Umfrage zu Krim und Ukraine: Die Russen sind krisenmüde

Reuters
Die Russen sehen die Eingliederung der Krim zunehmend kritischer, ergab eine aktuelle Umfrage. Auch glauben viele Menschen, dass das Land einen zu hohen Preis für seine Ukraine-Politik bezahle. Rund ein Viertel der Befragten gibt an, unter den Folgen der Sanktionen zu leiden.

Ende August befragte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum russische Bürger erneut zu ihrer Einstellung gegenüber der Eingliederung der Halbinsel Krim in die Russische Föderation. Dabei zeigte sich, dass die Russen zunehmend Zweifel an einem positiven Effekt der Eingliederung haben. Während bei der letzten Umfrage noch rund 70 Prozent der Befragten glaubten, die Eingliederung der Halbinsel habe mehr Gutes als Schlechtes gebracht, sind davon nun nur noch 59 Prozent überzeugt. Der Anteil derer, die vom Gegenteil überzeugt sind, stieg von 18 Prozent auf 23 Prozent.

50 Prozent der Befragten unterstützen die Eingliederung. Das sind sieben Prozent weniger als noch im März des letzten Jahres. Gegenüber Ende 2014 beziehungsweise Anfang 2015 blieb der Wert jedoch unverändert.

Die Umfrage zeigt zudem, dass die Anzahl der Befürworter militärisch-technischer und wirtschaftlicher Hilfe für die Aufständischen in den selbsternannten Volksrepubliken in der Ukraine abgenommen hat. Militärisch-technische Unterstützung befürworten nur noch 50 Prozent der Befragten, im Juni 2014 waren es noch 64 Prozent. Wirtschaftliche Unterstützung wünschen sich 72 Prozent; auch da lag der Wert 2014 mit 79 Prozent deutlich höher. Nur ein  Fünftel spricht sich für eine direkte militärische Einmischung und den offenen Einsatz des russischen Militärs im Osten der Ukraine aus. Das entspricht einem Rückgang von zehn Prozent.

Russen haben genug von der Krise

Denis Wolkow vom Lewada-Zentrum sagt, die Umfrage spiegele eine Tendenz wider, die sich bereits lange abgezeichnet habe und nun offenkundig geworden sei. „Aufgrund der Entwicklungen und mit zunehmenden negativen Erfahrungen sind immer weniger Menschen zur Unterstützung der Politik unserer Regierung gegenüber der Ukraine bereit“, hält er fest. Er betont dabei, dass die russische Regierung dennoch weiter von der Mehrheit der Russen unterstützt werde.

Die Russen seien der Krise in der Ukraine überdrüssig geworden, meint Wolkow. Die Umfrageergebnisse zeigten, dass im August letzten Jahres noch 64 Prozent der Russen angaben, sie würden die Ereignisse in der Ukraine aufmerksam verfolgen. Aktuell seien es gerade noch 45 Prozent. Wolkow unterstreicht aber auch, dass die Ereignisse in der Ukraine nach wie vor das wichtigste Thema für die Russen seien. Während vor einem Jahr die Ukraine die Berichterstattung in Russland noch dominiert habe, seien die Themen mittlerweile aber wieder vielfältiger. 

Ein Signal an die Regierung?

Dmitrij Orlow, Generaldirektor der Agentur für Politik- und Wirtschaftskommunikation, findet, dass das Verhältnis der Russen zur Krise in der Ukraine und zur Krim „verhaltener und pragmatischer“ geworden sei. „Die Russen unterstützen, wie aus der Umfrage folgt, sowohl die Integration der Krim, als auch die Hilfe für das Donezkbecken, denken aber, dass diese Hilfe nicht mit zu hohen Kosten für die geopolitische Stellung des Landes und das Wohlergehen der Staatsbürger verbunden sein sollte“, so Orlow. Die Umfrage zeigt, dass die Russen mittlerweile die Auswirkungen der antirussischen Sanktionen westlicher Staaten persönlich und im familiären Umfeld zu spüren bekommen. 27 Prozent gaben an, direkt oder indirekt betroffen zu sein. 2014 lag der Wert noch bei 16 Prozent.

Analysten glauben, dass die geänderte Stimmungslage zur Ukraine-Krise mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation im Land zusammenhänge. „Die wirtschaftliche Situation im Lande verschlechtert sich und die Bürger spüren dies sehr deutlich. Ein Teil von ihnen verbindet diese Verschlechterung mit der Politik der Regierung, die in Bezug auf die Krim und den Konflikt im Donezbecken geführt wird“, sagt Orlow. Er glaubt, die Ergebnisse der Umfrage seien als ein Signal an die Regierung zu werten, über den Preis, der für den gewählten politischen Kurs gezahlt werden müsse, nachzudenken.

Pawel Swjatenkow, Experte des Nationalstrategieinstituts, sieht hingegen keinen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise und der Einstellung der Russen zur Eingliederung der Krim. Es sei offensichtlich, dass die Krise „nicht durch die Sanktionen der Länder des sogenannten Westens, sondern durch die Struktur der russischen Wirtschaft hervorgerufen wurde, die stark erdölabhängig ist“, sagte Swjatenkow.

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