Frauenrechte im Kaukasus: Zwangsverheiratung und Ehrenmord

Immer mehr Frauen in Tschetschenien werden Opfer von Gewalt und Diskriminierung. Foto: RIA Novosti

Immer mehr Frauen in Tschetschenien werden Opfer von Gewalt und Diskriminierung. Foto: RIA Novosti

Zwangsverheiratung, Kopftuchzwang und sogar Ehrenmorde: Frauen im Kaukasus haben es schwer. Gleichberechtigung ist in den islamisch geprägten Republiken ein kaum diskutiertes Thema. Frauenrechtsorganisationen engagieren sich, um dies zu ändern. Doch es fehlt die Unterstützung durch Behörden.

Ende Mai sorgte die Geschichte der 17-jährigen Luisa Gojlabiewa in den russischen Medien für Aufsehen. Sie soll mit einem 46-jährigen, bereits verheirateten Oberst des tschetschenischen Innenministeriums zwangsverheiratet worden sein. Unter vielen Russen war die Aufregung groß. Öl ins Feuer goss Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow, der die Eheschließung absegnete, und der russische Kinderschutzbeauftragte Pawel Astachow, der ungeachtet aller Appelle der Journalisten darauf verzichtete, in der Angelegenheit einzugreifen, und zudem erklärte, niemand könne gegen den eigenen Willen verteidigt werden.

 

Traditionen treffen auf Religion

Menschenrechtler stellen immer wieder fest, dass es in einigen kaukasischen Republiken um die Frauenrechte zunehmend schlechter bestellt ist. Nach Einschätzung Ekaterina Sokirjanskajas von der Internationalen Krisengruppe sind beispielsweise Zwangsehen auf tschetschenischem Boden eine neue Erscheinung, die nicht nur mit Tradition zu erklären sei: „Für tschetschenische Familien war es eine Schande, eine Frau zu einer Heirat zu zwingen. Jetzt aber – das stellen lokale Aktivisten fest – nutzen Sicherheits- und Staatsbeamte ihre Positionen aus", erklärt die Menschenrechtlerin.

Die traditionellen kaukasischen Werte und Normen würden dennoch dazu führen, dass Frauenrechte im Nordkaukasus öfter verletzt würden, als in anderen Regionen Russlands, betont Sokirjanskaja. „Für Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien sind starke Traditionen durchaus charakteristisch. Weitaus weniger ausgeprägt sind sie in Nordossetien, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien. Andererseits übt auch die Religion ihren Einfluss aus, denn die Rechte der Frau im Islam sind anders definiert als die Frauenrechte in der russischen Verfassung", sagt sie.

Frauen in Tschetschenien wird beispielsweise vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben. Seit 2008 dürfen sie Ämter und Bildungseinrichtungen nur betreten, wenn sie einen langen Rock tragen und Arme und Haar bedeckt sind. „Früher war die tschetschenische Gesellschaft viel toleranter. Während des Krieges trug ich Hosen und niemanden in Grosny interessierte das. Auch heute ist es einfachen Menschen völlig egal, wie Frauen gekleidet sind. Größte Aufmerksamkeit schenken diesen Fragen die lokalen Machthaber, weil sie den Konservatismus für ihre Ziele nutzen", erläutert Sokirjanskaja.

In den anderen muslimischen Republiken Russlands, in Tatarstan beispielsweise, sei der Islam gemäßigter und die dortigen Machthaber würden ihn auch nicht als Staatsideologie einsetzen. In Tschetschenien dagegen drohe einer Frau die Verhaftung, wenn sie rauche, und außereheliche Beziehungen könnten in Ehrenmorden enden. Deren Zahl steige beständig.

