Russlands Muslime: Muftirat fordert Loyalität gegenüber dem Staat

Laut neuer Sozialdoktrin sollen Muslime in Russland patriotisch und loyal sein. Foto: AP

Laut neuer Sozialdoktrin sollen Muslime in Russland patriotisch und loyal sein. Foto: AP

Der russische Muftirat verabschiedete am vergangenen Mittwoch eine neue Sozialdoktrin. Darin geht es um die Rolle der Muslime in der russischen Gesellschaft. Diese sollen friedlich und loyal gegenüber dem Staat sein. Dies stellen die Muftis klar und erteilen islamistischen Strömungen eine Absage.

Der russische Muftirat hat eine neue Sozialdoktrin zur Rolle der Muslime in Russland ausgearbeitet. Beteiligt waren Vertreter des Muftirats, einer der wichtigsten muslimischen Organisationen in Russland, Religionsführer, Theologen und Wissenschaftler. Die Sozialdoktrin ist ein Leitfaden für russische Muslime und beschäftigt sich mit der Haltung zum Staat ebenso wie mit Alltagsfragen. Die Positionen der Doktrin werden sowohl mit Vorschriften aus islamischen Rechtsquellen, aus dem Koran und der Sunna wie auch mit Postulaten aus der bürgerlichen Gesetzgebung Russlands belegt.

Im Grunde schreibt die Doktrin vor, was einen guten Muslim ausmacht. „In erster Linie wird der Gläubige als Patriot gesehen. Die Liebe zur Heimat wird nicht nur akzeptiert, sondern ist auch durch die Postulate des Islams notwendig", heißt es. Darunter werden nicht nur patriotische Gefühle verstanden, sondern auch die Einhaltung der Gesetze. Es wird festgesetzt, dass ein Muslim den Verpflichtungen des Gesellschaftsvertrags aus der Verfassung unterliegt. Auch muss ein Muslim ein friedlicher Mensch sein. Die Doktrin will keinen Dschihad. Ein militärischer Glaubenskrieg könne nur auf Befehl des rechtmäßigen Regenten geführt werden.

 

Radikale Strömungen zurückdrängen

Diese Sozialdoktrin ist nicht die erste ihrer Art. Die Vorgängerversion stammt aus dem Jahr 2001. Damir Chajretdinow, Rektor des Moskauer Islaminstituts und einer der Autoren der aktuellen Doktrin, erklärt RBTH: „Die Lage hat sich seit der Erstellung der ersten Doktrin verändert. In Russland hat sich das Leben stabilisiert (gemeint ist die Beendigung der Kampfhandlungen im Nordkaukasus, Anm. d. Red.), in der Welt sieht es leider umgekehrt aus." Chajretdinow verweist darauf, dass viele junge Muslime, darunter auch russische Staatsangehörige, dem Einfluss von Extremisten ausgesetzt seien. Einige von ihnen würden im Nahen Osten in den Reihen verschiedener Terrororganisationen kämpfen. Chajretdinow betont, dass es eine der wichtigsten Aufgaben der Doktrin sei, die Jugend im Rahmen des traditionellen Islams zu halten.

Die Gefahr der Radikalisierung des Islams ist einer der Gründe, warum die heutige Doktrin einen ausgeprägt friedlichen Charakter hat. Chajretdinow zufolge sind „die zwei größten Abschnitte der Doktrin der friedlichen Koexistenz von Muslimen mit Vertretern anderer Konfessionen, wie auch der richtigen Einstellung gegenüber Dschihad und Takfir" gewidmet. Takfir bedeute unter anderem, dass ein religiöses Oberhaupt bestimmt, ob ein bestimmter Staat gottlos sei und daher von Muslimen bekämpft werden müsse, so Chajretdinow. Darauf basiert das Selbstverständnis der Terroristen des Islamischen Staats. „In der Doktrin steht, dass Takfir nicht angewandt werden sollte", stellt Chajretdinow klar.

Die Doktrin tritt offiziell im Juni in Kraft; nach der feierlichen Unterzeichnung durch die drei wichtigsten muslimischen Organisationen des Landes, die durch ihre Muftis vertreten werden. Chajretdinow geht davon aus, dass sie von der muslimischen Bevölkerung weitgehend anerkannt werden wird.

 

Konfliktpotenzial besteht dennoch

Warwara Pachomenko, Beraterin der International Crisis Group und Kaukasusspezialistin, hat Zweifel. Sie glaubt, dass nicht alle Muslime in Russland die Autorität der Initiatoren anerkennen würden. „Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass es im Islam, im Gegensatz zum Christentum, keine einheitliche Institution der Kirche gibt, die sagen könnte „So soll es gemacht werden". Zweifellos sind die Muftis bei einer großen Zahl von Muslimen hoch angesehen, aber nicht überall. Es gibt viele Gemeinschaften und viele einflussreiche Prediger, unter ihnen auch Radikale, die in Opposition zu den Muftis stehen", gibt sie zu bedenken.

Ein weiterer Schwachpunkt der Doktrin ist laut Pachomenko ihre Orientierung am „traditionellen Islam als Stütze der russischen Staatlichkeit". Damit, so Pachomenko, würden Anhänger radikalerer Strömungen aus dem Dialog zwischen der Regierung und der muslimischen Gemeinschaft ausgeschlossen.

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