Pilotencheck: Wie sicher ist Fliegen in Russland?

Regelmäßige medizinische und psychologische Check-ups des Flugpersonals sind in Russland Standard. Foto: TASS

Regelmäßige medizinische und psychologische Check-ups des Flugpersonals sind in Russland Standard. Foto: TASS

Medien spekulieren über eine mutmaßliche psychische Erkrankung des Co-Piloten, der am Steuer der abgestürzten Germanwings-Maschine saß. Russische Experten betonen die große Bedeutung regelmäßiger psychologischer und medizinscher Check-ups für Flugpersonal, wie sie in Russland bereits Standard seien.

Der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen in der vergangenen Woche hat weltweit eine breite öffentliche Debatte über das Thema Flugsicherheit ausgelöst. Hintergrund der Diskussion war die Veröffentlichung erster Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft von Marseille.

Demnach muss davon ausgegangen werden, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht hat, während er alleine im Cockpit saß. Der Flugkapitän habe das Cockpit verlassen, um zur Toilette zu gehen. Der Co-Pilot soll daraufhin die Cockpit-Tür blockiert haben, sodass sie auch durch die Eingabe eines Notfallcodes nicht zu öffnen gewesen sei. Dann habe er einen Sinkflug eingeleitet. Die Maschine zerschellte schließlich an einem Berg, alle 150 Insassen starben.

In deutschen und internationalen Medien wurde anschließend über eine mutmaßliche psychische Erkrankung des Co-Piloten diskutiert. Eine Reihe von Fluggesellschaften führten nach dem Absturz die sogenannte „Zwei-Personen-Regel" ein, nach der der Platz eines Flugzeugführers, der das Cockpit verlässt, vorübergehend von einem anderen Besatzungsmitglied eingenommen werden muss.

Der ehemalige Pilot Oleg Smirnow ist Mitglied im Expertenrat der beiden russischen Behörden für Luftverkehrssicherheit und Verkehrsüberwachung. Er bezeichnet das Unglück als „schockierendes Ereignis". Im Normalfall müsse die Besatzung eines Flugzeugs unvermeidbare Abweichungen vom Kurs unverzüglich der Bodenkontrolle melden, so schrieben es die Regeln der internationalen Luftfahrt vor, erklärt Smirnow. Es hätten also auch die Piloten der Germanwings-Maschine den plötzlich eingeleiteten Sinkflug melden müssen. „Es entstand der Eindruck, dass die Piloten nicht handlungsfähig waren, denn Profis halten sich normalerweise an diese Regeln", erinnert sich der Experte. Das Ausbleiben der Meldung ergebe nun im Nachhinein, da bekannt wurde, dass der Co-Pilot den Absturz offenbar herbeiführen wollte, erst einen Sinn, so Smirnow.

Die Spekulationen internationaler Medien über eine angebliche psychische Erkrankung des Co-Piloten kommentiert Smirnow sehr kritisch: „Menschen mit psychischen Störungen haben im Cockpit eines Flugzeugs nicht zu suchen." Für ihn stellt das einen „nicht zu beschönigenden Fehler im System der Europäer" dar. Ein vergleichbares Szenario hält er in Russland für ausgeschlossen: „In Russland müssen die Piloten täglich zu einer Untersuchung." Vor Antritt eines Fluges werden Piloten russischer Fluggesellschaften auf Puls und Blutdruck kontrolliert sowie zur Gemütslage befragt.

 

Umfassende medizinische und psychologische Kontrollen

Die Pressesprecherin der russischen Fluggesellschaft S7 Airlines, Anna Baschina, bestätigt, dass die Piloten vor jedem Flug ärztlich überprüft werden. Falls es Auffälligkeiten gebe, dürfe der Pilot den Flug nicht antreten und es würden weitere Untersuchungen veranlasst.

Gebe es bereits während des Bewerbungsverfahrens Beanstandungen eines Psychologen, erfolge keine Einstellung. „Piloten müssen mit ihrer Bewerbung psychologische, neurologische und pharmakologische Gutachten einreichen", so Baschina. Weitere psychologische Begutachtungen folgten vor der Einstellung und während der Beschäftigung. Der stellvertretende Flugpersonalleiter bei S7 Airlines sei zudem ein

Psychologe: „Er beobachtet das Personal intensiv und überweist gegebenenfalls an einen Facharzt."

Auch wenn die medizinische Messlatte für russisches Flugpersonal schon recht hoch liege, sei das kein Grund, sich auf den hohen Standards auszuruhen, meint Flugexperte Smirnow. Er mahnt, dass insbesondere bei der Einstellung ausländischer Piloten bei russischen Fluggesellschaften, die seit einiger Zeit erlaubt ist, wegen der unterschiedlichen Standards höhere Aufmerksamkeit geboten sei. Deren Eignung müsse noch einmal nach russischen Maßstäben überprüft werden. Zudem warnt Smirnow davor, am falschen Ende zu sparen. Airline-Manager strebten heute nach maximalem Profit, so Smirnow: „Doch an der Flugsicherheit sparen, das geht einfach nicht."

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