Snowden-Anwalt: „Dieses Buch musste geschrieben werden“

Foto: Getty Images/Fotobank

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Anatoli Kutscherena, Anwalt des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden, hat einen Spionagethriller mit dem Titel „Das Zeitalter des Kraken“ geschrieben. Alle Protagonisten des Buches tragen Fantasienamen, doch wie Kutscherenas Mandant als Vorlage des Helden fungiert, sollen auch einige Teile der Wahrheit entsprechen. Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da Dreharbeiten zur Verfilmung laufen. Regie führt Oscar-Preisträger Oliver Stone. RBTH sprach mit dem Rechtsanwalt über seinen Roman, Snowden und Hollywood.

RBTH: Sie sind ununterbrochen beschäftigt. Eineinhalb Monate lang haben wir um einen Interviewtermin gerungen. Wo haben Sie die Zeit für das Buch hergenommen?

Anatoli Kutscherena: Ich musste loswerden, was im Zusammenhang mit Edward alles über mich hereingebrochen ist. Manchmal habe ich mich für ein paar Stunden in meinem Arbeitszimmer eingeschlossen, aber überwiegend habe ich nachts bis drei oder vier Uhr morgens geschrieben. Ich habe unmittelbar nach dem Erlebten alles zu Papier gebracht. Das Buch war bereits im November 2013 fertig. Mit Oliver Stone und dem Produzenten Moritz Borman haben wir uns aber darauf geeinigt, dass das Buch zeitgleich mit dem Beginn der Dreharbeiten auf den Markt kommt.

Hat Snowden das Buch schon gelesen?

Ja, es hat ihm gefallen (Snowden hat das Buchmanuskript in englischer Sprache gelesen, Anm. d. Red.). Ich verbringe viel Zeit mit ihm. Es war mir wichtig, ihn als einen Menschen zu verstehen, der ein Produkt der amerikanischen Demokratie ist, als einen Menschen, der dort auf die Welt kam, heranwuchs, seinen Lebensweg ohne Furcht verfolgte und schließlich zur Herausforderung der mächtigen US-Geheimdienste wurde. Für mich ist er ein Held und ich denke, nicht nur für mich. Er war so mutig, gegen das System zu protestieren. Das tat er ausschließlich aufgrund ideeller und innerer Überzeugungen, ohne finanzielle Motive. Dieses Buch musste daher geschrieben werden.

Wie geht es Ihrem Mandanten heute?

Er klagt nicht, er lebt ein normales Leben mit den gleichen Rechten und der gleichen Freiheit, die wir Russen auch haben. In dieser Hinsicht gibt es überhaupt keine Probleme. Er hat eine Aufenthaltsgenehmigung. Er bekommt Besuch von seiner Freundin, die er bereits in den USA kennengelernt hatte. Sie haben eine wunderbare Beziehung. Natürlich hat er Heimweh, sehnt sich nach seiner Familie. Er würde dorthin zurückkehren, kann es aber nicht. Denn er kann nicht mit einem fairen Gerichtsverfahren rechnen. Das Verfahren gegen ihn ist ausschließlich politischer Natur. Wir hören nur die Kommentare des US-Außenministeriums, von Politikern, die nur im Sinn haben, ihn zu beleidigen, zu erniedrigen und seine Würde zu verletzen.

Vor Kurzem kam die Sprecherin des US-Außenministeriums Jen Psaki in einem Interview mit dem russischen Fernsehsender Doschd auf die Schwierigkeiten der russisch-amerikanischen Beziehungen zu sprechen. Sie bezeichnete den Fall Snowden als Stein des Anstoßes und forderte ihn auf zurückzukehren, um sich einem fairen Gericht zu stellen.

Natürlich träumen sie davon. Ebenso liegt es auf der Hand, dass man bei der derzeitigen Position des Außenministeriums und des Präsidenten der USA auf ein gerechtes Verfahren nicht zu hoffen braucht. Sie werden mir zustimmen, dass selbst wenn der Staatsanwalt nicht die Todesstrafe fordert, die Schmutzkampagne, die gegen Snowden in seiner Heimat bis heute gefahren wird, in jedem Fall die Geschworenen beeinflussen dürfte. Sie lesen schließlich auch Zeitung, schauen Fernsehen und interessieren sich für die Position des Präsidenten und des Außenministeriums.

Anatoli Kutscherena: „Snowden ist für mich ein Held". Foto: AP

Und wie kamen Sie auf Oliver Stone als Regisseur des Films?

Irgendwann kam mir seine Meinung zu Snowden zu Ohren und mir war sofort klar: Wenn jemand seine Geschichte adäquat erzählen und das Buch verfilmen kann, dann nur er. So wurde die Idee geboren, ihm das Manuskript zu zeigen. Oliver hielt sich damals in Hongkong auf. Um mit ihm zu einem Arbeitstreffen in Moskau zusammenkommen zu können, musste ich einige organisatorische Probleme lösen und es einrichten, dass er mein Buch – in englischer Übersetzung – bereits auf der Fahrt lesen konnte. So kam er nach Moskau und war bereit, über das Drehbuch zu diskutieren.

Sie waren bei den Dreharbeiten anwesend. Wie laufen sie ab?

Ich bin begeistert von der Teamarbeit. Eine unglaubliche Organisation! Vor Ort sind etwa 120 bis 150 Personen beschäftigt, alle führen ihre Arbeiten

exakt aus. Sobald das Kommando „Action!" ertönt, könnte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören. Beeindruckend ist die Arbeitsweise des Regisseurs, wie er mit den Schauspielern spricht, den Prozess steuert. Ich habe noch nie gehört, dass Oliver seine Stimme erhoben hätte. Die Rolle Edwards spielt Joseph Gordon-Levitt. Er sieht ihm sehr ähnlich.

Derzeit wird in Deutschland gedreht. Es sollten eigentlich auch Dreharbeiten in Moskau stattfinden, aber diese Frage ist noch nicht endgültig geklärt. Ich denke, im April oder Mai werden die Dreharbeiten abgeschlossen sein, dann kommt der Schnitt. Der Film soll am 25. Dezember in den Verleih.

Planen Sie eine Übersetzung Ihres Buches?

Ja, mit dieser Frage befasse ich mich gerade. Es sind schon Chinesen auf mich zugekommen. Es werden Übersetzungen in Italien, Serbien, Bulgarien, Frankreich, den USA, in England, Libyen und dem Iran angefertigt.

 

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