der Schule von 986 Schülern noch 143 ihren Unterrichtsstoff in ukrainischer Sprache. Insgesamt zählen die „Ukrainisch-Klassen" auf der Halbinsel 1 990 der fast 215 000 Kinder.

Nach den Umbrüchen des vergangenen Frühjahrs seien etwa zehn Prozent der Lehrer entlassen worden, erzählt die Direktorin des Gymnasiums Valentina Lawrik. „Ungefähr 50 Kinder zogen mit ihren Eltern in die Ukraine, dafür aber kamen im Sommer viele Kinder aus Russland zu uns, darunter auch Flüchtlinge aus dem Südosten der Ukraine", ergänzt sie.

 

Der Alltag an den Hochschulen

Nicht weniger spürbar waren die Folgen der Angliederung der Krim an den Hochschulen. „Das letzte Frühjahr war eine recht angespannte Zeit", erinnert sich Wadim Chapajew, Dozent am Institut für die Geschichte der Internationalen Beziehungen, einer Zweigstelle der Moskauer Staatlichen Universität in Sewastopol. „Die Studenten bildeten zwei Lager – Befürworter und Gegner des ‚russischen Frühlings'. Die Gegner kamen hauptsächlich aus Familien vom ‚Festland' (so nennt man auf der Krim die Ukraine, Anm. d. Red.), ein Teil von ihnen wanderte aus", erzählt er.

Die Studenten selbst schlagen sich mit praktischen Fragen herum. „Innerhalb von vier Monaten des ersten Semesters mussten wir die gesamte ukrainische Geschichte aus unseren Köpfen streichen. Es war nicht gerade einfach, sich über Iwan den Schrecklichen prüfen zu lassen, wenn in der Schule seinen Platz noch Bohdan Chmelnyzkyj eingenommen hatte", klagt etwa Student Maxim.

Der Machtwechsel forderte seinen Tribut. Am empfindlichsten traf es die Nationale Universität für Atomenergie und Industrie von Sewastopol. Ende März sangen einige Studenten beim Herablassen der ukrainischen Flagge die Nationalhymne und entfernten sich demonstrativ beim Hissen der russischen. Nach den Worten des derzeitigen stellvertretenden Rektors Wladimir Kirijatschenko haben nach der Angliederung der Krim an Russland mehr als die Hälfte der Studenten die Universität verlassen. Chapajew ergänzt: „Alle Ukrainer wurden persönlich aufgefordert, aufs ‚Festland'

zu ziehen und ihr Studium an anderen ukrainischen Universitäten fortzusetzen. Man sagte ihnen, die russischen Diplome würden nicht anerkannt."

Das bestätigt ein Student: „Wer die Möglichkeit hat, versucht heute, die Krim zu verlassen. Der Status der Studienabschlüsse ist schließlich vollkommen unklar." Eine Studentin der ehemaligen Nationalen Taurischen Wernadskyj-Universität, die nun Föderale Universität der Krim heißt, stimmt zu: „Was ein russisches Diplom einmal zählt, wissen wir nicht. Man braucht sich natürlich keine Sorgen zu machen, wenn man auf der Krim bleiben oder in Russland leben will. Spielt man allerdings mit dem Gedanken, sich einmal in Europa Arbeit zu suchen, dann steht man vor dem gleichen Problem wie mit den Reisepässen der Krim – unser Diplom wird niemand anerkennen."

 

Freundliche Absagen

Hochschulen und Forschungsinstitute der Halbinsel haben keine Chance, Artikel und Beiträge in westlichen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Seine Universität erhalte bislang lediglich „freundliche Absagen", berichtet der Rektor der Föderalen Universität der Krim Sergej Donitsch. Die Hochschulen der Krim werden zudem nicht mehr in europäische Kooperationsprogramme eingebunden und kommen nicht länger in den Genuss westlicher Fördermittel.

Wie die Dekanin des Instituts für slawische Philologie und Journalistik Galina

Bogdanowitsch erzählt, erhielt ihre Fakultät, die damals noch der Nationalen Taurischen Wernadskyj-Universität angehörte, vor acht Jahren im Rahmen eines Förderprogramms der britischen BBC Geräte für die Ausbildung angehender Rundfunk- und Fernsehjournalisten. Im Jahr 2012 wurde sie mit einer Förderung der EU bedacht. Aus diesen Mitteln sollten Auslandspraktika für die Lehrkräfte und besten Studenten finanziert und im Jahr 2014 die technische Ausstattung erneut modernisiert werden. „Das Projekt sollte bis 2015 laufen, aber man hat uns ausgeschlossen", so Bogdanotwitsch. „Alle anderen Hochschulen, die an diesem Projekt teilnahmen, bekamen sehr moderne Anlagen. Die für uns vorgesehene Technik landete in der Ukraine in Iwano-Frankowsk und blieb dort. Das war im März 2014."

 

Die vollständige Fassung dieses Beitrages erschien bei der Zeitung "Kommersant"