Krim-Jahrestag: Wie sich der russische Alltag verändert hat

Am 18. März 2014 hat die Russische Föderation die Halbinsel Krim eingegliedert. Eine folgenreiche Entscheidung: Eiszeit in den Beziehungen zum Westen, Sanktionen, Gegensanktionen, Wirtschaftskrise. RBTH hat russische Bürger gefragt, wie sie die Folgen im Alltag erleben.

Am 18. März 2014 unterzeichnete der russische Präsident Wladimir Putin den Erlass über die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation. Das Ereignis betraf nicht nur die Menschen auf der Halbinsel, sondern hat die Stellung Russlands in der Welt verändert. Die Beziehungen zum Westen sind an einem Tiefpunkt angelangt, von einer strategischen Partnerschaft ist keine Rede mehr. Russland ist mit Sanktionen belegt worden und hat selbst mit Gegensanktionen reagiert. Darüber hinaus schwächeln der Rubel und die russische Wirtschaft. Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf den Alltag russischer Bürger, beruflich und privat? Was erwarten sie von der Zukunft? RBTH hat nachgefragt.

 

Andrej Kosenko, Journalist: „Die Arbeitsbedingungen für Journalisten sind schwieriger geworden"

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„In meinem beruflichen Leben hat sich vieles verändert. Ich habe als Journalist bei einem der renommiertesten russischen Medien gearbeitet, bei der Moskauer Onlinezeitung lenta.ru. Die Ereignisse in der Ukraine, besser gesagt, unser Bemühen, darüber objektiv zu berichten, haben den Gründer der Zeitung veranlasst, unseren Chefredakteur zu entlassen. Daraufhin haben wir alle gekündigt. Jetzt bin ich im eigenen Land als Auslandskorrespondent tätig – als Sonderkorrespondent für die lettische „Meduza". Eine nicht gerade alltägliche Situation. Aber ich liebe meine Arbeit und werde sie so gut erledigen, wie es in unserem Land eben möglich ist. Auf mein Privatleben hingegen hat sich die Eingliederung der Krim nicht ausgewirkt. Ich lebe weiterhin so wie zuvor. Allerdings führte die Rubelschwäche dazu, dass meine Frau und ich bei einer Reise nach Helsinki am letzten Tag nur noch Geld für einen Abstecher zu Burger King hatten."

Andrej Kozenko ist Sonderkorrespondent des Onlinemagazins meduza.io.

 

Julija Titowa, Geschäftsführerin: „Alles ist politisch geworden"

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„In meinem Sankt Petersburger Geschäft ‚Spasibo' nehmen wir gebrauchte Kleidung an. 90 Prozent der Kleiderspenden werden an Wohltätigkeitsorganisationen oder direkt an Bedürftige abgegeben, zehn Prozent werden in Sozialläden verkauft. Die Verkaufserlöse gehen an soziale Projekte. Im vergangenen Jahr kamen viele Flüchtlinge aus der Ukraine wegen Kleidung zu uns – Familien, alleinerziehende Mütter, Rentner. Außerdem haben viele Menschen aus der Ukraine angefragt, ob es bei uns Arbeit für sie gebe. In Sankt Petersburg sind einige Freiwilligen-Initiativen entstanden, um Flüchtlingen aus dem Donbass zu helfen. Ich möchte meine Tätigkeit fortsetzen. Aber die große Spaltung in unserer Gesellschaft bereitet mir zunehmend Sorgen. Es ist absurd, aber heute gibt es Menschen, die ihre gebrauchten Sachen nicht an Wohltätigkeitsorganisationen geben wollen, bloß weil sie eine andere Position vertreten. Alles ist so politisch geworden."

Julija Titowa ist Geschäftsführerin des Wohltätigkeitsladens „Spasibo!".

 

Wladimir Mitrofanow, Süßigkeitenproduzent: „Wir geben nicht auf!"

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„Die wichtigsten Zutaten für die Herstellung unserer Produkte importieren wir aus Deutschland, Japan und Belgien. Als Russland die Lebensmittel-Sanktionen einführte, saßen wir täglich wie auf einem Pulverfass – was ist, wenn unsere Grundstoffe auch auf die Liste kommen? Dann hätten wir schließen müssen. Aber selbst wenn wir die Sanktionen beiseitelassen, spüren wir die Folgen der Wirtschaftskrise. Die Zutaten sind wegen des Rubelverfalls gegenüber dem Euro und Yen um 30 bis 70 Prozent teurer geworden. Bis Ende 2014 haben wir die Preise noch gehalten, im Januar dieses Jahres haben wir sie um 20 Prozent erhöhen müssen. Bislang bringt uns aber auch das nicht die Gewinne zurück. Ich hoffe, dass wir unsere Verluste zukünftig durch ein größeres Verkaufsvolumen und neue Absatzmöglichkeiten ausgleichen können. Noch sind wir nicht bereit, aufzugeben."

Wladimir Mitrofanow ist Generaldirektor von Okasi, einem Hersteller japanischer Süßigkeiten.

 

Alexander Petkow, Hoteldirektor: „Moskau hat Zukunft!"

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„Von der Geschäftstätigkeit her unterscheidet sich das vergangene Jahr natürlich von dem, was wir bisher gewohnt waren. Die schwierigste Zeit war der Herbst, als der Rubelsturz Panik und Unsicherheit bei den Unternehmern verursachte. Das Gastgewerbe hat sich an die neuen Bedingungen immer noch nicht angepasst. Andererseits verzichten viele Russen nicht auf Reisen. Nur fahren sie jetzt nicht mehr ins Ausland, sondern ziehen Moskau Berlin und Sotschi der Amalfi-Küste vor. Selbst in der Krise, nach den Sanktionen und der Krim, ist Moskau eine der größten Weltmetropolen, ein starkes Kultur-, Politik- und Finanzzentrum. Früher oder später wird das Wachstum hier einsetzen. Nicht in zwei oder drei Monaten, aber in ein paar Jahren – da bin ich mir sicher. Etwas verändern, etwa aus Moskau wegziehen, habe ich nicht vor."

Alexander Petkow ist Geschäftsführer des Moskauer Hotels „Metropol".

 

Andrej Iskornew, plastischer Chirurg: „Schönheit ist erschwinglicher geworden"

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„Trotz der Besonderheiten meines Geschäfts ist die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen seit Jahresbeginn gestiegen. Ich führe das auf die veränderten Währungskurse zurück. Unter unseren Kunden gibt es viele, die für ästhetische Eingriffe zuvor ins Ausland gereist sind. Sich in Russland einer Behandlung zu unterziehen, ist jetzt preisgünstiger, im Schnitt um die Hälfte. Zwar sind die Implantate aus dem Ausland nun teurer, aber die Vergütung der Chirurgen ist gleich geblieben. Zudem kommen etwa zehn Prozent unserer Patienten aus den Ländern der GUS und dem fernen Ausland. Durch den schwachen Rubel ist es für sie günstiger, sich bei uns in Russland operieren zu lassen."

Andrej Iskornew ist plastischer Chirurg und Präsident der Klinik „The Platinental Aesthetic Lounge" in Moskau.

 

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