„Ziemlich beste Freunde“ für Moskaus Obdachlose

Die Moskauer Initiative Drusja na ulize unterstützt Wohnungslose in Moskau.

Die Moskauer Initiative Drusja na ulize unterstützt Wohnungslose in Moskau.

Jelena Kasatschkowa
Die Initiative Drusja na ulize engagiert sich für Obdachlose in Moskau. Neben der Versorgung mit Essen und Kleidung kümmern sich die engagierten Helfer auch um Freizeitangebote für die Wohnungslosen. Besonders wichtig ist den Helfern dabei der respektvolle Umgang mit den Betroffenen.

Die Initiative Drusja na ulize (zu Deutsch: „Freunde von der Straße“) engagiert sich seit 2002 für Obdachlose in Russlands Hauptstadt. Berührungsängste oder Vorurteile kennen die engagierten Helfer dabei nicht. Für sie haben die Obdachlosen im Leben einfach weniger Glück gehabt als andere Menschen.

Am Jaroslawler Bahnhof treffen wir in der Anlaufstelle für kurzfristige soziale Hilfe Natalja Markowa, eine der Koordinatorinnen der Initiative, mit ihren Unterstützern und einigen Obdachlosen. Manche der Wohnungslosen werden schon seit Jahren von der Initiative betreut und es sind inzwischen echte Freundschaften entstanden. „Wie geht es Ihnen, Mascha?“, fragt Natalja Markowa eine sonnengebräunte kleine Frau in einem abgetragenen Trainingsanzug. „Alles gut, danke“, antwortet Mascha. „Was gibt es denn heute für einen Film?“, fragt sie.

Anlaufstelle für kurzfristige soziale Hilfe am Jaroslawler Bahnhof in Moskau. Foto: Jelena Kasatschkowa

Neben der Anlaufstelle eröffnete Ende Juli ein Kino für Obdachlose. Die ersten Filme, die hier gezeigt wurden, waren die französische Filmkomödie „Ziemlich beste Freunde“ und der sowjetische Klassiker „Operation Y“. „Heute steht ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ auf dem Programm“, verrät Natalja Markowa.  

Ein offenes Ohr für die Probleme der Bedürftigen

Natalja Markowa. Foto: Jelena Kasatschkowa

Die Anlaufstelle ist ein Projekt des Departements für sozialen Schutz der Bevölkerung Moskaus. Sie ist in einem weißen Zelt untergebracht, das auf einem eingezäunten Gelände steht. Wir werden dort von ein paar Männern in der Uniform der „Sozialen Patrouille“ begrüßt. Sie arbeiten im Auftrag des Departements. Einmal pro Woche wird das Zelt der Initiative Drusja na ulize zur Verfügung gestellt. Bedürftige bekommen dort eine Mahlzeit und Getränke und können nun auch Filme anschauen.

Vor der heutigen Filmvorführung haben Freiwillige ein Buffet organisiert, erklärt uns Markowa. Gemeinsam mit den Obdachlosen tragen sie gerade Tische aus dem Zelt und bereiten die Essensausgabe vor. Hinter dem grünen Zaun hat sich mittlerweile eine Menschentraube gebildet. Man wartet auf das Mittagessen. Einige kommen nur aus diesem Grund hierher. Vor dem Eingang sind schon mürrische Wortwechsel zu hören.

Die Wartenden werden in kleinen Gruppen hineingelassen. Ein Freiwilliger erklärt mir, dass Obdachlose, die andere beschimpfen oder sich aggressiv verhalten, weggeschickt werden oder ganz hinten in der Schlange warten müssen. Einer von ihnen, er hat ein blau unterlaufenes und teilweise verbundenes Gesicht, kommt zuletzt rein. Er hatte zuvor versucht, andere Wartende  wegzustoßen.

Die Mehrheit bleibt nicht länger als für die Mahlzeit. Den Film wollen nur wenige sehen. Im weißen Zelt nehmen sie auf den Stühlen Platz. Die Zeltwand ist gleichzeitig die Leinwand, auf der nun das Gesicht von Bill Murray erscheint.

