Syrien: Bericht aus einem zerrissenen Land

Die Menschen in Syrien sehen keine Alternative zum Assad-Regime.

Die Menschen in Syrien sehen keine Alternative zum Assad-Regime.

Ria Nowosti
Die russische Militärpräsenz in Syrien mischte die geostrategischen Karten im Nahen Osten neu. Für die Anhänger des offiziellen Damaskus ist dies ein Grund zur Zuversicht. Andere hingegen sind weniger optimistisch. Aber eine Alternative zu Assad sehen die meisten Syrer trotz Unzufriedenheit mit dem Regime nicht.

Latakia – Syrien. „Russlands Einsatz lässt uns wieder hoffen, dass der Krieg endlich zu Ende geht und wir in unsere Häuser zurückkehren können“, sagt der 25-jährige Amir Suliman aus Aleppo, der Wirtschaftshauptstadt Syriens. Seit mehreren Jahren bereits teilen Frontlinien die Stadt. Sie wird umkämpft, von der offiziellen syrischen Armee, den Terrororganisationen IS und Dschabhat an-Nusra sowie unzähligen weiteren Gruppierungen. Wir treffen Amir am Flughafen von Latakia. Dort wartet er – mitten im dröhnenden Lärm startender Suchoj-Kampfjets – auf eine Maschine des russischen Katastrophenschutzministeriums, die ihn nach Russland bringen soll. 

Wenn Architekten wieder gebraucht werden

„Meine Mutter ist Russin, mein Vater ist Syrer. Die Rebellen haben unser Haus in Aleppo besetzt, also mussten wir nach Latakia fliehen. Jetzt will ich nach Sankt Petersburg, um mein Architektur-Studium fortzusetzen, an der Gornyi-Universität. Ich hoffe, dass wenn ich mit dem Studium fertig bin, auch der Krieg in Syrien zu Ende sein wird und Architekten wieder gebraucht werden. Dann bauen wir auf, was zerstört wurde“, sagt Amir.

Wann es so weit sein wird, wann Amir in seine Heimat zurückkehren und das nächste Mal seine Verwandten sehen kann, weiß niemand. Nur 30 Kilometer nördlich von Latakia wird gekämpft, die syrische Armee versucht die Grenze zur Türkei – darüber werden Rebellen mit Nachschub und Munition versorgt – unter ihre Kontrolle zu bringen.

In Latakia selbst sind keine Anzeichen von Krieg zu sehen. Im August 2011 gab es hier noch Straßenkämpfe. Heute treffen sich die Einwohner in Cafés, am Wochenende gehen sie festlich Essen, es gibt Diskotheken, Hochzeiten werden gefeiert. Tagsüber trifft man sie schon mal am Strand. Frauen tragen Bikinis, verhalten sich ungezwungen. Es ist offensichtlich, dass diese Menschen den Einmarsch von Islamisten nicht wollen. Denn dann gäbe es nur eins: Flucht oder Niqab (Gesichtsschleier).

„Wir haben an Assad einiges auszusetzen. Doch das verblasst angesichts der Gefahr, die der IS und die Dschabhat an-Nusra mit sich bringen“, sagt der Geschichtslehrer Gadir Wassuf. „In all den Krisenjahren hat es die syrische Opposition nicht geschafft, eine Alternative zu Assad anzubieten. Wir sehen keine ‚befreiten‘ und friedlichen Gebiete, wo die Oppositionellen ein normales Leben ohne Assad auf die Beine gestellt hätten. Der syrische Präsident und seine Politik wurden, bei allen Vor- und Nachteilen, zu einem Symbol des Widerstands gegen die Terroristen, die aus der ganzen Welt hierherkamen“, erklärt er. Der Pädagoge ist überzeugt: „Erst wenn die Terroristen vertrieben sind, können wir ein normales Leben aufbauen und Assad wieder kritisieren.“

Stadt der Kontraste

Die in Latakia arbeitenden Journalisten und stationierten Soldaten erhalten gleich bei ihrer Ankunft die Empfehlung, sunnitische und palästinensische Stadtviertel vorsichtshalber zu meiden. Dort ist die Unterstützung Assads und damit auch die Sympathie für das russische Militär weitaus geringer als unter den Alawiten. 

