Faszination Extremismus: Warum kämpfen junge Russen für den IS?

Weltweit gelingt es dem IS, junge Menschen für sich zu gewinnen. Foto: Reuters

Weltweit gelingt es dem IS, junge Menschen für sich zu gewinnen. Foto: Reuters

Russland kämpft, wie viele andere Staaten auch, mit einer neuen Erscheinung: Junge Menschen schließen sich freiwillig radikalislamischen Gruppierungen an. Schlagzeilen machte kürzlich eine 19-jährige Studentin, die in Syrien für den IS kämpfen wollte. Woher kommt die Faszination für den Extremismus?

Anfang Juni geriet die 19-jährige Warwara Karaulowa in die russischen Schlagzeilen. Die Studentin an der philosophischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität galt als vermisst. Sie tauchte in der Türkei wieder auf. Karaulowas Familie berichtete, die junge Frau habe Russland verlassen, um sich in Syrien den Kämpfern des Islamischen Staats, IS, anzuschließen. Kurz zuvor hatte Karaulowa damit begonnen, einen Hidschab zu tragen. In ihrem Bücherregal fanden sich plötzlich radikalislamische Schriften. Türkische Grenzschutzbeamte griffen Karaulowa auf, als sie mit einer Gruppe illegal die Grenze nach Syrien überqueren wollte. Zurzeit wird über ihre Überführung nach Russland entschieden.

Karaulowa ist kein Einzelfall. Nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB konnte der IS mehr als 1 700 russische Staatsbürger anwerben. Experten gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl noch weitaus höher sein dürfte.

 

Faszination Extremismus

Nicht nur in Russland, sondern weltweit verlassen junge Menschen ihre Heimat Richtung Syrien oder Irak, um sich dort der IS-Terrormiliz anzuschließen. Der Orientwissenschaftler Georgi Mirskij berichtet, dass der IS in den letzten Monaten allein in Frankreich 1 733 Menschen als Kämpfer rekrutieren konnte. Bei rund einem Fünftel handele es sich um Konvertiten, 30 Prozent von ihnen seien Frauen. Woher kommt die Faszination der Jugend für den radikalen Islam?

Der russische Psychologe Pawel Ponomarew ist überzeugt, dass sich nicht-religiöse junge Menschen dem Islam zuwenden, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, sich selbst zu verwirklichen. „Viele junge Menschen erleben eine Krise, die Gesellschaft lässt sie nicht zu Wort kommen und erlegt ihnen starke Einschränkungen auf. Das Vorhaben, aus seinem sozialen Umfeld auszubrechen und in irgendeinem anderen System sofort alles zu bekommen, erscheint so großartig, dass die Menschen bereit sind, auch ihren wahrscheinlichen Tod in Kauf zu nehmen." Auch Karaulowa wollte sich seiner Meinung nach auf diese Weise neu erfinden.

Mirskij vergleicht die Faszination, die der islamische Extremismus auf die Jugend ausübt mit der Faszination für radikale Strömungen vergangener Zeiten, etwa dem Faschismus oder Kommunismus der 1930er-Jahre. Vom IS würden die jungen Leute meist im Internet und in den Moscheen angeworben. „Es ist erstaunlich, dass die Familie und Bekannte nichts bemerkt haben, bis sie verschwunden ist", meint er zum Fall Karaulowa. Er warnt davor, die Bedrohung durch den Islamismus in Russland zu unterschätzen.

 

Islamischer Staat gleich besserer Staat?

Trotz der steigenden Popularität des Extremismus unter nicht-religiösen Jugendlichen bleibt die Hauptzielgruppe des IS muslimische Gläubige. Murad Atajew, einflussreicher Imam einer Berliner Moschee, in der laut deutschen Behörden mutmaßlich IS-Kämpfer angeworben werden, behauptet, dass auf Seiten des IS „nicht weniger als 1 500 Menschen aus dem Nordkaukasus, genauso viele aus Dagestan wie aus Tschetschenien" kämpften, wie er von Meduza.io zitiert wird.

Warwara Pachomenko, Kaukasusexpertin und Beraterin des internationalen Krisenstabs, nimmt an, dass es drei Hauptgründe gibt, warum radikale Strömungen unter Muslimen immer beliebter werden. Der erste sei die Unzufriedenheit mit der Staatsführung. „Korruption und der Zerfall der Gesellschaft führen dazu, dass die Menschen glauben, es sei äußerst schwierig oder gar unmöglich, die eigene Situation zu verbessern, und vielen Muslimen scheint es, dass man Gerechtigkeit nur erreichen könne, wenn die weltliche Regierung durch ein Kalifat, in dem nach der Scharia gelebt wird, ersetzt wird."

Der zweite Grund sei das allzu eifrige Vorgehen offizieller Stellen bei der Bekämpfung radikalislamischer Strömungen: „Wenn Menschen nicht wegen eines Gesetzesübertritts verfolgt werden, sondern nur, weil sie lange Bärte tragen oder in die falsche Moschee gehen, wird das letztendlich dazu führen, dass sich auch eindeutig gemäßigte Muslime radikalisieren", erklärt Pachomenko.

Der dritte Grund seien die inzwischen intensiveren Beziehungen zwischen den Muslimen im russischen Kaukasus und denen im Nahen Osten: „In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten wurden die Kontakte in den Nahen Osten ausgebaut, auch nach Syrien. Daher geht das, was dort geschieht, vielen Kaukasiern sehr nahe. Das trägt zur Steigerung der Popularität radikaler Strömungen bei."

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