Freunde von der Straße

Während die Obdachlosen sich den Film anschauen, unterhalten wir uns mit Andrej Wolkow, einem weiteren Koordinator der Initiative. „Die Idee zu diesem Projekt entwickelte eine Gruppe von Leuten, die das Bedürfnis hatten, anderen Menschen zu helfen. Wir gingen auf die Straße und lernten einige Obdachlose kennen. Wir begriffen, dass diese Menschen ein sehr schweres Leben führen. Einerseits ist da der ständige Mangel an Essen und Kleidung. Hier versuchen wir zu helfen, zum Beispiel mit warmen Mahlzeiten, Tee und im Winter auch mit Kleidung. Wir kaufen das alles aus eigenen Mitteln.“

Doch die materielle Versorgung ist nicht alles: „Außerdem haben die Obdachlosen auch ein großes Bedürfnis nach menschlichem Kontakt, nach achtsamer Behandlung und Freundschaft. Wir organisieren daher auch soziale Angebote, Fußballspiele zum Beispiel oder jetzt auch Filmvorführungen“, berichtet Andrej Wolkow.  

Essensausgabe. Foto: Jelena Kasatschkowa

 

Die obdachlose Mascha ist dankbar für dieses Engagement. „Ich war in einer sehr schweren Situation, sie hatten meinen Mann zusammengeschlagen. Da rief ich Andrej an und erzählte ihm, was passiert ist. ‚Wir sind auf der Straße, hilf uns bitte‘, sagte ich. Und sie halfen uns wirklich. Es ist nicht nur, dass wir hier etwas zu essen bekommen, das gäbe es auch woanders. Sie behandeln uns wie Menschen, sie stehen uns moralisch zur Seite, das ist sehr wichtig. Ich habe früher viel getrunken. Hier hat man mir geholfen, trocken zu werden. Und ich klaue heute auch nicht mehr“, erzählt Mascha.

Während wir uns unterhalten, kommt es zu Randalen. Einer der Obdachlosen geht auf die anderen los. Sofort greifen die Männer der „Sozialen Patrouille“ ein und bringen ihn nach draußen. „Es kommen manchmal stark alkoholisierte Leute, die sich schlecht benehmen“, sagt  Wolkow. „Aber ich glaube, das ist kein Problem speziell von Obdachlosen, dieses Problem betrifft das ganze Land. Natürlich haben es Menschen auf der Straße sehr schwer. Nicht jeder schafft es, unter solchen Bedingungen psychisch einigermaßen stabil zu bleiben.“

Am Ende der Filmvorführung ist das Publikum auf nicht mehr als zehn Gäste zusammengeschmolzen. Es ist stickig im Zelt, auf der Zeltwand ist kaum etwas zu erkennen. Es hängt wohl auch mit dem Wetter zusammen, dass heute nur so wenige Zuschauer geblieben sind, versucht Natalja Markowa zu erklären: „Mit unserem ersten und zweiten Film stießen wir auf große Resonanz, wohl auch deshalb, weil das Angebot neu war. Jetzt haben die Leute vielleicht schon genug, und außerdem ist es heute sehr heiß und für manche wohl zu anstrengend, zwei Stunden hier zu sitzen.“

 

Frisiersalon und Bibliothek für die Obdachlosen

Die Zahl der Obdachlosen in Moskau lässt sich schwer genau bestimmen. Es gibt verschiedene Einschätzungen, in jedem Fall ist von mehreren zehntausend Menschen auszugehen. Die städtischen Behörden und ehrenamtlichen Mitarbeiter helfen Obdachlosen mit unterschiedlichen Angeboten. In der Anlaufstelle Angar spassenija (zu Deutsch: „Halle des Heils“) gibt es beispielsweise einen Friseur. Hier schneiden Freiwillige Obdachlosen die Haare. Der Frisiersalon wurde aus Mitteln der Organisation Miloserdze („Mildtätigkeit“) finanziert, die der Russisch-Orthodoxen Kirche nahesteht. Bei Angar spassenija soll demnächst auch eine Bibliothek für Obdachlose eingerichtet werden.

Das Departement für sozialen Schutz der Bevölkerung Moskaus hilft aber auch Nicht-Moskowitern, die, zum Beispiel weil sie Opfer eines Diebstahls geworden sind, ohne Geld, Dokumente und Unterkunft dastehen, in ihren Heimatort zurückzukehren, erklärt Wsewolod Koschelew, Mitarbeiter des Departements.

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Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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