Russland und die Streuner: Wo bleibt das Herz für Tiere?

Russische Tierschützer sorgen sich um die wachsende Zahl von Straßentieren.

Russische Tierschützer sorgen sich um die wachsende Zahl von Straßentieren.

Jewgenij Bijatow/RIA Novosti
Herrenlose Tiere sind ein großes Problem in russischen Städten. Tierschutzorganisationen vertreten unterschiedliche Lösungsansätze. Die einen fordern die Tötung von Straßentieren, andere wünschen sich mehr Aufklärung und ein Aktionsprogramm der Regierung, um vor allem die Vermehrung der Tiere zu stoppen.

Ich wohne im 14. Stock. Ich bin Schlafwandlerin. Eines Sommers, das Fenster stand weit offen, habe ich im Schlaf das Bett verlassen und bin auf das Fenster zugelaufen. Wenn mein Kater nicht gebissen und gekratzt hätte, wäre ich hinausgefallen. Er hat mich aufgeweckt, sonst wäre ich aus dem Fenster im 14. Stock gestürzt“, erzählt Olesja Moskowskaja. Den Kater, der auf den Namen Beton hört und den sie aus einem Tierheim geholt hat, rettete ihr das Leben.

Viele andere Tiere haben nicht so viel Glück wie Kater Beton. Niemand weiß, wie viele Streuner, herrenlose Hunde und Katzen, es in Russland gibt. Zwar gibt es immer wieder Menschen, die ein Tier aus dem Tierheim zu sich nehmen, so wie Olesja. Doch die Zahl der Straßentiere bleibt konstant. Millionen könnten es sein, schätzen Experten. Immer wieder werden Tiere einfach ausgesetzt, berichten die Mitarbeiter von Vita, einem Zentrum für den Schutz der Tierrechte.

Jagd auf Streuner

Im postsowjetischen Russland wurden Streuner zwangssterilisiert, doch auch diese Maßnahme brachte keine Besserung. Auch, weil sie nicht konsequent umgesetzt wurde – mit traurigen Folgen für die Tiere: In Russland, Weißrussland und der Ukraine entstand das sogenannte „Doghunting“: die Jagd auf streunende Tiere in den Siedlungen, vor allem auf Hunde, aber auch auf Katzen, Ratten und Raben. Dabei wenden die „Doghunter“ auch radikale Methoden an, die auch Haustieren schaden können. So legen sie etwa Giftköder in Parks aus.

Laut einer Umfrage der Stiftung für öffentliche Meinung aus dem Januar des Jahres 2013 befürworten nur neun Prozent der Russen die Arbeit der „Doghunter“, 72 Prozent lehnen sie ab. Die Mehrheit der Befragten, rund 48 Prozent, lehnt das „Doghunting“ aus Tierschutzgründen ab. Dennoch sei Tierliebe nur selten der wichtigste Grund, sich ein Tier anzuschaffen, sagen die Mitarbeiter von Vita. Die Tiere sollten der Unterhaltung dienen oder ein Prestigeobjekt sein. Wenn sie ihren Zweck erfüllt hätten oder langweilig geworden seien, würden sie einfach ausgesetzt. Es sei kein Wunder, dass sich die Zahl der Streuner nicht reduziere. 

Irina Nowolschilowa, Leiterin von Vita, sieht jedoch kleine Fortschritte. Das Problem der Streuner rücke immer mehr ins öffentliche Bewusstsein, doch es müsse noch viel mehr Aufklärung betrieben werden. Das sagen auch die oft ehrenamtlich engagierten Helfer in den Tierheimen: „Vor fünf Jahren hat sich noch überhaupt niemand für das Schicksal der Streuner interessiert. Dann haben wir die Menschen darüber informiert und Ausstellungen organisiert. Jetzt hat sich die Situation etwas verbessert“, erzählt Natalja Tschaplin, Gründerin und Leiterin des Moskauer Freiwilligenprojekts Podarok sudby (zu Deutsch: Geschenk des Schicksals).

Wer ein Tier rettet, sollte belohnt werden

Jedoch ließe sich das Problem mit gesellschaftlichen Anstrengungen allein nicht lösen, meinen Experten. Die Regierung müsse ebenfalls einen Beitrag leisten. Anton Zwetkow, Mitglied der Gesellschaftskammer der Russischen Föderation, vermisst eine Organisationsstruktur im Tierschutz. Geprüfte gemeinnützige Organisationen könnten helfen, diese Struktur zu etablieren.

Swetlana Iljinskaja, Präsidentin des Zentrums für Tierschutz, schlägt eine Lösung vor, die auf den ersten Blick drastisch erscheinen mag. Sie spricht sich für den Einsatz von Tierfängern und Tötungen aus. „Dass ein Leben auf der Straße besser sei als der Tod, ist ein Mythos“, sagt sie. Auf der Straße hätten die Tiere ohnehin keine große Überlebenschance, würden bis zu ihrem Tod aber noch unter den schwierigen Bedingungen leiden müssen, gibt sie zu bedenken. Nach 14 Tagen sollten Tiere im Tierheim eingeschläfert werden. Sollten sie bis dahin nicht vermittelt werden, müsste sich zumindest ein Sponsor für sie finden, so Iljinskaja.

Nowolschiwa glaubt, man sollte nicht die Folgen, sondern die Ursachen bekämpfen. Dabei müsse insbesondere die unkontrollierte Vermehrung der Tiere im Vordergrund stehen. Sie schlägt vor, das Problem über finanzielle Anreize zu lösen: Die, die ihre Tiere nicht sterilisieren ließen, müssten eine hohe Steuer zahlen, Züchter eine gar noch höhere. Doch wer ein Tier aus dem Tierheim aufnehme, sollte eine Belohnung bekommen.

Drei russische Projekte für herrenlose Tiere

1. Teddy Food:

Teddy Food bietet die Möglichkeit, Futter oder Zubehör zu kaufen, das dann Tieren im Heim gespendet wird. Der Spender kann dem Tier über eine Kamera zuschauen, wie es sich an der Spende erfreut – sei es ein neues Halsband oder ein Knochen.

2. DogDating:

Freiwillige können sich in sieben Tierheimen russischer Großstädte melden, um mit den Hunden Gassi zu gehen. Es ist eine ideale Möglichkeit für Menschen, die keinen eigenen Hund halten können, aber dennoch Zeit mit einem Tier verbringen wollen.

3. Tierheim Scheremetjewo

Das Tierheim in Scheremetjewo nimmt als einziges in ganz Russland auch sogenannte Kampfhunde auf. Die Tiere werden nur in verantwortungsvolle Hände abgegeben, und obwohl das Interesse an den Tieren groß ist, bleiben sie oft sehr lange im Heim. Mehrere hundert Kampfhunde werden pro Jahr aufgenommen.   

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Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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