Heimat der Vorfahren: Syrische Flüchtlinge zieht es in den russischen Kaukasus

Die meisten Flüchtlinge wollen nicht mehr zurück nach Syrien. Foto: Dmitri Winogradow/RIA Novosti

Die meisten Flüchtlinge wollen nicht mehr zurück nach Syrien. Foto: Dmitri Winogradow/RIA Novosti

Tausende Syrer verlassen ihr Land. In Russland zieht es die Flüchtlinge vor allem in den Kaukasus. Für viele ist es eine Rückkehr in die Heimat der Vorfahren. RBTH berichtet, welche Herausforderungen dort auf die Flüchtlinge warten.

Chamsa lebt in Russland. Er hat die syrische Staatsbürgerschaft, ethnisch gehört er der Volksgruppe der Bschedugen an, eine Volksgruppe, die auch im russischen Nordkaukasus lebt. Chamsa wurde in der syrischen Hauptstadt Damaskus geboren. Sein Vater lehrte Islamgeschichte an Universitäten im ganzen Nahen Osten. Später, als er in Pension ging, eröffnete er ein Lebensmittelgeschäft, mit dem er gute Umsätze machte.

 

Flucht vor dem Krieg

Die Familie von Chamsa wanderte vor sieben Generationen aus dem Kaukasus aus, als dort Krieg herrschte. Sie stammt aus Kabardino-Balkarien, einer russischen Republik im Nordkaukasus. Der Traum der Familie war es, eines Tages wieder in die Heimat zurückzukehren. „Ich habe diesen Traum wahrgemacht", sagt Chamsa, der noch vor Beginn des Krieges in Syrien auswanderte. Die kabardinische Sprache beherrschte er noch ein wenig; das half ihm, sich zurechtzufinden. Wenn er Kabardinisch spricht, mischt er die Sprache mit Englisch und Arabisch. Bei unserem Treffen sitzt eine Familie aus Naltschik mit am Tisch, um zu übersetzen. Diese Familie hat ihm auch geholfen, Arbeit zu finden. „Als ich hier ankam, musste ich irgendwie Geld verdienen. Früher habe ich nicht gearbeitet, sondern mich nur mit dem beschäftigt, was mich interessierte. Meine Leidenschaft war es, Stromkreise zu konstruieren." In der neuen Heimat hat er schon auf dem Bau, als Möbeltischler und auch als Elektriker gearbeitet.

Inzwischen ist Chamsas Familie nachgekommen, auch seine Eltern und seine Schwester. Das Haus und das Geschäft der Familie wurden zerstört. „Ich war schon hier, als in Syrien die Luftangriffe anfingen. Meine Verwandten kamen nach. Ich hatte keine Probleme, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Für meine Eltern war das viel schwieriger", berichtet Chamsa.

Chamsa lebt nun zur Miete. Sein Onkel half ihm, eine Unterkunft zu finden. Die Syrer hielten zusammen und würden einander helfen, sagt Chamsa. Unterstützung gibt es auch von der Internationalen Adygeischen Organisation. „Wir haben 500 000 Rubel (etwa 9000 Euro) bekommen, um uns ein Haus zu kaufen. Das Geld wurde auf mein Konto überwiesen." Doch ein passendes Haus habe er noch nicht gefunden, sagt Chamsa. Dennoch will er nicht nach Syrien zurückkehren, wie die Mehrheit seiner Landsleute. Einige wären bereit zurückzugehen, wenn sich die Lage in Syrien wieder normalisiert habe. Bis dahin werden aber wohl noch viele Flüchtlinge in den Kaukasus kommen und die, die schon dort sind, werden versuchen, ihre Verwandten nachzuholen.

 

Ein Haus und Arbeit

Muchammed Chafize, Vorsitzende der kabardinischen sozialen Organisation Adyge Chasse erzählt, dass in der ganzen Welt Gelder gesammelt würden, um Projekte zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge zu finanzieren. Das Geld wird dabei nicht nur für Syrer, die sich in Russland niederlassen wollen,

verwendet. Die Organisation unterstützt die Tscherkessen in der ganzen Welt. „Wir haben einen Spendenmarathon im Fernsehen durchgeführt, wir werden von Privatpersonen und der Verwaltung des Landes unterstützt", erklärt Chafize den Ursprung der Gelder. Chafize sagt, er beschäftige sich schon seit 50 Jahren mit der Rückkehr der Tscherkessen aus allen möglichen Regionen der Welt. Bis zum Beginn des Syrienkrieges 2012 kehrten insgesamt etwas mehr als 3 000 Tscherkessen zurück in die Region, seit 2012 waren es schon über 1 600. Diese Zahlen sind im Vergleich zu dem Flüchtlingsstrom aus der Ukraine zwar wenig beeindruckend, aber jeder der Neuankömmlinge findet eine Arbeit und bekommt ein Haus. Diese Menschen werden Teil einer Gesellschaft, die relativ geschlossen ist und es Zuwanderern gelegentlich nicht leicht macht. „Es sind Menschen aus allen möglichen syrischen Regionen zu uns gekommen, viele haben bereits ihre Staatsbürgerschaft erhalten, an manchen Orten werden ganze Straßenzüge von ihnen bewohnt", berichtet Chafize.

Viele Flüchtlinge seien sehr qualifiziert, unter ihnen seien auch Lehrer und Juristen. Um in Russland in diesen Berufen arbeiten zu können, muss man jedoch gute Russischkenntnisse vorweisen. Die Menschen sprechen aber

meist nur Kabardinisch oder Adygeisch. „Sie haben es schwer, in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten, daher helfen wir ihnen bei der Suche nach Arbeitsplätzen. Sie arbeiten als Bauarbeiter, Sanitärtechniker oder Hilfsarbeiter. In ländlichen Siedlungen arbeiten sie zudem als Erzieher in Kindergärten. Dort ist die Bevölkerung kabardinisch, sie sprechen also deren Sprache", so Chafize. Er selbst beschäftigt einen Flüchtling als Dolmetscher.

Die kürzlich in Kraft getretenen Änderungen im russischen Staatsbürgergesetz erschweren die Situation für die Flüchtlinge. Wer die russische Staatsbürgerschaft erwerben möchte, muss nun gute Russischkenntnisse vorweisen. Chafize ist jedoch zuversichtlich, dass sich die Auflagen an die Wirklichkeit in Kabardino-Balkarien anpassen lassen. „Wir haben eine Petition an den Föderationsrat gerichtet, um Tscherkessisch als russische Sprache anerkennen zu lassen. Bei uns gibt es drei offizielle Sprachen – Kabardinisch, Balkarisch und Russisch."

Amtliche Zahlen

 

Nach Angaben des Föderalen Migrationsdienstes haben in Russland in den Jahren 2009 bis 2014 insgesamt 293 652 Ausländer und Staatenlose eine Anerkennung als Flüchtling und die Gewährung vorübergehenden Asyls beantragt.

  1. Afghanistan : 6 742 Personen
  2. Georgien: 6 557 Personen
  3. Syrien: 5 124 Personen
  4. Ukraine: 271 319 Personen

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