Brände in Sibirien: Ist das Verbrennen von Trockengras die Ursache?

Brände in Sibirien:  30 Menschen starben, 5 000 wurden obdachlos. Foto: Reuters

Brände in Sibirien: 30 Menschen starben, 5 000 wurden obdachlos. Foto: Reuters

In Russland, vor allem in Sibirien, wüten verheerende Wald- und Steppenbrände. Ursache ist nach Expertenmeinung das unkontrollierte Abbrennen von Trockengras. Sie fordern gesetzliche Verbote. Präsident Putin ist unterdessen in das Katastrophengebiet gereist und versprach schnelle Hilfen für die Geschädigten.

In der sibirischen Republik Chakassien, etwa 3 376 Kilometer von Moskau entfernt, brachen am 12. April verheerende Brände aus. Kleinere Feuer wurden von heftigen Windböen begünstigt und griffen auf nahezu 40 Siedlungen über. Mehr als 30 Menschen starben, über 600 Menschen mussten medizinisch versorgt werden, fast 5 000 Menschen wurden obdachlos. In der Region wurde der Notstand ausgerufen.

In sieben weiteren Regionen ist die Lage ähnlich. Im ganzen Land – vom Kusnezker Becken bis zur Oblast Moskau – werden kleinere Flächenbrände gemeldet. Die Gesamtfläche der Waldbrände übersteigt nach offiziellen Angaben 100 000 Hektar. Nach Angaben des Brandschutz-Projektleiters von Greenpeace Russia Grigorij Kuksin dürften diese Zahlen zu niedrig angesetzt sein. Feuer auf offenen Flächen würden nicht als Waldbrände, sondern als Steppenfeuer klassifiziert und in der Gesamtstatistik daher nicht berücksichtigt. „Die abgebrannten Siedlungen in Chakassien und Transbaikalien sind jedoch keine Folge der Waldbrände, sondern das Ergebnis eben solcher Steppenfeuer. Diese Einstufung erschwert es, das wahre Ausmaß der Tragödie einzuschätzen", sagt Kuksin und warnt vor weiteren Katastrophen. „Eine vergleichbare Situation kann auch in der Region Chabarowsk eintreten, wo örtliche Behörden erklärt haben, mit dem massiven Abbrennen von Grasflächen beginnen zu wollen. Auch im europäischen Teil Russlands ist ein solches Szenario nicht unwahrscheinlich."

 

Starke Winde haben die Feuer angefacht

Tatjana Ewterewa aus der Wolga-Region berichtet, dass dort jedes Jahr Trockengras verbrannt werde. „Was soll man damit auch machen?", fragt sie. Es sei jedoch wichtig, die Feuer im Auge zu behalten: „Bei uns in der Steppe sind die Winde stark, deswegen verbrennen schon mal kleinere Lauben. Dass aber ganze Häuser verbrennen, das hatten wir noch nie", erzählt die 58-Jährige Rentnerin.

Als wichtigste Ursache für die Ausbreitung der Feuer gilt unkontrolliertes Abbrennen von Trockengras bei gleichzeitig einsetzenden Windböen. Das glaubt auch Kuksin. „Die Menschen legen Feuer in ihren Gemüsegärten und auf Feldern, um so den Boden zu reinigen", erklärt er. Zudem steige die Brandgefahr weltweit wegen des Klimawandels: „Dieses Jahr gab es zu wenig Schnee in Russland, der zu schnell taute. Daher ist die Lage im Frühling in diesem Jahr schwieriger als sonst."

Doch dies sei nicht die einzige Ursache für die Katastrophe. Denn obwohl die örtlichen Behörden wüssten, dass Feuer zu erwarten seien, seien sie nicht darauf vorbereitet, diese zu kontrollieren, so Kuksin. „In Sachen Waldschutz sind die Regionen unterfinanziert. Die Mittel dafür werden aus dem föderalen Budget zur Verfügung gestellt und von regionalen Behörden verteilt. In diesem Jahr wurden wegen der Krise weniger Mittel bewilligt", sagt der Experte. Außerdem versuchten die Regionen zu demonstrieren, dass sie ihre Funktion erfüllen. Deswegen stuften sie Feuer nicht rechtzeitig als Brände ein, weigerten sich, den Notstand auszurufen, und schätzten die Brandflächen zu niedrig ein, kritisiert Kuksin.

Er fordert ein gesetzliches Verbot für das Abbrennen von Trockengras. „Es gab eine Anweisung des Präsidenten; ein entsprechender Gesetzesentwurf über die strafrechtlichen Folgen von Brandstiftung wurde ausgearbeitet, aber nicht verabschiedet. Jetzt wurde der Entwurf wieder in die Duma

eingebracht", berichtet Kuksin, der davon ausgeht, dass dies zwar Brände nicht gänzlich verhindern könne, damit jedoch ein Anfang gemacht sei. Die Polizei müsse zudem mehr Kontrollen durchführen. „Man sollte ebenso darauf achten, dass die regionalen Behörden die Statistik nicht verfälschen", fordert Kuksin. Und auch die Gouverneure, die trotz der gefährlichen Situation tatenlos geblieben seien, sollten in die Pflicht genommen werden, meint er. „Nun bekommen die Geschädigten neue Häuser und die Gouverneure, die die Katastrophe nicht verhindert haben, lassen sich feiern", ärgert sich der Vertreter von Greenpeace Russia.

Immerhin wurden bereits 25 strafrechtliche Untersuchungen wegen Brandstiftung und behördlicher Fahrlässigkeit eingeleitet. Auch der Leiter des Staatlichen Forstamtes der Region Transbaikalien wurde festgenommen. Die föderale Forstagentur Rosleschos überprüft nun eilends die Brandschutzmaßnahmen in den Regionen.

 

Putin verspricht Hilfe

Russlands Präsident Wladimir Putin stattete der Region am Dienstag einen Besuch ab und sicherte den Brandopfern seine Unterstützung zu. Für die Beseitigung der Schäden habe die Regierung 680 Millionen Rubel, umgerechnet etwa zwölf Millionen Euro, bereitgestellt. Davon sollen nach Angaben des Ministeriums für Sozialpolitik der Region bereits 1,36 Millionen Rubel, also etwa 24 000 Euro, ausbezahlt worden sein. Die Geschädigten erhalten staatliche Hilfen in Höhe von 10 000 Rubel, umgerechnet rund 1 700 Euro, pro Person. 17 000 Euro sollen jene Personen erhalten, deren Wohnhaus vollständig abgebrannt ist. Wenn der Besitz nur teilweise vernichtet wurde, beträgt die Hilfe etwa 8 500 Euro.

 

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