Im August 2011 flammten in den palästinensischen Vierteln bewaffnete Ausschreitungen gegen die Regierung auf. Um die Aufstände niederzuschlagen, setzte die syrische Führung Kampfschiffe vor der Küste Latakias ein und beschoss die Rebellen. Heute ist es in Latakia viel ruhiger, an die Ereignisse von vor vier Jahren erinnern nur die befestigten Wachposten um die palästinensischen Viertel herum sowie die Einschusslöcher in den Hauswänden. 

Hinter den Absperrungen eine ganz andere Welt: Staubige Straßen, ärmliche Verkaufsstände, Frauen in Burkas mit vielen Kindern. „Wir sind zur Armut verdammt. Die meisten von uns können nicht auf gute Arbeit und gute Löhne hoffen“, sagt ein Einwohner und lädt mich in seinen kleinen Laden zu einer Tasse starken Kaffee mit Kardamom ein. Deswegen hätten die Proteste angefangen, erzählt der Palästinenser. „Von denen, die mit den Demonstrationen angefangen haben, wollte keiner den Krieg. Radikale aus dem Ausland haben die Unruhen ausgenutzt. Angeblich kamen sie nach Syrien, um ihren Brüdern zu helfen. In Wirklichkeit hatten sie ihre eigenen Ziele. Jetzt denken wir, wenn der Assad siegt, wird alles wieder so, wie es war“, sagt er.

In der Wahrnehmung vieler Palästinenser ist die russische Luftwaffe eine Macht, die den Krieg zugunsten des offiziellen Damaskus wenden kann. „Den Krieg haben alle satt. Unsere Wirtschaft, unser Leben ist am Boden. Aber was nach dem Sieg Assads wird? Wieder das Alte? Oder zieht Assad seine Schlüsse und ändert seine Politik? Niemand kann das sagen“, erzählt mein Gesprächspartner.

Brennender Flickenteppich

Die syrische Gesellschaft – vor dem Krieg machte sie den Eindruck einer friedlichen und in bescheidenem Maße wohlhabenden – ist offensichtlich gespalten. Bis 2011 galt es als unangemessen, jemanden nach seiner Konfession zu fragen. Das war eine persönliche Sache. Jetzt versuchen die Menschen aus Angst vor Problemen, „fremde“ Viertel zu meiden. Und während in der alawitischen Minderheit die Unterstützung Baschar al-Assads recht groß ist, ist die Sache bei den anderen religiösen und ethnischen Gruppen nicht so eindeutig.

Denkt man an die unzähligen Rebellen aus dem Ausland, die aus der ganzen Welt – auch aus Russland – nach Syrien kamen, wird klar, dass das heutige Syrien ein Flickenteppich ist, den wieder „zusammenzunähen“ nicht einfach sein wird. Das spiegelt sich auch im Verhältnis zu den Russen wider. In Latakia sind sie die Beschützer. In gebrochenem Englisch rufen Taxifahrer, Straßenhändler und Kellner unisono: „Thank you, Russia! Welcome to Syria! I love Abu-ali Putin!“ Die Alawiten gaben dem russischen Präsidenten den Spitznamen „Vater-ali Putin“. 

Von der „anderen“ Seite – aus den vom offiziellen Damaskus nicht kontrollierten Gebieten – werden die russische und syrische Luftwaffe ständig beschuldigt, zivile Infrastrukturen zu bombardieren. Foto- und Videomaterial werden als Belege herangezogen. Die Anhänger Assads bezeichnen diese Nachrichten als Fälschungen. Für die Opposition sind sie ein weiterer Beweis für die Korruptheit des Regimes. 

Jetzt sind im Zentrum Latakias jeden Abend Schüsse zu hören, Leuchtraketen steigen in die Luft: Syrische Soldaten begrüßen ihre Kameraden, die zwei Jahre lang auf dem eingekesselten Stützpunkt Kweiris in einem Vorort von Aleppo im Norden Syriens ausharrten. Vor wenigen Tagen hat die syrische Armee mit russischer Luftunterstützung die Rebellen zurückgedrängt und die Blockade des Stützpunkts beendet. Die Soldaten konnten zurückkehren, die Zerschlagung der Terroristen bei Aleppo geht weiter. Das alles stimmt vorsichtig optimistisch – diejenigen jedenfalls, die Baschar al-Assad gegenüber loyal bleiben.

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