Kult ums Kriegsende: Wie die Russen den Sieg feiern

In Russland wird die Erinnerung an den zweiten Weltkrieg gepflegt.  Foto: Grigori Sysojew/RIA Novosti

In Russland wird die Erinnerung an den zweiten Weltkrieg gepflegt. Foto: Grigori Sysojew/RIA Novosti

Regelmäßig reist die Studentin Kristina Großehabig nach Russland. Bei RBTH berichtet sie diesmal vom unterschiedlichen Umgang der Russen und Deutschen mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Was in Deutschland oft nur als Randnotiz in den Medien erscheint, wird in Russland groß gefeiert.

Ein Schüleraustausch in der zehnten Klasse führte mich das erste Mal nach Russland. Damals verbachte ich zweieinhalb Wochen in einer Gastfamilie in Tula, etwa 200 Kilometer südlich von Moskau. Zu den vielen Eindrücken, die aus dieser Zeit geblieben sind, gehört unter anderem die Vorliebe der Russen für Denkmäler, vor allem für Kriegsdenkmäler. Es gibt keine Stadt, in der sich nicht mindestens eine große Statue, eine ewige Flamme oder gar ein Panzer findet, um an den Zweiten Weltkrieg oder – wie er in Russland genannt wird – den Großen Vaterländischen Krieg von 1941 bis 1945 zu erinnern.

Auf mich haben diese Denkmäler irgendwie fremd gewirkt. Wenn ich mit dem Thema „Krieg" konfrontiert werde, denke ich vor allem an meinen Großvater, der mit nur 17 Jahren als Soldat eingezogen wurde und nahe der südukrainischen Stadt Kriwoi Rog an der Front kämpfen musste. Er erinnert sich noch genau an diese Zeit und erzählt mir oft von seinen Erlebnissen. Manchmal sind die Erinnerungen so schmerzhaft für ihn, dass er mitten im Satz abbricht. Nun, mehr als 70 Jahre später, reise ich immer wieder in das Land, das er und so viele andere damals als Feind betrachten und bekämpfen mussten. Trotzdem ist es gerade mein Großvater, der sich mit mir über meine Reisemöglichkeiten freut und mich darin bestärkt. „Reist, lernt andere Länder und Kulturen kennen, nutzt und lebt eure Jugend – wir hatten damals keine", legt er mir immer wieder an Herz.

 

Die Erinnerung wach halten

Natürlich wird in Deutschland in der Schule das Thema „Zweiter Weltkrieg" behandelt. Trotzdem scheinen entscheidende Daten im Kriegsverlauf, wie zum Beispiel der 8. Mai 1945, der Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, nicht so stark in den Köpfen der Menschen verankert zu sein, obwohl an diesem Tag auch in Deutschland immer wieder Veranstaltungen zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung vom Nationalsozialismus stattfinden. Diese werden aber meist in einem kleinen Rahmen ausgetragen. In Russland hingegen feiert man das Kriegsende und den Sieg über das faschistische Deutschland am 9. Mai, dem Tag des Sieges, auf eine Art und Weise, die bei jedem Ausländer für Erstaunen und vielleicht auch für Unverständnis sorgt.

Vor drei Jahren durfte ich diese Feierlichkeiten miterleben. An diesem Tag war ich erneut in Tula, wo im Stadtzentrum eine große Parade stattfand. Panzer fuhren über den Platz, gefolgt von in Reih und Glied marschierenden Soldaten. Die Zuschauer schwenkten Russlandfahnen und Sankt-Georgs-Bänder. Auf dem Podium am Rand des Platzes saßen Kriegsveteranen in ihren von Orden übersäten Uniformen. Kinder überreichten ihnen Blumen und gratulierten ihnen. Ich kam mir vor wie in einem Film, wie in einer anderen Welt. Einen so übermäßigen Kult um das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte ich noch nie erlebt. Wenn in Deutschland Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestages eines Kriegsereignisses stattfinden, erfährt man davon meist nur in den Nachrichten.

Ich halte es für sehr wichtig, an die verheerenden Ereignisse, die sich vor mehr als 70 Jahren zugetragen haben, zu erinnern. Je mehr Jahre vergehen, desto größer wird der zeitliche und auch gedankliche Abstand zum Zweiten Weltkrieg. Heute haben nur noch wenige junge Menschen Großeltern oder Urgroßeltern, die ihnen von ihren Kriegserfahrungen berichten können. Dass eines Tages keine Zeitzeugen mehr leben werden, ist der Lauf der Zeit, an dem wir natürlich nichts ändern können. Aber wir können dazu beitragen, die Erinnerungen dieser Menschen auch zu unseren Erinnerungen zu machen und sie an zukünftige Generationen weiterzugeben.

Kristina Großehabig studiert Slawistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 2015 arbeitete Sie als Praktikantin in der RBTH-Redaktion.

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