Gedenken an Paris: Moskau trauert mit Blumen, Kerzen und Ikonen

Pawel Koschkin
Nach einer Serie von Terroranschlägen am Freitag in Paris fühlen die Russen mit den Franzosen. Russische Bürger versammelten sich mit Blumen, Kerzen und Ikonen vor der französischen Botschaft in Moskau, um ihr Beileid und ihre Solidarität auszudrücken.

Unmengen an Blumen, Kerzen und Ikonen liegen akkurat vor der französischen Botschaft in Moskau. Es ist eine beeindruckende Gedenkstätte, ungefähr sieben bis zehn Meter lang und vier bis fünf Meter breit. Von der Oktjabrskaja-U-Bahnstation im Zentrum Moskaus, in der Nähe der französischen Botschaft, bildet sich eine hundert Meter lange Schlange an Menschen, die ihre Solidarität mit Frankreich bekunden wollen.

Bereits seit Mitternacht kamen die Moskauer zur Botschaft, nachdem am Freitag Paris Schauplatz von furchtbaren Terroranschlägen geworden war. Sie bringen nicht nur Blumen, Kerzen und Ikonen, sondern auch kleine Plakate mit: „Pray for France“, „Stoppt den Krieg“, „Je suis Paris“, „Sei stark Paris, Russland wird immer mit euch sein“.

Wie viele andere Russen auch, war der 45-jährige Volkswirt Wladimir nach den Angriffen geschockt. „Ich war bestürzt“, sagt er. „Ich weiß nicht, warum solche Dinge passieren. Die Ereignisse in Paris sind eine Fortsetzung dieser Tragödien der letzten Zeit.“ Dennoch will er Angst und Panik nicht zulassen. „Man versucht, im Alltag nicht darüber nachzudenken.“ Um den „guten Menschen, die nicht zögern, ihre Solidarität auszudrücken“, beizustehen, sei er zur Botschaft gekommen. „Ich bin sehr froh, dass es in Russland Menschen gibt, die kommen, um ihre Unterstützung für Frankreich und Europa kundzutun. Denn für Russland und die russische Gesellschaft habe ich keine große Zuversicht.“

Auch Ivan (28) ist zur Botschaft gekommen. „Ich empfinde tiefes Mitgefühl für die Opfer (von Paris), auch wenn ich sie nicht kannte“, sagt er. „Niemand hat das Recht, anderen das Leben zu nehmen, vor allem auf eine so hinterhältige Art und Weise.“ Ivan fühlt sich hilflos: „Ich weiß nicht, wie man (den Terror) bekämpfen soll. Solche Angriffe sind auf der ganzen Welt möglich und ich kann mich nie hundertprozentig sicher fühlen. Wer weiß, was passiert: Heute atmen wir noch und laufen herum, aber schon morgen könnten wir alles verlieren.“ Selbst wenn die russischen Behörden die Sicherheitsvorkehrungen, unter anderem im öffentlichen Verkehr, landesweit erhöhen würden, wäre Ivan skeptisch, dass es das Terrorproblem lösen könnte. Denn „es ist unmöglich, einen großen Fluss von Menschen, die ins oder aus dem Land strömen, zu überprüfen“, meint er.

Moskauer fordern stärkere Kontrolle der Flüchtlinge

Ein Freund von Ivan, Maxim (29), stimmt mit der Forderung vieler Experten überein, die Flüchtlingsströme stärker zu kontrollieren. Die Terrorangriffe seien keine Überraschung gewesen, sagt er. Frankreich habe vielen Syriern Asyl gewährt, die von Terroristen hätten angeworben werden können. Deshalb müsse die Kontrolle der Flüchtlingsströme für die Behörden „an allererster Stelle“ stehen, findet Maxim.

„Solche Angriffe sind unabwendbar (in Russland) und wir sollten ihnen irgendwie entgegenhalten“, sagt Wadim Solowej, der Leiter der Rettungsgruppe Digger-Spas, einem unabhängigen Zentrum, das mit dem russischen Ministerium für Katastrophenschutz kooperiert. Auch er ist gekommen, um Blumen vor der französischen Botschaft niederzulegen und den französischen Bürgern sein Mitgefühl auszudrücken. „Jeder Mord, vor allem jeder Terrorangriff, hinterlässt ein tiefes Schmerzgefühl. Wir spüren es, als ob es unser eigener Schmerz wäre.“

Ein Terrorangriff könne überall auf der Welt und zu jeder Zeit passieren, befürchtet Solowej. „Wir müssen vernünftig und vorsichtig sein, weil die Sicherheitssysteme nicht immer in höchster Alarmbereitschaft sind und es unmöglich ist, alle Szenarien vorherzusehen. Wir alle sollten diesem globalen Übel entgegenhalten. Wir sollten nicht über politische Themen diskutieren, sondern mit unserem ganzen Herzen verstehen, dass wir einen gemeinsamen Feind haben, der vernichtet werden muss.“

Vor der französischen Botschaft steht auch Amelle, eine 20-jährige Austauschstudentin aus Frankreich, die an der Lomonossow-Universität in Moskau studiert. Als sie von den Angriffen erfuhr, strich sie ihren Flug und überdachte ihre Reisepläne. „Ich hörte davon am nächsten Morgen und war total geschockt“, sagt sie. „Ich fühle mich zwar in Frankreich und in Russland allgemein sicher, aber nicht, wenn ich fliege. Vor den Anschlägen in Frankreich wollte ich Flüge buchen, entschied mich dann aber dagegen.“

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