Russen verlieren den Glauben an die Kirche

Orthodoxer Priester spricht einen Segen vor Sojus-Raumschiff TMA-13M aus, das vom Startplatz am Bajkonur-Kosmodrom absetzt.

Orthodoxer Priester spricht einen Segen vor Sojus-Raumschiff TMA-13M aus, das vom Startplatz am Bajkonur-Kosmodrom absetzt.

Reuters
In den vergangenen 25 Jahren haben die Russen ihre Einstellung zur Kirche geändert. Nur knapp über ein Drittel von ihnen heißt die Popularisierung von Religion gut, fast jeder Fünfte ist der Ansicht, dass sie nur schadet.

Laut Verfassung ist Russland ein weltlicher Staat, in dem Kirche und Staat getrennt sind. Dennoch haben der Rechnungshof und die Russisch-Orthodoxe Kirche neulich ein Kooperationsabkommen über die Korruptionsbekämpfung unterzeichnet und vor ein paar Jahren ist in den Schulen das Pflichtfach „Grundlagen religiöser Kulturen und weltlicher Ethik“ eingeführt worden.

„Die Kirche mischt sich immer mehr in die Privatsphäre ein“, beklagt Elena Babitsch, Leiterin der Bewegung „Sankt Petersburg – die geistige Metropole“. „Sie geht dabei sehr aggressiv vor und stößt auf eine ebenso aggressive Gegenreaktion. Es findet kein Dialog mit der Öffentlichkeit statt, und das stimmt die Leute misstrauisch und verunsichert sie.“

 

Die Kirche kümmert sich nicht um die Menschen

Laut einer WZIOM-Umfrage aus dem Juli dieses Jahres befürworten 36 Prozent der Russen eine Popularisierung von Religion – 1990 waren es noch 61 Prozent. Nicht nur wird die Unterstützung geringer, in den vergangenen 25 Jahren ist der Anteil an entschiedenen Religionsgegnern stark gestiegen: 23 Prozent sind heute der Auffassung, dass eine Verbreitung von Religion der Gesellschaft schadet – 1990 sprachen sich nur fünf Prozent gegen Religion aus. Und 18 Prozent sind der Überzeugung, dass die Verbreitung von Religion ihnen persönlich eher schadet – diese Gruppe ist in den vergangenen 25 Jahren um das Sechsfache gewachsen.

„Die Kirche kümmert sich immer mehr ums Geschäftliche statt um die Bevölkerung, sie interessiert sich verstärkt für Projekte mit staatlicher Beteiligung“, erklärt Babitsch. „Überall boomt der Kirchenbau, und die Menschen reagieren darauf negativ. Uns werden Parks und Freizeitanlagen weggenommen, obwohl es in der Stadt reichlich Gotteshäuser gibt, die ohnehin leer stehen, weil nur sehr wenige Menschen zum Gottesdienst gehen.“

Moskau hat insgesamt mehr als 1 000 Kirchen und Kapellen. Außerdem wurde in der Hauptstadt vor einigen Jahren das Bauprogramm „200 Gotteshäuser“ gestartet, nach dem die Stadteinwohner Kirchen in ihrer Nähe bekommen sollten. Sie werden diesem Programm zufolge in sogenannten Schlafbezirken errichtet, wobei die Kapazität einer Kirche auf 20 000 Menschen ausgelegt ist.

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„Wir hatten in der Nähe der U-Bahnstation Babushkinskaja (im Norden von Moskau, Anm. d. Red.) vor unserem Haus einen Park mit Teich“, erzählt der Einheimische Anton Wassiljew. „Dies war der einzige Ort, wo man mit den Kindern spazieren gehen und im Winter rodeln konnte. Nun wurde die Anlage eingezäunt und dort wird eine Kirche gebaut. Wir waren dagegen, aber auf uns hörte niemand. Ich selbst bin gläubig und mir macht es nichts aus, 15 Minuten bis zur nächsten Kirche zu laufen. Wozu soll nun noch eine im Hof gebaut werden?“

18 Prozent der Russen hätten nichts gegen den Bau einer Kirche der vertrauten Konfession in ihrer Nachbarschaft. 43 Prozent aber wären gegen die Entstehung von Gotteshäusern anderer Konfessionen in ihrer Nähe. Nicht weniger streiten sich die Geister wegen bereits errichteter Kirchen.  

„Im Moment lehnen sich die Einwohner von Sankt Petersburg gegen den Versuch auf, die Isaak-Kathedrale der Russisch-Orthodoxen Kirche zu übergeben“, sagt Babitsch. „Sie hat niemals der Kirche gehört, wurde zu allen Zeiten vom Staat unterhalten und ihr Bau wurde aus der Staatskasse finanziert. Wir befürchten, sie als Museum und Sehenswürdigkeit für Touristen zu verlieren.“

 

Für Russen sind Glaube und Kirche zweierlei

Psychologen stellen fest, dass die Russen die Begriffe „Kirche“ und „Glaube“ voneinander abgrenzen, dass es aber dadurch nicht weniger gläubige Menschen gibt. So finden 55 Prozent der Russen, dass ihnen der Glaube im Leben weiterhilft. 1990 glaubten das nur 23 Prozent.

„Es gibt um einiges mehr Gläubige als Kirchengänger, die sich an die kirchlichen Bräuche halten“, erzählt Psychologin Elena Galizkaja. „Der Glaube sitzt tiefer im Herzen, während Kirchenregeln nur äußere Attribute sind. Die Menschen empfinden es nicht als einen Widerspruch, wenn sich Gläubige gegen die Kirche oder deren Vorsteher äußern.“

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