Aktuell steht in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ein Mann vor Gericht, der seine 38-jährige Tochter erwürgt haben soll. Sie war geschieden und alleinerziehende Mutter eines 10-jährigen Jungen. Die Nachbarn hatten beobachtet, wie ein unbekannter Mann sie nach Hause brachte. Dies habe den Vater zu seiner Tat motiviert. Im Gerichtssaal erinnerte einer der Zeugen den Richter daran, dass Ramsan Kadyrow in der Vergangenheit Verständnis für Ehrenmorde gezeigt habe.

 

Moskau nimmt kaum Einfluss

Staatliche Behörden können die Lage nicht beeinflussen. Sokirjanskaja erinnert sich an den Chef des Untersuchungskomitees für die Republik Tschetschenien Sergej Bobrow, der 2013 Ehrenmorde untersuchte. „Doch man hat offen versucht, Druck auf ihn auszuüben. Er wurde bald von einem „loyaleren" Beamten abgelöst. Die Gesetze der Russischen Föderation gelten in Tschetschenien nur bedingt. Die wichtigste Handlungsvorgabe ist ein Befehl Ramsan Kadyrows", erzählt sie. Im vergangenen Jahr entstand in Moskau ein Ministerium für den Nordkaukasus, doch auch diese Behörde äußert sich nicht zum Stand der Frauenrechte in der Region.

Nichtregierungsorganisationen versuchen die Lage zu verbessern. „Aktuell sind in Tschetschenien sechs oder sieben Frauenrechtsorganisationen tätig – so viele wie noch nie. Sie helfen dabei, Probleme zu lösen, oftmals ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Offen vorgehen können sie nicht", sagt Sokirjanskaja.

Im Rahmen einer Umfrage zum Thema Gender-Probleme im Nordkaukasus gaben von 1 200 befragten Einwohnern der Region 76 Prozent an, Fällen von Frauenrechtsverletzungen begegnet zu sein.

Die Befragten sprachen von Ungleichheit, Erniedrigung, Diskriminierung bei Bewerbungen sowie Verletzungen persönlicher Rechte und des Rechts auf Selbstbestimmung.

„Leider sind handfeste Maßnahmen zum Schutz von Frauenrechten in der Region kaum vorhanden. Menschenrechtler könnten ihren Beitrag dazu leisten, beschränken sich bislang aber auf die Nachsorge. Wie Umfragen zeigen, wollen tschetschenische Frauen einerseits mehr über ihre Rechte erfahren, andererseits würden sie sich aber niemals öffentlich positionieren", erläutert Saida Siraschudinowa, Präsidentin des Zentrums Kaukasus. Frieden. Entwicklung. Das Institut erforscht globale Fragen der Gegenwart und regionale Probleme.

Ein Boom zivilgesellschaftlichen Engagements ist auch nicht zu erwarten. Die Frauen Russlands würden weder für die Rechte ihrer Mitbürgerinnen, noch für ihre eigenen Rechte kämpfen wollen. Dies habe die Diskussion eines möglichen Abtreibungsverbots in Russland vor Kurzem gezeigt, sagt die Journalistin und Aktivistin der Initiativgruppe Pro Feminismus (Za feminism) Natalia Bitten. „Das größte Potenzial zur Einflussnahme haben Frauen mit akademischen Abschlüssen und einer hohen sozialen Stellung. Sie sind über die Lage der Frauen im Nordkaukasus durchaus besorgt und sie wissen auch, was zu tun ist. Sie appellieren an den Staat und an die Sicherheitsbehörden", erklärt Bitten. Bislang sei dies jedoch weitgehend erfolglos, wie die Hochzeit in Tschetschenien gezeigt habe.

Abhilfe schaffen könnten ausgerechnet Erfahrungen aus der sowjetischen Vergangenheit. So tendierten die Richter in Scheidungsprozessen prinzipiell dazu, sich auf die Seite der Mütter zu stellen. Das soll nach dem Willen der Frauenrechtlerinnen wieder so werden: „Russische Gesetze müssen die Frauen schützen, auch gegen religiöse Bräuche und Normen", betont Sokirjanskaja.

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