Fischtrawler gesunken: Mindestens 56 Tote bei Schiffsunglück vor Kamtschatka

Der Fischtrawler Dalni Wostok ist am 2. April vor Kamtschatka gesunken. Foto: TASS

Der Fischtrawler Dalni Wostok ist am 2. April vor Kamtschatka gesunken. Foto: TASS

Vor der Halbinsel Kamtschatka ist der russische Fischtrawler Dalni Wostok gesunken. 132 Mann Besatzung sollen an Bord gewesen sein, mindestens 56 Seeleute fanden den Tod im eiskalten Ochotskischen Meer. Das Schicksal von 13 Besatzungsmitgliedern sowie die Unglücksursache sind noch unklar.

In der Nacht zum Donnerstag ist der russische Fischtrawler Dalni Wostok im Ochotskischen Meer havariert. Nach vorläufigen Meldungen kamen bei dem Unglück mindestens 56 Personen ums Leben. 63 der 132 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden. Nach 13 weiteren Personen werde noch gesucht. Innerhalb von 15 Minuten soll das Schiff gesunken sein. Ein Notruf wurde offenbar nicht gesendet. Die Unglücksursache steht noch nicht fest, ein Zusammenstoß mit einem bislang unbekannten Objekt wird für möglich gehalten. Dadurch sei möglicherweise ein Leck entstanden und Wasser in das Maschinendeck eingedrungen. Es gibt aber auch Spekulationen über mutmaßliche Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften, wie etwa eine Überfrachtung des Schiffs.

Insgesamt befanden sich 132 Personen auf dem Trawler. Laut der Website des russischen Ermittlungskomitees waren unter ihnen 78 russische Staatsangehörige, 42 Staatsbürger der Republik Myanmar, fünf Seefahrer aus Vanuatu sowie drei aus Lettland und vier aus der Ukraine. Der Zustand der geretteten Seeleute wird als teilweise sehr kritisch beschrieben. Einige seien noch nicht wieder bei Bewusstsein.

Die Ermittlung zum Schiffsunglück laufen bereits. Im operativen Hauptquartier zur Beseitigung der Folgen des Schiffbruchs hält man eine Kollision mit einer Eisscholle für eine mögliche Unglücksursache. Zudem wurde ein Ermittlungsverfahren wegen „Verstoßes gegen die Sicherheitsvorschriften in der Bewegung und Nutzung eines Wasserfahrzeugs" eingeleitet.

 

Schiffseigentümer hält technische Fehler für ausgeschlossen

Der Rettungsdienst Russlands will sich mit der Erklärung, es habe einen Zusammenstoß gegeben, jedoch nicht zufriedengeben. Gegenüber der Nachrichtenagentur „Interfax" äußerte ein Mitglied der staatlichen Rettungsdienstleitung der Region einen anderen Verdacht: „Nach vorläufigen Erkenntnissen hat die Besatzung des Trawlers gegen Regeln der Betriebsführung verstoßen. Das Schiff, das nur wenig Treibstoff hatte, hob ein 80 Tonnen schweres Schleppnetz, während es gleichzeitig ein anderes herabließ. Unter den Bedingungen einer unruhigen See kam das Schiff dadurch in eine Schieflage und begann zu sinken." Ein starker Wind könnte dabei ein verstärkender Faktor gewesen sein, heißt es.

Sergej Chabarow, Vertreter des Regierungsvorsitzenden der Region Kamtschatka, stützt diese Theorie, meldet die Nachrichtenagentur TASS. Demnach habe der Dritte Maat an Bord berichtet, dass zum Unglückszeitpunkt ein 100-Tonnen-Netz gehoben worden sei. Der Kapitän und der Erste Maat seien bei dem Schiffsunglück ums Leben gekommen, so Chabarow. Der 48-jährige Kapitän des Trawlers sei „einer der besten Kapitäne im Fernen Osten" gewesen und soll Rekordhalter im Hinblick auf die Fangquoten gewesen sein, berichtet lifenews.ru unter Berufung auf eine namentlich nicht genannte Quelle. Die Quelle habe auch von einer hohen Risikobereitschaft der Kapitäne gesprochen: „Das Problem in unserem Metier ist, dass die Kapitäne im Eifer das Risiko suchen und eingehen", zitiert lifenews.ru.

Oxana Polschakowa, Vertreterin des Fernöstlichen Ermittlungskomitees für das Transportwesen, erklärte gegenüber RIA Novosti, dass gegenwärtig

Dokumente über den technischen Zustand des Schiffs sowie weitere Papiere geprüft würden. Zudem sollen die überlebenden Besatzungsmitglieder so bald wie möglich befragt werden, sagte Polschakowa.

Die Schiffseigentümergesellschaft Magellan sprach gegenüber RIA Novosti von einem einwandfreien technischen Zustand des Trawlers vor der Fahrt. Erst Ende 2014 sei das Schiff repariert worden. Zudem hätte man während der Fahrt in ständigem Kontakt mit der Mannschaft gestanden. Technische Auffälligkeiten seien dabei nicht erwähnt worden.

 

Kaum Hoffnung auf weitere Überlebende

Den Rettungskräften, die nach den noch vermissten Seeleuten suchen, läuft unterdessen die Zeit davon. Die Wassertemperatur im Bereich der Unglücksstelle liegt nahe dem Gefrierpunkt, die Windgeschwindigkeit beträgt 14 Meter pro Sekunde. Der Seegang erreicht den Wert 3 der Seegangsskala. Viel Hoffnung, die Vermissten noch lebend zu bergen, bestehe nicht mehr, sagte eine Quelle von RIA Novosti". Die Neoprenanzüge schützen die Seeleute unter solchen Bedingungen lediglich 15 bis 20 Minuten vor dem eisigen Wasser. Die Eigentümergesellschaft hat den Familien der verunglückten Seeleute bereits eine Entschädigung versprochen und will auch für die Bergungs- und Transportkosten aufkommen.

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